Conchita Wurst: Wie erklär ich die Frau mit Bart meinen Kindern?

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Der Hass schwappt durchs Internet. Das Ziel: Conchita Wurst – die Dragqueen aus Österreich, die mit dem Song „Rise like a Phoenix“ den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen hat. Eine Frau mit Bart? Das können viele nicht verkraften und versuchen, diese Kunstfigur mit ätzenden Kommentaren zu vernichten. Man möchte sich in Grund und Boden schämen, für die Bosheit und Verbohrtheit dieser Menschen.

Rotes Licht, ein golden strahlendes Kleid, kohlschwarz glänzende Haare, ein Blick aus traumhaft intensiven Augen – und dazu der dunkle Vollbart. Es war ein eindrucksvoller Anblick, den Conchita Wurst beim ESC bot. Und der Moment, in dem Europa begann, sich zu spalten: in die Menschen, die den Anblick von Conchita nicht ertragen können, jene, denen ihr Aussehen egal ist und die, die diese ausgesprochen gelungene Provokation richtig gut finden und ihr lautstark applaudieren.

Hass und Häme verbreiten sich im Internet

„Ich finde es eine Frechheit, dass so Etwas im öffentlichen Fernsehen auftreten darf. Kleine Kinder sehen sowas und für die bricht eine Welt zusammen. Sie verstehen die bizarre Kunst der Travestie noch nicht.“ Dies ist nur einer von vielen fiesen Kommentaren, die sich auf der Facebook-Seite von Conchita sammeln. Und es ist einer der verlogensten. Wenn es irgendjemandem egal ist, ob Conchita Wurst einen Bart trägt, dann wohl Kindern. Die sind nämlich in der Regel noch nicht so festgefahren in gesellschaftlichen Denkmustern wie Erwachsene. Kinder können den Look genauso schön oder hässlich finden, wie erwachsene Menschen eben auch. Aber ernsthaft verstört werden sie garantiert eher durch den Anblick von menschenfressenden Monstern, grimmigen Wölfen mit rot glühenden Augen und Hexen mit irrem Blick und knochig-greifenden Klauen.

„Kommt mal runter, ihr Hater“ möchte man rufen. Es ist schier nicht zu ertragen, auf welch beschämende Weise so unglaubliche viele Menschen auf dieser Person herumhacken, die sich ganz bewusst dafür entschieden hat, als Mann-Frau aufzutreten. Privat ist Conchita ein junger Mann. Tom Neuwirth ist gerade 24 und eigentlich noch viel zu jung, um so viel Wut in sich zu tragen, wie er das offensichtlich tut. Diese Wut ist es, die Conchita zum Leben erweckt hat. Und diese Wut ist entstanden, weil der junge Tom von der Gesellschaft wegen seiner Homosexualität derart verachtet und niedergemacht wurde, dass er kein anderes Ventil mehr fand, um damit umzugehen. Wenn wir sein Kunst-Ich Conchita sehen, blicken wir in die Manifestation des Hasses und der Angst in unserer Gesellschaft.

Es ist Angst davor, dass Abweichungen von Normen das gesellschaftliche Gesamt-Konstrukt und somit unsere Lebensgrundlage zum Einsturz bringen. Wir blicken in die Augen von einem jungen Mann, der zum Glück stark genug war, all die Verletzungen in einen persönlichen Sieg umzuwandeln. Der natürlich eine Provokation ist, für all die Menschen, die sich nicht trauen, dazu zu stehen, wie sie sind. Die vermeintliche Makel wie schwabbelige Bäuche, unschöne Haut oder Haare auf dem Rücken schamvoll verstecken, um ja nicht aufzufallen und vom Mob niedergemacht zu werden.

Ja, das alles ist einem Kind schwer zu erklären. Aber für Kinder ist es wahrscheinlich auch besser, wenn sie nicht schon so früh davon erfahren, wie böse Menschen aus Unsicherheit werden können. Besonders schön bringt es dieser Kommentar einer Mutter auf den Punkt: „Meine Tochter hat mich zu Beginn des Auftritts gefragt, warum diese Conchita so aussieht (scheinbar war sie auch verunsichert) und ich habe gesagt: „Offenbar gefällt Ihr der Style. Meine Tochter schulterzuckend: "Aha, na, wenn‘s ihr gefällt". Und damit war die Sache erledigt. Ich wünsche mir, dass meine Kinder grundsätzlich vorurteilsfrei durchs Leben gehen. Ich möchte, dass sie nicht beim ersten Zusammentreffen rein nach optischen Kriterien urteilen, ich möchte, dass sie IMMER und bei allem hinter die Fassade zu blicken versuchen - vielleicht manchmal vorsichtig und zurückhaltend ergründen, aber immer hinterfragen. Ich will, dass sie eigenständig denkende Menschen sind. Und ich gebe zu, ich platze vor Stolz, dass sie sich genau so entwickeln und auf Conchitas Auftritt doch recht gleichgültig reagiert haben.“

Wirklich schlimm sind die Auswirkungen der Intoleranz

Liebe Hater, reißt euch zusammen, sagt euren Kindern, dass Conchita Wurst Bart und Kleid trägt, weil es ihr so gefällt - und freut euch, dass da ein junger Mann für euch die Freiheit erkämpft, euch mehr so zeigen zu dürfen, wie ihr tatsächlich seid. Und wenn eure Kinder älter werden, dann erklärt ihnen, dass es sein kann, dass ein Mann sich als Frau fühlt und eine Frau als Mann, dass Männer sich in Männer verlieben und Frauen in Frauen. Und dass daran nichts schlimm ist. Schlimm sind erst die Auswirkungen der Intoleranz der Menschen. Liebt euch, lasst lieben und freut euch, dass heutzutage so viel mehr möglich ist, als noch vor ein paar Jahren.

Video: Der Auftritt von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014.

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