Darm mit Charme: Giulia Enders erklärt das Organ

giulia enders h

Gesundheit

Giulia Enders ist eine junge, angehende Ärztin aus Frankfurt am Main. Ihr Lieblingsthema ist der menschliche Anus. Bitte? Der Anus? Ja, die Medizinstudentin ist seit dem ersten Semester fasziniert vom Darm.

Und dem, was dieses Organ alles kann. „Darm mit Charme“ - so der Titel ihres Buches - da möchte die junge Frau hin, und uns die Scham davor nehmen, über den Darm und alles, was dazu gehört, zu sprechen.

Wenn man muss, dann geht man eben aufs Klo, erledigt seine Sache und spricht nicht groß darüber. Vor allem Frauen schweigen sich meist tunlichst zum Thema Klo und Darm aus. Nicht so Giulia. „Viele Leute denken, dass der Darm nur lässig im Bauch herumhängt, ab und zu pupst und sonst höchstens mal aufs Klo geht. Man könnte sagen, wir unterschätzen das ein wenig. Unser Darm ist ein fabelhaftes Wesen voller Sensibilität, Verantwortung und Leistungsbereitschaft.“

Mit ihrer charmanten Art hat sie bei einem Science Slam erstmals die Herzen ihrer Zuhörer erobert und tatsächlich auch deren Interesse am Darm entflammt. Seitdem macht sie mit ihrem Buch „Darm mit Charme“ von sich reden, in dem sie liebevoll und anschaulich erklärt, wie ihr Lieblingsorgan funktioniert.

Giulia kommt richtig ins Schwärmen, wenn sie vom Darm erzählt. „ Allergien , unser Gewicht und auch unsere Gefühlswelt sind eng damit verknüpft, wie es in unserem Bauch läuft.“ Faszinierend findet sie es, dass der Darm entfaltet 100 Mal so viel Fläche hätte wie die menschliche Haut. „Und dann bildet der Darm auch noch 20 verschiedene Hormone! Also Leute, die sich nur von ihren Sexualhormonen leiten lassen, sind echt Minimalisten.“

Wer gestillt wurde, nimmt nicht so leicht zu

Ob man leicht übergewichtig wird, hängt zum Beispiel davon ab, wie viele gute Bakterien wir als Babys über die Muttermilch aufgenommen haben. Giulia erklärt: „Durch das Stillen werden bestimmte Darmflorakeime gefördert, beispielsweise muttermilch-liebende Bifido-Bakterien. Diese Bakterien formen durch ihre frühe Besiedlung spätere Körperfunktionen mit, wie das Immunsystem oder den Stoffwechsel. Wenn ein Kind im ersten Lebensjahr zu wenige Bifido-Bakterien im Darm hat, ist später die Wahrscheinlichkeit höher, übergewichtig zu werden, als wenn es viele hat.“ Lebensmittel, die die guten Bakterien in unserem Darm glücklich machen, sind zum Beispiel Chicorée, Topinambur, Artischocken, Pastinaken, Porree und Zwiebeln. Das Gemüse sollte so frisch wie möglich sein. Auch probiotischer Joghurt ist gut. Wer oft krank ist oder unter Allergien leidet, könnte auch gute Chancen haben, die Beschwerden mit einer Bakterien-Kur aus der Apotheke zu mildern. Als werdende Mutter sollte man sich zur Aufnahme von Bakterien beziehungsweise einer für das Baby optimalen Ernährung von einem Arzt beraten lassen.

Die Bakterien im Darm haben großen Einfluss auf unser Gewicht

Das Gewicht können aber auch Bakterien beeinflussen, die sich später in der Darmflora einnisten. Da gibt es drei Möglichkeiten. Die erste: „Die Darmflora beinhaltet zu viele Moppel-Bakterien. Moppel-Bakterien sind effiziente Kohlenhydrat-Aufspalter.“ Diese Bakterien allein reichen aber noch nicht, um dick zu machen. Ein zweiter Faktor können Entzündungen sein. „Bei Problemen mit dem Stoffwechsel wie Übergewicht, Diabetes und hohen Blutfettwerten kann man meistens leicht erhöhte Entzündungsmarker im Blut finden“, erläutert Giulia. Ursache dafür sind bakterielle Signalstoffe. Unter unguten Bakterienkombinationen und bei zu fettiger Nahrung kommen davon zu viele ins Blut. Folglich schaltet unser Körper in einen leichten Entzündungsmodus und legt Fettreserven „für harte Zeiten“ an. Ja und dann können die Bakterien in unserem Darm auch noch die berüchtigten Heißhunger-Attacken auslösen. Das tun sie besonders gerne, wenn man sie durch eine Diät ein paar Tage ausgehungert hat. Es lohnt sich also, zu versuchen, durch gesunde Ernährung gute Bakterien in seiner Darmflora zu halten.

