Besuch bei der Katzenheilerin

katzenkopf angeschnitten freigestellt sxc
Total gestresst?
Foto: stock.xchng

Sie ist nervös, sie beißt. Warum die sonst sanftmütige Katze so reagiert − völlig unklar. Erkennt die Katzenheilerin, was Minni fehlt?

Minni hat Lunte gerochen: Sie versteckt sich in der äußersten Ecke hinterm Bett. Meine Katze weiß genau, was der Katzenkorb im Flur bedeutet: in jedem Fall Autofahrt, meistens auch Tierarzt. Nichts davon gefällt ihr.

Heute haben wir ein anderes Ziel. Minni reist im Korb mit mir zur Hamburger Tierheilpraktikerin Nicole Schöfmann. Die nennt sich auch "Katzenflüsterin", sagt, sie könne mit Tieren kommunizieren, und hat ein Buch über ihre Gabe geschrieben. Eine einstündige Sitzung kostet 70 Euro. Katzenkundlerin Schöfmann will sogar die Aura einer Katze als farbiges Flimmern sehen und daran erkennen, welche körperlichen Beschwerden das Tier hat. Aura? Na ja. Doch ich wüsste gern, was mit Minni los ist. Sie wirkt so nervös. Bettelt um Futter, obwohl ihr Fressnapf gefüllt ist. Beißt mich, wenn ich sie liebevoll streichle. Ich bin ratlos. Und ich habe ein schlechtes Gewissen. In den letzten Monaten musste ich oft lange arbeiten und war dann abends zu kaputt, um mit ihr zu spielen. Schmusen - ja, das tun wir ausgiebig. Dann schnurrt sie und fühlt sich wohl. Manchmal sieht sie mich aber so eindringlich an, als wolle sie mir etwas sagen. Nur was? Ob ihr körperlich etwas fehlt?

Kurz bevor ich Nicole Schöfmanns Praxis betrete, kommen mir Zweifel. Ich werde sie testen, am besten nichts über Minni und mich verraten. Wenn sie wirklich kann, was sie sagt, wird das ja wohl auch nicht nötig sein. Eine schlanke, große Frau öffnet mir lächelnd die Tür, sie hat so schmale Augen, dass ihr Gesicht tatsächlich ein wenig an eine Katze erinnert. Sie blickt auf den Korb, aus dem Minni jammert. Wir gehen in einen kleinen Raum, setzen uns auf den Boden, sind sofort beim Du.

"Lass sie jetzt laufen", bittet mich Nicole. Minni rennt sofort los. Mustert Nicole, blickt sich hektisch um, wie eine Raubkatze. Plötzlich wirft sie sich hin und fängt an, ihre Füße zu putzen, dann gähnt sie und faucht gleich darauf. "Die hat Stress", sagt Nicole. Doch ist das ein Wunder, nach der Autofahrt? Als hätte sie meine Gedanken gehört, erklärt die Verhaltensexpertin: "Es geht ihr gut. Den Transport hat sie schon vergessen. Durch die neue Umgebung und dadurch, dass wir beide unsere Aufmerksamkeit auf sie richten, ist Minni überdreht und versucht, den Stress abzubauen. Aber sie genießt es, hier zu sein." Der Stress soll ihr gefallen? Wie das?

Da, ich glaube es kaum, legt sich meine Katze auf den Rücken, dreht den Kopf in meine Richtung und beginnt zu schnurren. "Ich rate dir, noch eine zweite Katze zu kaufen. Minni braucht eine Freundin", sagt Nicole. Woran sie das erkennt? "Das sagt mir deine Katze. Sie ist unterfordert, einsam, sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Sie ist den ganzen Tag allein, stimmt's?" Ich schlucke. "Ich arbeite vollzeit, lebe allein." Nicole nickt. Minni springt auf und schmiegt sich an Nicoles Beine, wirft sich dann hin und greift mit beiden Vordertatzen nach ihrer Hand. Nicole drückt Minnis Hinterteil, schaukelt es hin und her und kneift sie dann, bis sie aufspringt und wegläuft. Muss das sein? "Die will Erlebnisse, der musst du was bieten. Spiel mit ihr, bis sie nicht mehr kann." Ich glaube dieser Frau. Die Art, wie sie mit meiner Katze umgeht, zeigt mir: Sie weiß, was sie tut. "Wenn du sie mal an ihre Grenzen bringst, wird sie dich als Rudelführer akzeptieren." Das tut sie also nicht, wie? Nicole erklärt, woran sie das sieht. "Du streichelst sie zart, und sie beißt dich. Sie hat mehr Energie als du und dominiert dich damit."

Der Rat der Katzenversteherin: "Gewöhne sie an eine Katzenleine und geh mit ihr raus, das wird sie lieben. Lass mal eine Tierfilm-DVD laufen, während du weg bist, das ist aufregend für sie." Dann wird Nicole still und blickt auf Minni. "Ich sehe das Risiko für Harnsteine. Du gibst ihr Dosenfutter?" Volltreffer. Aber woher will sie das mit den Harnsteinen wissen? "Das sehe ich an ihrer Aura. Im Harnbereich flackert es ein bisschen. Sonst ist alles okay." Nicole rät mir zu einem Spezialfutter, das Katzen besser verdauen können. Eine Stunde ist schnell vorbei. Zu Hause schmiegt sich Minni erwartungsvoll an meine Beine. Ich muss aber leider los zum Sport. Oder? Nein! Ich sehe Minnis Augen funkeln, lache sie an und jage sie durch die Wohnung, bis wir beide erschöpft, aber glücklich auf meinem Bett liegen.

Eine zweite Katze ist mir zu viel. Aber ein Katzengeschirr und gesundes Futter kaufe ich gleich morgen. Ich bin froh über das, was Nicole mir "geflüstert" hat. Ich werde mich bessern, Minni!

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