Das Samenleiterventil: Revolutionäre Verhütung für den Mann?

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Das Samenleiterventil Bimek SLV soll die Spermien aus dem Ejakulat filtern.
Foto: www.bimek.com / iStock

Statt Vasektomie: Das Bimek SLV soll Spermien im Ejakulat stoppen. Jetzt werden Tester gesucht.

Sichere Verhütung ohne Hormone für den Mann dank Samenleiterventil? Der Berliner Clemens Bimek hat das Bimek SLV erfunden und sucht nun Probanden für die erste klinische Testphase.

Eine sichere Verhütungsmethode für den Mann – das wünschen sich viele Männer und Frauen. Eine, an die man nicht zu oft denken muss und die dem Körper nicht schadet. Leider gibt es bisher kein solches Mittel. Jegliche Versuche, eine Pille für den Mann zu entwickeln, sind fehlgeschlagen. Nach wie vor bleiben nur Kondome oder Sterilisation, das eine ist unsicher und unschön, das andere endgültig, somit nicht geeignet für Männer, die noch Kinder zeugen wollen. Dieses Dilemma hat einen Mann aus Berlin dazu gebracht, selbst eine Verhütungsmethode zu entwickeln.

Clemens Bimek ist der Erfinder des Samenleiterventils.

Samenleiterventil??? Was um alles in der Welt soll das denn sein, dachten wir beim ersten Lesen. Doch bei näherer Betrachtung macht die Methode durchaus Sinn.

Das Samenleiterventil wird in den Hodensack eingesetzt

Wie bei einer Vasektomie, also einer Sterilisation, werden bei einem ambulanten Eingriff die Samenleiter des Mannes durchtrennt. Dann werden die Enden durch das „Bimek SLV“ genannte Ventil wieder miteinander verbunden. Dieses misst 7 x 11 x 18 Millimeter und wiegt laut Erfinder zwei Gramm. Anschließend kann der Mann durch Bedienung eines winzigen Klappschalters entscheiden, ob Spermien fließen sollen oder eben nicht. Dieser Klappschalter muss durch die Haut des Hodens ertastet und bedient werden. Gesichert wird der Klappschalter durch einen kleinen Hebel an der Unterseite des Ventils, der zum Umklappen ebenfalls gedrückt werden muss.

Das Einsetzen des Ventils soll etwa 30 Minuten dauern. Im geschlossenen Zustand soll das Ventil dann eine Schwangerschaft komplett verhindern – allerdings soll es nach dem Schließen des Ventils mindestens drei Monate dauern, bis die Spermien-Reserven aufgebraucht und wirklich keine Spermien im Ejakulat mehr zu finden sind. Wann es soweit ist, soll der Mann mittels Spermiogramm vom Facharzt testen lassen.

Bisher hat nur der Erfinder das Ventil getestet

Jahrelang den Schalter zulassen, nur öffnen, wenn ein Baby geplant ist und nach Eintritt der Schwangerschaft einfach wieder Schließen – diese Verhütungsmethode verspricht viele Vorteile: keine Hormone mehr, kein tägliches dran denken, keine Unterbrechung des Liebesspiels.

Doch nun kommt der große Haken: Bisher hat nur ein Mann das Samenleiterventil getestet und das ist Clemens Bimek selbst.

Und er ist nicht das, was wir einen Experten nennen würden. Er ist von Haus aus Tischler und hat sich sein Fachwissen zur Urologie und Andrologie autodidaktisch angeeignet. Zur Einordnung: Ein Medizinstudium, in dessen Verlauf sich ein angehender Arzt auf die Urologie spezialisieren kann, dauert normalerweise viele Jahre.

Den ersten Prototypen des Ventils ließ Clemens Bimek sich 2009 einsetzen, damals konnte das Ventil die Spermien allerdings noch nicht zurückhalten. Erst mit der Weiterentwicklung des Ventils und der Implantierung eines neuen Modells im April 2012 konnte die Spermien-Freiheit des Ejakulats erreicht werden, berichtet Clemens Bimek.

Freiweillige Probanden für Testphase gesucht

Mit diesen Ergebnissen konnte der gebürtige Berliner, der heute mit seiner Frau in der Schweiz lebt, verschiedene Urologen davon überzeugen, mit ihm zusammen die Klinische Erprobung des Ventils in die Wege zu leiten. Und für genau diese Testphase sucht Clemens Bimek nun männliche Testpersonen – Männer, die sich freiwillig die Samenleiter durchtrennen und das Ventil einsetzen lassen. Sie sollten ihre Familienplanung bereits abgeschlossen haben und alternativ an einer Vasektomie interessiert sein.

Zum Ablauf der Testphase erklärt der Erfinder: „Zuerst erfolgt ein Spermiogramm und sie werden vollumfänglich nach den Methoden der Helsinki-Deklaration aufgeklärt, müssen Ihr Einverständnis erklären und die Implantation erfolgt nach einer weiteren Bedenkzeit. Die Ventile werden dann im geschlossenen Zustand implantiert. Nach sechs Monaten erfolgt ein weiteres Spermiogramm. Spätestens dann sollte die Sterilität eingetreten sein. Dann werden die Ventile geöffnet. Nach einer weiteren Wartezeit wird erneut eine Samenprobe ausgewertet und wenn nach einem halben Jahr geprüft, ob immer noch regelgerecht Spermien vorhanden sind . Dann werden die Ventile geschlossen und das Ergebnis nach einem weiteren halben Jahr geprüft. Wenn alle erwarteten Zustände eingetreten sind, ist der Versuch beendet und die Ventile gehen in das Eigentum des Probanden über. Jetzt können sie sie einstellen wie sie wollen. Prinzipiell kann der Proband aber auch jederzeit den Versuch abbrechen, sich die Ventile wieder entnehmen lassen. Dann liegt der Zustand der Vasektomie vor. Diesen Endzustand als „worst case“ muss er vor dem Versuch schriftlich akzeptieren.“

Medizinisch begleitet wird die Studie durch den Münchner Urologen Hartwig W. Bauer .

Risiken in der Testphase

Schlimmstenfalls droht den testenden Männern nach dem Ventil-Versuch die Unfruchtbarkeit. Es gibt allerdings noch weitere Risiken. Urologen der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA) warnen: „Bisher wurde offensichtlich nur an einem Mann das Ventil eingesetzt, beim Erfinder. Somit liegen überhaupt keine Daten über Wirksamkeit und Verträglichkeit vor. Über Infektionen, Spermiogrammkontrollen hinsichtlich der Effektivität, Langzeitverträglichkeit, spätere Verschlüsse der Samenleiter - überhaupt nichts ist bekannt.“

Aus Sicht der DGA handelt es sich um ein experimentelles operatives Verfahren. Sie verweist darauf, dass vor einer klinischen Testphase eine Prüfung durch eine Ethikkommission erfolgen muss, in der Nutzen und Risiken der Implantation am Menschen abgewogen werden müssen. „Jedes operative Verfahren beinhaltet spezielle Risiken, die umso größer sind, wenn alloplastisches, also körperfremdes Material verwendet wird. In diesem Fall dürften die größten Risiken in Infektionen, narbigen Verschlüssen der Samenwege und Antikörperbildung bestehen.“

Clemens Bimek erläutert dazu, dass bisher nur sein Selbstversuch von einer Ethikkomission genehmigt wurde. Zu Material und Risiken des Samenleiterventils schreibt er: „Das Bimek SLV besteht im Wesentlichen aus dem Implantat‐Kunststoff PEEK Optima. Dieser besitzt hervorragende technische wie biologisch verträgliche Eigenschaften und wird seit Jahren erfolgreich in der Implantatchirurgie eingesetzt. Die restlichen winzigen Teile, wie Schrauben und Federn, bestehen aus nicht magnetischen Implantat‐Metall‐Legierungen. Das verwendete Material wird seit Jahren erfolgreich in der Implantatchirurgie eingesetzt und verhält sich im Körper völlig passiv. Es entweichen keine Stoffe und es gibt auch keine Abbaureaktionen oder sonstige Auswirkungen auf Spermien oder Erbgut.“

Billig wird das Ventil nicht zu haben sein

Für die Männer, die das Samenleiterventil testen wollen, bestehen also durchaus gewisse Risiken, die nicht leichtfertig in Kauf genommen werden sollten. Sollte das Bimek SLV es jedoch eines Tages zur Marktreife schaffen, wäre dies wirklich ein großer Schritt in Sachen Verhütung, der vielen Frauen und Männern das Liebesleben erheblich erleichtern könnte.

Allerdings kann es bis dahin noch mehr als drei Jahre dauern, die Zulassung von neuen Medizinprodukten unterliegt in Deutschland strengen Vorschriften. Mehrere Testreihen müssen vorher Wirksamkeit und Verträglichkeit zweifelsfrei beweisen.

Leider gäbe es das Ventil auch nicht ganz kostenfrei: Nach Martkeinführung soll die Implantation etwa 5000 Euro kosten. Dieser Preis dürfte für viele Paare schwer zu stemmen sein – auch wenn die Ventile dann theoretisch eine lebenslange Verhütung ermöglichen würden.

Wie viele Probanden das Team vom Bimek für die Testphase braucht, will der Erfinder nicht verraten, die aktuelle Zahl der Interessenten kann jedoch auf der Internetseite gesehen werden. Wie belastbar die Zahlen dort sind, ist natürlich nicht sicher.

Wir werden die Entwicklung des Samenleiterventils jedenfalls mit Spannung verfolgen – denn eine sichere Langzeitverhütung für den Mann ist mehr als fällig.

Weitere Informatione zum Samenleiterventil Bimek SLV gibt es auf der Produktseite: www.bimek.com .

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(ww1)

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