Und dann pupst man sich ins Nirwana...

Auch vom Pupsen spricht Giulia so, dass es wirklich nicht mehr peinlich ist: „Wer sich größtenteils von ballaststoffarmen Dingen ernährt wie Nudeln, weißes Brot oder Pizza, sollte nicht allzu plötzlich auf große Portionen ballaststoffreicher Gerichte umsteigen. Das überwältigt die ausgezehrte Bakteriengemeinschaft: Sie drehen dann völlig am Rad und verstoffwechseln alles über-euphorisch. Folge: Man pupst sich ins Nirwana.“ Die Studentin spricht wirklich charmant von ihrem Forschungsthema. Doch tatsächlich stecken viele ernsthafte Aspekte dahinter. Giulia selbst begann, sich mit dem Darm zu beschäftigen, als sie eine Hautkrankheit entwickelte: „Als ich mit 17 plötzlich Neurodermitis bekam, fing ich an, mehr über den Körper zu lesen. Beim Darm bin ich dann hängen geblieben. Kaum jemand weiß, dass nur der allerletzte Meter Darm etwas mit Kot zu tun hat – die rund sieben anderen Meter sind ein sauberes, nahrhaftes Vergnügen auf einem faszinierenden Zellrasen.“

Die Darmkrebsrate könnte halbiert werden

Darmkrebs entsteht, wenn diese Zellen anfangen, sich unkontrolliert zu teilen. Eine solche Entwicklung kann durch einen ungesunden Lebensstil begünstigt werden. „Es ist oft unser Lebensstil, der uns krank macht: Zu wenig Bewegung, Übergewicht, zu viel und zu fettes Essen, zu wenig Obst und Gemüse, dazu noch reichlich Alkohol und Rauchen. Experten schätzen, dass sich die Darmkrebsrate halbieren ließe, wenn Menschen gesünder leben würden“, erklärt die Felix Burda Stiftung .

Ab 50 Jahren steigt das Risiko für Darmkrebs besonders an

Etwa 90 Prozent der Darmkrebserkrankungen entwickelten sich aus zunächst gutartigen Darmpolypen. Darmkrebs entstehe allerdings nicht durch ein einziges schädigendes Ereignis. „Es dauert meist Jahrzehnte bis sich eine kritische Anzahl solcher Genveränderungen in einer Zelle angehäuft haben Mit der Zeit, also mit höherem Alter nimmt das Krebsrisiko zu – die meisten Krebspatienten sind daher älter als 50 Jahre.“ Jährlich würden allein in Deutschland 62.430 Fälle von Darmkrebs diagnostiziert, jedes Jahr sterben hierzulande 25.999 Menschen an dieser Erkrankung. Viele könnten gerettet werden, so die Stiftung, wenn der Krebs frühzeitig entdeckt würde.

Wenn man es merkt, ist es fast schon zu spät

Das tückische am Darmkrebs ist, dass die Erkrankung meist schon fortgeschritten ist, wenn die Symptome spürbar werden. Solche Symptome können sein: Blut im Stuhl, öfter krampfartige Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und eine unbeabsichtigte Gewichtsabnahme. Wer solche Beschwerden hat: schnellstens ab zum Hausarzt! Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten Frauen und Männer ab 50 Jahren regelmäßig zur Vorsorge gehen. Bei so einer Darmspiegelung können die Polypen, aus denen der Darmkrebs entstehen kann, mit eine elektrischen Schlinge entfernt werden. Klingt etwas gruselig, ist aber nur halb so schlimm, dank Betäubung kriegt man nämlich nichts davon mit!

Wie der Darm uns tagtäglich mehrmals unser Leben rettet

Und immer dran denken, wie Giulia in ihrem Buch "Darm mit Charme" so schön beschreibt: „Jeden Tag könnten wir mehrere Male sterben. Wir bekommen Krebs, beginnen zu schimmeln, werden von Bakterien angeknabbert oder von Viren infiziert. Jeden Tag wird uns mehrere Male das Leben gerettet. Seltsam wachsende Zellen werden abgetötet, Pilzsporen werden eliminiert, Bakterien zerlöchert und Viren durchgeschnitten. Diesen Service erledigt unser Immunsystem mit sehr vielen kleinen Zellen. […] Und der größte Teil unseres Immunsystems sitzt im Darm.“ Diesen nett zu behandeln , lohnt sich also ganz bestimmt.

Kategorien: