Angst-Coaching: Wie gehen wir richtig mit Angst um?

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Wie wir alle richtig mit der Angst vor Terror und Übergriffen umgehen

Wir leben in aufwühlenden Zeiten. Doch inwiefern dürfen wir uns von Angst beherrschen lassen? Ein Angst-Coach gibt Tipps, wie wir richtig mit Angst umgehen können.

Spätestens seit Paris hat die Angst vor Terror noch viel mehr Menschen ergriffen als sowieso schon. Alle sagen, wir sollen uns davon nicht beherrschen lassen, weitermachen wie bisher, ausgehen, feiern - sonst hätten "die" gewonnen.

Das lässt sich so leicht sagen. Doch die Angst geht davon nicht.

Bernhard Juchniewicz ist Präsident der ECA (European Coaching Association), wo er auch als Coach arbeitet. Schon seit 1976 berät der studierte Diplompädagoge und Diplomsozialarbeiter Menschen in besonders belastenden Lebenssituationen. Mit uns sprach er über Angst und wie wir richtig mit ihr umgehen.

Bernhard Juchniewicz selbst wurde schon von Flugangst geheilt. Er stellt fest: "Zwischen Ängsten und Befürchtungen muss man unterscheiden. Befürchtungen könnte man auch als 'gesunde Ängste' bezeichnen. Gesellschaften wurden schon immer bedroht, ob durch Kriege, Epidemien oder Naturkatastrophen. Wir streben eine maximale Kontrolle über die Dinge an, die uns widerfahren können. Nehmen wir unsere Befürchtungen als das, was sie sind: eine Ratgeberin, die uns warnt. Lassen Sie sich von ihnen aber nicht dominieren.

Das ist auch das, was wir unseren Kindern vorleben sollten. Eltern sollten ihre Kinder nicht zu sehr 'behüten' und vor dem 'Alltag schützen'. Um sich altersgemäß zu entwickeln benötigen sie eine unbewusste Kompetenz im Umgang mit angstmachenden Situationen. Eltern müssen ein gesundes Urvertrauen, ein 'Gottvertrauen' vermitteln, dass es dem gesunden Mensch ermöglicht, sich in seinem Leben - in jedem Augenblick – für das Richtige entscheiden zu können und so geschützt durchs Leben zu gehen."

Herr Juchniewicz, wie können und sollen Erwachsene auf ihre eigene Angst reagieren?

"Angst macht uns wachsam - Gefühle wie Lampenfieber beflügeln oft eine sinnesspezifische 'Wachheit und eine Selbst-Verantwortung' bei Alltags-Herausforderungen. Aber Angst, die über ein natürliches und zumutbares Maß hinausgeht, beschweren das tägliche Leben von Menschen, lässt uns erstarren und kann sogar Karriere und Lebensglück verhindern und die Gesundheit beeinträchtigen. Spätestens wenn Sie merken, die Angst hindert Sie daran, Ihren Alltag zu leben, sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen.

Check-up: Machen Sie eine einfache Übung, wenn Sie merken, dass Sie sich durch Befürchtungen blockiert fühlen. Setzen Sie sich in einem bequemen Sessel und entspannen Sie für fünf Minuten. Schließen Sie die Augen. Atmen Sie ruhig ein und aus. Gedanken sind jetzt unwichtig. Achten Sie darauf, dass Sie sich wohlfühlen in Ihren Gedanken. Wenn es Ihnen gelingt, herzlichen Glückwunsch. Gelingt es Ihnen nicht, befinden Sie sich möglicherweise in einer Fixierung.

Dann können Sie sich fragen, worauf Sie mit Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen fixiert sind und überlegen Sie, ob Sie das schon länger belastet. Wenn Sie letztere Frage mit 'Ja' beantworten, ist das vielleicht ein Hinweis darauf, das Problem einmal mit einem Experten zu besprechen. Schon die Äußerung Ihrer Ängste kann Ihnen Erleichterung bringen. "

Kinder bekommen oft mehr mit, als wir glauben. Wie können (und sollten?) wir ihnen die Angst nehmen oder mindern?

"In der Tat sehen Kinder – auch aufgrund vieler Medienangebote – viele Dinge, die sie – aber auch uns – erschrecken. Wir mindern die Angst, indem wir sowohl unsere als auch ihre Ängste ernstnehmen und darüber sprechen. Trösten - sowohl körperlich (in den Arm nehmen) als auch seelisch z.B. mit Ablenkung oder miteinander der Angst begegnen, z.B. zusammen in den 'dunklen Wald' gehen oder in eine Einkaufscenter mit vielen Menschen.

Am Besten lebt man ihnen ein gesundes Verhalten vor. Denn Eltern begleiten ihre Kinder in Situationen, auf die sie ängstlich reagieren, so lange, bis ihr Kind lernt, den Umgang mit der angsteinflößenden Situation altersgemäß einzuschätzen, zu reagieren und damit souverän umgehen zu können. Bestärken Sie Ihre Kinder, geben Sie Ihnen das Gefühl, dass sie etwas bewirken können und nicht passiv irgendwelchen Bedrohungen ausgesetzt sind.

Verschweigen ist kontraproduktiv. Manche Menschen neigen aber dazu, ihre sie ängstigenden Situationen für sich zu behalten und niemanden in ihre Ängste einzuweihen. Sie empfinden ihre Ängste als persönliche Schwäche, besonders im Beruf. Damit tun sie weder sich noch ihrer Umwelt einen Gefallen. Gerade Kinder haben ein feines Gespür dafür, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Indem man sie im Unwissen lässt über das, was einen belastet, nimmt man ihnen die Möglichkeit, zu lernen, damit umzugehen. Man sollte die Angst enttabuisieren, aber ihr auch nicht huldigen.

Ängstliche Kinder kann man beruhigen z.B. mit einem Handy mit Notruffunktion. Gesundes Selbstvertrauen lernen sie im Sport (z.B. Judo oder Selbstverteidigung), Yoga gibt es inzwischen auch für Kinder und hilft gelassener zu bleiben oder zu werden."

(Weitere Tipps finden Sie hier: Wie rede ich mit meinem Kind über Terrorismus?)

Wie begegnet man am besten den Ängsten der anderen Erwachsenen?

(Beispiel: eine Freundin sagt eine Verabredung aus Angst ab)

"Nehmen Sie ihre Reaktion an und reagieren Sie nicht genervt, weil Ihre Pläne über den Haufen geworfen werden.

Angst und Verunsicherung sind normale Reaktion im Angesicht dieser Bedrohung. Die Angst sollte aber nicht Überhand nehmen. Deswegen muss ich versuchen, die Angst auszuhalten und mein Leben weiterzuleben. Das heißt: Ich sollte nicht aus der Angst heraus Orte oder Aktivitäten vermeiden. Natürlich sollte man Hinweise oder Warnungen der Polizei ernst nehmen, aber wenn unser normales Leben zum Erliegen kommt, und wir uns nicht mehr aus der 'Schockstarre' befreien, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Sie wollen uns verunsichern und ins Chaos stürzen, das sollten wir in keinem Fall zulassen.

Auch wenn Sie die Angst Ihrer Freundin respektieren, sprechen Sie mit ihr darüber und fragen Sie sie, in welchen Dingen ihre Angst sie noch einschränkt. Im besten Fall gelingt es Ihnen im Gespräch, die irrationalen Ängste der Freundin in Bezug auf Ihre gemeinsame Verabredung zu relativieren. Durch Kommunikation und Interaktion gelingt es, zuvor als bedrohlich oder beängstigend empfundene Situationen mittels Perspektivenwechsel neu zu erleben und Ressourcen zu aktivieren, die dem Menschen helfen, souverän sein Leben zu leben.

Das menschliche Miteinander und das Zusammenrücken in solchen Krisenzeiten kann einem Menschen wieder Zugang zu seinen tatsächlichen Fähigkeiten, Psychohygiene, Regeneration, Kerngesundheit, Vitalität, Arbeits- & Lebenszufriedenheit, Leistungsbereitschaft, Humor, Lebensfreude, Selbstvertrauen, Souveränität ermöglichen."

Soll ich auf den Weihnachtsmarkt? Kann / darf ich eine Einladung zu einem Konzert absagen?

"Prinzipiell muss das jeder für sich entscheiden. Die Sicherheitsmaßnahmen auf den Weihnachtsmärkten wurden verstärkt und wer als gesunder Erwachsener das Problem betrachtet, muss eingestehen, dass die Wahrscheinlichkeit im Straßenverkehr zu sterben in Deutschland vermutlich höher ist als die, einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen. Trotzdem würde niemand sein Auto deshalb stehen lassen.

Menschen, die Verantwortung tragen, für Angehörige, Familie oder Schutzbedürftige mögen aber zu dem Schluss kommen, dass sie sich deshalb keinem zusätzlichen Risiko aussetzen möchten. Auch das muss man respektieren.

Wer Massenveranstaltungen zunächst meiden möchte, sich aber bewusst nicht durch die Bedrohungen in seiner Lebensqualität einschränken lassen möchte, besucht z.B. kleinere regionale Konzerte oder Weihnachtsmärkte an weniger frequentierten Tagen.

Wichtig ist, dass man seiner Angst aktiv begegnet und sich von ihr nicht lähmen lässt. Wer stufenweise seine Angst begegnet, der kann Ängste überwinden und hat prinzipiell mehr vom Leben: denn Gefahren lauern überall – und wenn man anfängt alles zu meiden, dann hat man bald kein Leben mehr. Ganz nach dem Sprichwort: seien wir ehrlich – das Leben ist lebensgefährlich."

Was hilft gegen solche Ängste vor Anschlägen – was befeuert sie?

"Die Beschäftigung der Medien mit dem Terror machen eine objektive Einordnung für die eigene Gefahrensituation schwierig, fast unmöglich. Ängste werden prinzipiell befeuert, wenn man sich permanent mit ihnen beschäftigt, sich offen zeigt für die schlimmen Szenarien, die sie transportiert. Sie zu ignorieren, ist ebenfalls nicht klug. Wer Ängste einfach als Teile seines Lebens betrachtet, hat die besten Chancen, sie zu relativieren und zu überwinden.

Konzentration auf positive Ziele und Inhalte und unsere Erfahrung helfen uns dabei. Öfter mal die Medien ausschalten und eigene Erfahrungen machen: Meditation, Sport und ein gutes soziales Leben helfen, gelassener zu werden und Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Meine Empfehlung drückt sich am Besten in einem Zitat von Mahatma Gandhi aus: 'Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt'. Gehen Sie unter Menschen, seien Sie aktiv, senden Sie positive Signale aus, lächeln Sie und senden Sie Freundlichkeit aus. Sie werden dasselbe zurückbekommen und merken, wie die Solidarität wächst und ihre Befürchtungen sich im gleichen Maß verringern. Ebenso, wie Terror uns negativ beeinflusst, kann jeder von uns seinen Beitrag dazu leisten, die Furcht unter uns zu mildern."

Die Betriebs-Weihnachtsfeier soll auf dem Weihnachtsmarkt stattfinden (oder ein anderer größerer Anlass im öffentlichen Raum kommt auf das Kollegium zu), wie spricht man mit Kollegen „offiziell“ über seine Angst?

"Es ist nicht neu, dass man über eine Gefahrenerhöhung durch Terror auf Weihnachtsmärkten spricht. Auch in den Vorjahren gab es bereits erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Vermeiden sie im Vorfeld und auch während der Feier politische Diskussionen und Gespräche über die Terrorgefahr mit ihren Kollegen. Sie schüren nur Ängste und verderben im Zweifelsfall den Abend.

Bei einer Betriebsfeier wird in der Regel erwartet, dass man dabei ist und sich kollegial zeigt. Von einer Teilnahme absehen sollten Sie allerdings, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie ihre Ängste während der Feier kontrollieren können. Dann kann es wirklich sinnvoll sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die reine Tatsache, dass ich Angst habe, ist erst mal völlig normal und gehört zum Leben dazu. Denn das Leben ist voller Risiken und Gefahren, das ist die Realität - aber kein Grund, sein Leben nicht mehr zu leben."

Was ist, wenn ich Panik kriege oder irgendwas passiert? Wie beruhige ich mich in einer konkreten Paniksituation?

"Notfallplan: sich vom Standort entfernen und bewegen, ohne panikartig die Flucht anzutreten. Bewegung baut den Stress-Cortisolspiegel ab. Auf die Atmung konzentrieren und der Begleitung signalisieren, dass man Unterstützung braucht. Dann die Veranstaltung verlassen. Anders ist das bei Massenpaniken: da sollte man Ruhe bewahren und sofort – wenn möglich – sich entfernen oder sich an Polizei und Sicherheitskräften (Durchsagen) halten.

Wer sich und andere stresst, erhöht seinen Cortisol-Pegel und das erzeugt wiederum - bei sich und anderen - noch mehr Stress und noch mehr Cortisol. Dagegen hilft ein alter Schauspielertrick: innerlich lächeln und so tun, als wäre alles in Ordnung. Das signalisiert auch dem eigenen Körper und der Psyche, alles wird gut! Und das überträgt sich dann wiederum auf andere….

Wer sich vor einer Situation wie dieser fürchtet, kann den Ernstfall proben, mit Rollenspielen. Dann ist man im Ernstfall 'routinierter' und der Körper spult sein Programm ab. Das kann man auch in kurzen Coachingsitzungen üben: z.B. auf die Atmung konzentrieren und sich von außen betrachten wie im Kino. Die Distanz hilft einem immer. Auch die Beobachtung der Angst als interessante Regung hilft, sich nicht zum Opfer zu machen: man ist nicht das Gefühl, man denkt es. Ein Anker hilft ebenso: ein Köperteil mit einer bestimmten Empfindung des Mutes verknüpfen oder ein Gegenstand mit einem Mutspruch."

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