Brief an die Liebe

liebe

Manchmal frisch verknallt, manchmal schmerzhaft getrennt, manchmal ein Leben lang und manchmal nur ein Wimpernschlag – Aber ohne dich, liebe Liebe, geht es eben auch nicht...

An die Liebe,

Meine Freundin M. hatte gerade eine Trennung hinter sich, sie wollte allein sein, feiern, wilde Nächte und morgens im Regen tanzen. Sie bekam: J., der stand nach genauso einer unwirklichen Nacht nämlich einfach neben ihr im Regen. Was folgte waren zu viele Bier am Kiosk, schlotternd vor Kälte, weil sich keiner entscheiden konnte zu gehen - und ein Wiedersehen, ganz ohne Regen, dafür mit langen Blicken und warmen Worten. Tja, genau so bist du eben, liebe Liebe: Stürmisch, frech und wild - du tauchst immer dann auf, wenn man gerade am wenigsten mit dir rechnet.

Und leider gehst du manchmal auch genau so schnell wieder – Schwupps, ohne dass man es planen konnte, aber irgendwann sind die Schmetterlinge ausgeflogen, die Leidenschaft abgekühlt und die Worte alle gesagt. Warum das manchmal so passiert? Nun, wahrscheinlich weil du dir denkst: Da geht noch mehr, da kommt noch ein anderer oder aber auch: Du bist noch nicht so weit, zieh noch ein wenig um die Welt, triff andere Menschen, denn auch das habe ich von die gelernt, liebe Liebe, du bist unberechenbar, aber du gehst nie ohne Grund.

Und wenn du bleibst, dann kann aus einem kleinen knisternden Kaminfeuer ein Flächenbrand werden, dann werden Berge versetzt, Häuser gebaut und neue Prioritäten gesetzt, dann bist du nicht mehr nur die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern der Grundstock für eine kleine Familie. Wie bei B., der plötzlich feststellte, dass die Frau an seiner Seite alles verändert hat. Schluss mit dem wilden Junggesellendasein und rein in das gemeinsame Abenteuer namens Kinder, denn auch das kannst du, liebe Liebe, du kannst Menschen verändern und ihnen neue Träume geben, von denen sie gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Und manchmal, da kannst du gar nicht viel tun, da funkt einfach das Leben dazwischen. Als es bei meiner Freundin T. an einem Sonntag an der Tür zu ihrer kleinen Wohnung klingelte, da wusste sie schon bevor die Polizisten zu ihr nach oben gestiegen waren, dass etwas nicht stimmt. Dumpf hörte sie die Stimmen, die etwas von einem Unfall sagten, von einem Krankenhaus und von einer traurigen Mitteilung, die sie überbringen müssten. Ganz leise fiel die Tür ins Schloss als sie wieder gingen. T. saß einfach nur da. In der einen Hand das Telefon, unfähig zu entscheiden, wen sie anrufen sollte, in der anderen Hand die Tasse mit dem langsam kalt werdenden Kaffee. Aber auch hier bleibst du, liebe Liebe, auch wenn der geliebte Mensch gegangen ist – manchmal als letzter Rettungsanker, manchmal als Licht am Ende des Tunnels. Und weißt du, warum ich dir diesen Brief schreibe, liebe Liebe? Weil ich dir danken möchte, dass du auch bei diesen Menschen bleibst, die sich jetzt allein durch ein gemeinsam geplantes Leben schlagen müssen.

Ob die Oma mit 60 Jahren noch einmal ihren Führerschein macht, um alleine in den Urlaub nach Italien zu fahren, von dem sie und ihr Mann immer geträumt haben oder meine Freundin J., die irgendwann, eine ganze Weile später noch einmal ihr Herz verschenkt hat – mutig wie sie ist. Denn ohne dich, liebe Liebe wäre diese ganze Sache, die man Leben nennt, einfach nicht besonders viel wert. Deine K.