Bühnen-Solo mit 57

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Dr. Vera Schmiedel, heute 59, arbeitet als Heilpraktikerin in Hamburg
Foto: Sabine Moeller

Meine Premiere

Die Hände flatterten, die Knie zitterten, mir war flau im Magen. 70 Menschen starrten mich an und erwarteten, dass ich mein Lied anstimmte. Würde ich einen Ton rauskriegen? Ich, die mit ihren 57 Jahren nie zuvor auf einer Bühne gestanden hatte. Die aus dem Schulchor geflogen war, wegen höllenschiefer Töne. Die aus Nächstenliebe in der Kirche lieber nur lautlos mitsang...

Die Sache mit dem Bühnen-Solo hatte ich mir allerdings selbst eingebrockt. "Nimmst du auch hoffnungslose Fälle?", hatte ich Anfang 2010 spontan eine Bekannte gefragt, die Gesangslehrerin ist. Eine Woche später belegte ich meine erste Stunde mit dem Herzenswunsch: einen so gekonnten Auftritt hinzulegen wie meine Schwester, die Hildegard Knefs "Für dich soll’s rote Rosen regnen" an meinem Geburtstag gesungen hatte.

Ein paar Töne traf ich gleich in der ersten Stunde. Eine so beflügelnde Erfahrung, dass ich im wöchentlichen Unterricht bei Stefanie Hoffmann fortan ohne inneres Murren das Atmen übte, meine Stimme bildete, an der Intonation feilte. Und so konnte ich bald fast fehlerfrei "Beim ersten Mal, da tut’s noch weh" von Hans Albers singen.

Im Dezember, fast ein Jahr nach der ersten Gesangsstunde, fragte ich mich, ob ich so weit wäre aufzutreten. "Du schaffst das!" , ermutigte mich Stefanie. Aber hinter geschlossener Tür zu üben, fühlt sich anders an, als vor Publikum zu stehen...

Dann kam der 6. Januar 2011: Der 50. Geburtstag meiner Schwester, der Tag, für den ich Unterricht genommen hatte. Sie hatte uns alle zum Italiener eingeladen, doch zum Essen war ich zu aufgeregt. Schließlich hörte ich meinen Mann mein Bühnen-Solo ankündigen. Da stand ich nun, und weil mich kein Scheinwerfer blendete, konnte ich die gespannten Blicke erkennen.

Noch kleinlaut begann ich "Überall blühen Rosen" zu singen, doch spürte ich nach den ersten Tönen: Ich klinge gut! Da waren die Wackelknie weg! Ich genoss Auftritt, Aufmerksamkeit, Applaus. Meine Schwester umarmte mich gerührt, mein Mann strahlte stolz, ich fühlte mich federleicht. Ich kann jetzt verstehen, dass einige Künstler süchtig sind nach Bühne. Ich trete für Freunde auf und übe weiter Gesang: Wer mit mir Auto fährt, bekommt derzeit Heidi Kabels "Das Original von der Wasserkante" zu hören.

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