Christina Dean trägt nur Mode aus dem Müll

christina dean redress challenge
Christina Dean sortiert Anziehsachen auf einer Textil-Müllhalde in Hongkong. Täglich landen dort ca. 217 Tonnen Altkleider.
Foto: Luke Casey

Die Secondhand-Heldin

In ihrer Aktion "365 Challenge" stellte Christina Dean 365 Outfits aus den Klamotten zusammen, die auf Hongkongs Müllhalden landen. Das Ziel: Darauf aufmerksam zu machen, dass gut Erhaltenes nicht in die Tonne gehört, sondern in Secondhand-Läden.

Wenn Christina Dean morgens ihren Kleiderschrank öffnet, grübelt sie manchmal. Nicht, weil sie nicht weiß, was sie anziehen soll. Sondern, weil sie Sorge hat, dass sie zu viele Anziehsachen hat. Mit ihrer Organisation "Redress" (re-dress, zu deutsch: "wiederanziehen") setzt sich die 35-Jährige für einen nachhaltigeren und bewussteren Umgang mit Mode ein. Deans Stimme überschlägt sich fast, wenn sie davon erzählt, dass überlegter eingekauft und weniger weggeworfen werden muss - so sehr brennt sie für ihr Thema. "Ich bin keine Frau, die Bäume umarmt. Aber die Umwelt ist mir wichtig", sagt sie. Sie lässt kein noch so winziges Detail aus, wenn sie von ihrer siebentägigen Fahrradtour berichtet, die sie vor einigen Monaten von ihrer Heimatstadt Hongkong aus durch den Süden Chinas unternommen hat - vorbei an kilometerlangen Textilfabriken. Sie beschreibt die unnatürlich graue Farbe des Himmels, den beißenden Geruch, die von überladenen Lastwagen abgesenkten Straßen voller Schlaglöcher. "79 205 Tonnen Kleidung landen in Hongkong pro Jahr im Müll", sagt Dean. Die Zahl kennt sie auswendig. Ebenso wie all die anderen Zahlen, die zeigen, wie entscheidend es für die Umwelt ist, dass Mode nachhaltiger produziert wird. Aber der hohe Wasserverbrauch und die Verwendung von Chemikalien sind nur das eine. Genauso wichtig ist ihr, dass jeder Einzelne - statt ständig neue Kleidung zu kaufen und wegzuwerfen - mehr auf Secondhand und Recycling setzen sollte. Um genau dafür zu kämpfen, hat Dean, die seit neun Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern in Hongkong lebt, 2007 die Organisation "Redress" gegründet.

Mit ihrem siebenköpfigen Team plant Dean jedes Jahr eine "Get Redressed"-Challenge , mit der sie über soziale Netzwerke möglichst viele Menschen an ihrer Herzensangelegenheit teilhaben lässt. 2013 stellte sie für die "365 Challenge" in Zusammenarbeit mit einem Recycling-Unternehmen und Stylistinnen aus den gigantischen Altkleider-Bergen von Hongkongs Müllhalden 365 Outfits zusammen. "Teilweise habe ich dort nagelneue Shirts und Röcke mit Preisschildern gefunden", sagt sie. "Ich war schockiert, was für Schätze weggeworfen werden." Auf Instagram zeigte sie Tag für Tag, wie schön Mode aus dem Müll aussehen kann - damit sie zukünftig nicht dort landet.

Mit der neuen "Get Redressed"-Challenge ruft Dean dieses Jahr "Redress"-Follower dazu auf, zu Modethemen wie Umnähen, Tauschen oder Reparieren selbst Instagram-Fotos ihrer Outfits hochzuladen, um andere zu inspirieren.

In Deans Leben hat Mode früher keine große Rolle gespielt. Eigentlich ist die Mode-Aktivistin gelernte Zahnchirurgin - geprägt durch ihre Eltern, die als Ärzte in Sambia, im Süden Afrikas, gelebt und gearbeitet haben. Als sie aber merkte, dass das nichts für sie ist, machte sie eine Ausbildung zur Journalistin. Am liebsten schrieb Dean über Umweltthemen. Und so befasste sie sich erstmals mit den ökologischen Auswirkungen der Textilherstellung. "Ich war verwundert, dass es kaum Organisationen gibt, die sich für nachhaltigere Mode einsetzen. Also begann ich, mich dafür zu engagieren", sagt sie.

Und auch wenn ihre Organisation, die Modedesign-Wettbewerbe, Seminare und Ausstellungen veranstaltet und ein eigenes Recycling-Siegel entwickelt hat, sich hauptsächlich auf Hongkong und den asiatischen Markt konzentriert - das Problem ist ein globales. Selbst in Deutschland landet trotz Altkleider-Containern und Secondhand-Läden jede Menge Kleidung im Müll. Etwa 100 000 Tonnen jährlich, schätzt der Dachverband gemeinnütziger Kleidersammlungen "Fair-Wertung". Das ist viel, obwohl die Deutschen einen Großteil ihrer Altkleider in karitative Sammlungen geben (das "FairWertung"-Siegel kennzeichnet genehmigte Container) - oder in gewerbliche (auf das "bvse"-Siegel des Bundesverbands für Sekundärrohstoffe und Entsorgung achten). Und etliche schon Online-Tauschbörsen wie "Kleiderkreisel" nutzen.

In Asien ist das Weitergeben gebrauchter Kleidung dagegen weniger üblich. "Beim Gedanken daran wird oft die Nase gerümpft", berichtet Dean. Sie selbst trägt trotzdem fast nur Secondhand-Kleidung. Ihren Kindern kauft sie manchmal etwas Neues, das die drei neben abgelegten Kindersachen von Freunden anziehen. "Mir selbst werde ich allerdings nie mehr ein neues Kleidungsstück kaufen. Das habe ich mir geschworen."

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