Alzheimer: Langer Abschied von der Schwiegermutter

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Die Krankheit Alzeimer zerstörte das innige Verhältnis von Schwiegermutter und Schwiegertochter.
Foto: iStock (Symbolbild)

Alzheimer: Elisabeth pflegte ihre Schwiegermutter zu Hause

Was tun, wenn ein Angehöriger an Alzheimer erkrankt? Elisabeth Kapsreiter entschied sich dafür, ihre demenzkranke Schwiegermutter zu Hause zu pflegen. Und erlebte harte Jahre.

Als ihre Schwiegermutter an Alzheimer erkrankte, entschied sich Elisabeth Kapsreiter für eine Pflege zu Hause. Doch die neue Situation war so schwer, dass das zuvor innige Verhältnis von Schwiegertochter und Schwiegermutter in die Brüche ging. Eine Geschichte vom langen Abschied von einem geliebten Menschen, dem eine Krankheit die Erinnerungen und die Selbstständigkeit nimmt.

von Elisabeth Kapsreiter

"Es ist ein grauer Dezembermorgen. Am Nachmittag soll meine Schwiegermutter beerdigt werden. Ich sitze am Küchentisch und schreibe einen Brief – einen Abschiedsbrief, den ich in das Grab werfen möchte. Dabei schweifen meine Gedanken ständig ab und viele Bilder werden vor meinen Augen lebendig. Meine Schwiegermutter war eine ganz besondere Frau. Über viele Jahre hat sie mein Leben beeinflusst und geprägt.

Im Alter von zwei Jahren verlor sie durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör vollständig. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter. Zwei Stiefmütter folgten, machten ihr Leben jedoch nicht gerade besser. Sie heiratete einen ebenfalls gehörlosen Mann, schenkte sieben gesunden Kindern das Leben und wurde bereits mit 44 Jahren plötzlich Witwe. Damals war ihr jüngster Sohn gerade neun Monate alt.

Ihr drittgeborener Sohn wurde zu ihrer wichtigsten Stütze im Leben. Und genau dieser Mann war meine große Liebe ! Als er mich seiner Mutter vorstellte, rechnete ich mit Abwehr von ihrer Seite – war ich doch im Begriff, ihr diesen Sohn „wegzunehmen“. Aber davon war nichts zu spüren! Ohne Widerstand akzeptierte sie, dass nun eine andere Frau den ersten Platz im Herzen ihres Sohnes einnahm.

Ich hatte zum ersten Mal Kontakt mit einem gehörlosen Menschen und merkte schnell, dass ich Kommunikation ganz neu „buchstabieren“ musste. Aber ich war fest entschlossen, jede Hemmschwelle zu überwinden und mich mit meiner Schwiegermutter genauso gut verständigen zu können wie ihre Kinder. [...] Am Beginn unserer Beziehung forderte sie mich – unbewusst – zu einem konsequenten Lernprozess heraus. Verständigung war ja nicht möglich, ohne dass wir vorher Blickkontakt aufgenommen hatten. So wurde meine Schwiegermutter zu meiner großen Lehrmeisterin in Sachen Kommunikation.

Nach ihrem 75. Geburtstag vollzog sich mit ihr eine erschreckende Veränderung. Sie hatte dieses Ereignis lange vorbereitet und sich sehr auf das große Fest gefreut. Kurze Zeit danach war sie jedoch kaum wiederzuerkennen – körperlich sehr geschwächt, ohne jeden Lebenswillen. Für sie und ihre Kinder sowie deren Familien begann eine schwierige Phase. Nach zwei Jahren, in denen sie verschiedene Male im Krankenhaus gewesen war, konnten wir vor der Diagnose nicht länger die Augen verschließen: Alzheimer , fortgeschrittene Demenz.

In einem Gespräch mit meinem Mann brachte meine Schwiegermutter zum Ausdruck, dass sie gerne bei uns wohnen wollte. Es war eine tiefgehende Erfahrung, als Gott mein Herz berührte: Mir wurde klar, dass ich meine Berufstätigkeit und manch andere Dienste aufgeben sollte, um mich um meine Schwiegermutter zu kümmern. Voller Idealismus ging ich diese Aufgabe an. Das innige Verhältnis, das wir zueinander aufgebaut hatten, und der Wunsch zu helfen – verbunden mit der inneren Gewissheit, dass auch Gott dies wollte – schienen mir eine ausreichende Grundlage zu sein, um die neue Situation zu meistern.

Meine Schwiegermutter war körperlich stark geschwächt und ihrer Umgebung gegenüber sehr passiv geworden. Deshalb hatte ich in erster Linie die Vorstellung, dass es meine Aufgabe sein würde, sie zu pflegen und ihr mit Liebe und Fantasie schöne Stunden zu bereiten. Durch die Aussicht, zu uns zu ziehen, blühte sie jedoch wieder auf und nahm an Gewicht zu. Sie kam ihrerseits mit der Vorstellung zu uns, mir den Haushalt zu führen. Dass dies nicht lange gut gehen konnte, lag in der Natur der Sache. Eine Zeit lang machten wir alles gemeinsam. So wurden in ihrer ersten Woche bei uns dreimal alle Stühle und der Tisch im Esszimmer abgewaschen und poliert. Mir wurde schnell bewusst, dass ich diesen Lebensstil nicht lange durchhalten konnte. Wenn meine Schwiegermutter sah, wie ich Arbeiten im Haushalt alleine wesentlich schneller bewältigte, wurde sie ganz mutlos.

Aus Verzweiflung verweigerte sie das Essen

Schleichend veränderte sich unsere Beziehung. An allem, was sie nicht mehr machen konnte, war nun entweder ich oder unser dummes Bügeleisen oder sonst irgendein Gegenstand in unserem Haushalt schuld. Die Auswirkungen der fortschreitenden Demenz wurden uns in ihrer ganzen Härte erst im täglichen Miteinander deutlich. In den Augen meiner Schwiegermutter verwandelte ich mich allmählich in ihre Stiefmutter, der sie ihren ganzen Widerstand entgegensetzte. Sie wollte nicht mehr reden, verlor dadurch fast ihren gesamten Wortschatz.

Dann reagierte sie mit einem Verhalten, mit dem sie schon in der Vergangenheit in den Krisenzeiten ihres Lebens immer wieder ihre Ohnmacht zum Ausdruck gebracht hatte: Sie verweigerte das Essen. Damit traf sie mich an meiner empfindlichsten Stelle. Natürlich hatte ich mich in der Zwischenzeit intensiv mit der Pflege Demenzkranker beschäftigt. Aber alle Ratgeber gingen von der Hörfähigkeit des Patienten aus. Miteinander reden, singen, spielen, etwas unternehmen: All dies war in unserer speziellen Situation nicht mehr möglich. Liebevolle Berührungen ließ meine Schwiegermutter immer weniger zu, sie fielen mir auch zunehmend schwerer. So überlegte ich täglich, wie ich ihr mit wohlschmeckendem Essen etwas Gutes tun konnte. Durch ihre Verweigerung fühlte ich mich regelrecht schachmatt gesetzt und auch persönlich verletzt. Unsere in langen Jahren aufgebaute Beziehung – wo war sie geblieben? Sie schien in ein großes schwarzes Loch gefallen zu sein. Das Gefühl des Versagens wurde fast übermächtig.

Meine Schwiegermutter baute körperlich immer weiter ab, bis wir uns in einer harten Entscheidungsfindung dazu durchrangen, eine Magensonde legen zu lassen. Ich wurde selbst sehr krank und musste operiert werden. Beides zusammen hatte zur Folge, dass wir meine Schwiegermutter schweren Herzens in ein nahe gelegenes Heim gaben. Doch wir konnten aufatmen – diese Schritte stellten sich als gut heraus. Sie kam wieder zu Kräften, die Magensonde wurde entfernt. Doch schließlich ging es erneut bergab. Mit 79 Jahren starb meine Schwiegermutter am frühen Weihnachtsmorgen.

In dieser schwierigen Zeit waren einige Dinge geschehen, die ich vom Verstand her vergeben hatte. Doch in meinem Herzen waren Anklagen hängen geblieben. Auf keinen Fall wollte ich über den Tod hinaus diese Anklagen in mir zulassen. Sie hätten wohl unweigerlich zu einer Verbitterung geführt. So dachte ich darüber nach, wie ich symbolhaft die Vergebung zum Ausdruck bringen konnte. In Psalm 103 lesen wir, dass Gott unsere Sünden von uns entfernt, so fern der Morgen vom Abend ist. In einer anderen Bibelstelle heißt es, dass er sie ins äußerste Meer wirft. In diese Überlegungen hinein sah ich vor meinem inneren Auge ein Grab als so einen unzugänglichen Ort. Da kam mir der Gedanke, in einem Brief all das auszusprechen, was mich belastete, meine Schwiegermutter um Vergebung zu bitten, ihr von Herzen alles zu vergeben und sie der Gnade und dem Frieden Gottes anzubefehlen.

Ich wollte Vergebung statt Verbitterung

So saß ich nun einige Stunden vor der Beerdigung in der Küche und schrieb diesen Brief, der einen Schlussstrich unter die letzten harten Jahre ziehen sollte. Doch dann passierte etwas Besonderes! Die Beerdigung war fast vorbei; mein Mann, meine Schwägerin und ich gingen als Letzte vom Grab weg. Am Friedhofsausgang kam mir der Gedanke, den Totengräbern noch zu sagen, wie sie die Kränze anordnen sollten.

Ich ging allein zurück – und da stand im offenen Grab einer der Totengräber und hielt mir meinen Brief entgegen. Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen; meine Wahrnehmung spielte sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen ab. Da war zum einen diese groteske Situation – der Mann im Grab und die anderen drei Totengräber um das Grab herum. Für einen Moment war ich versucht, den Brief entgegen zu nehmen und höflich Danke zu sagen. Dann war da der schreckliche Gedanke: Willst du diese ganze Last wirklich wieder auf dich nehmen? Mit einer fast wilden Entschlossenheit riss ich dem Mann den Brief aus der Hand und warf ihn wieder ins Grab. „Nein, dieser Brief muss da drin bleiben!“

Was für ein Bild der Vergebung wurde mir in diesem Augenblick geschenkt! In meinem Herzen wusste ich plötzlich: Gott selbst ist hier und stellt mich noch einmal auf die Probe. Will ich diese Erlebnisse wirklich loslassen? Mit einem Mal wurde mir ganz leicht zumute. Es war wie ein letzter Abschiedsgruß: Meine Schwiegermutter und ich und Gott in unserer Mitte! Und ich wusste: Die Wunden der Vergangenheit werden heilen. Ich werde meine Schwiegermutter so im Herzen behalten können, wie sie vor ihrer Krankheit war, als wir eine ganz besondere Beziehung zueinander hatten."

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Ein Hauch vom Himmel" von Elisabeth Mittelstädt. Darin berichten viele verschiedene Menschen von Ihren Erfahrungen mit dem Tod geliebter Menschen und Ihren Wegen, mit der Trauer umzugehen.

ISBN 978-3-86591-978-6 / Gerth Medien GmbH, Verlagsgruppe Random House

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Berührende Video-Dokumentation über eine Ehe nach der Diagnose Alzheimer

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