Dating mit 40: Plötzlich wieder Single

christian jakunetz
Christian Jakubetz ist geschieden und verzweifelt manchmal ein bisschen mit dem Wieder-Daten nach der ersten großen Liebe.
Foto: Heike Rost

"Mit 40 fangen Männer und Frauen an zu spinnen"

Männer um die 40 sind wunderliche Wesen. Aber auch sehr liebenswert. Zumindest, wenn sie so offen schildern, wie doof Dating nach der ersten Scheidung sein kann, wie hier der Münchner Christian Jakubetz.

Chaos nach der ersten Lass-uns-heiraten-Liebe

Christian Jakubetz ist ein gestandener Mann, so einer, den man wirklich zeigen kann. Attraktiv, interessiert, Herzblut-Journalist, ein großartiger Schreiber, Vater von zwei bald erwachsenen Töchtern, einmal geschieden und ganz glücklich mit seinem Leben in Dingolfing neben München. Wie es so einem Mann ergeht, wenn die erste Lass-uns-heiraten-Liebe vorbei ist und man plötzlich wieder einsam und allein auf dem großen Liebes-Markt steht, schildert er in dem Kapitel "Der zweite Anlauf: Freunde, Partner, Lebensgefährten" aus seinem Buch "Der 40jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand", das wir hier veröffentlichen dürfen.

Foto: Heike Rost

Der zweite Anlauf: Freunde, Partner, Lebensgefährten

"Es gibt eine schlechte und eine sehr schlechte Nachricht. Die schlechte lautet: Mit spätestens 40 fangen Männer an zu spinnen. Der eine früher, der andere später, die einen mehr, die anderen ein bisschen weniger. Aber in keinem Fall kommt irgendjemand daran vorbei (nur für den Fall, dass Sie jetzt gedacht haben, Sie könnten sich die Lektüre dieses Buchs sparen oder mal eben querlesen und dann ein bisschen mitreden). Die sehr schlechte Nachricht lautet: Frauen auch. Kurz gefasst könnte man also sagen, dass der allergrößte Teil der 40- bis 50-Jährigen in diesem fatalen Lebens-Jahrzehnt eine Art zweite Pubertät mitmacht, nur nicht ganz so lustig.

Zu den grundlegenden Erfahrungen in unserem Alter gehört also, dass die Ewigkeit manchmal ganz schön kurz ist.

Sonst müssten wir ja nicht noch oder schon wieder daten in unserem fortgeschrittenen Alter. Dass es zunehmend öfter nicht der Tod ist, der Ehen scheidet, sondern der Alltag, das haben wir auch gelernt. Oder andere Frauen, andere Männer.

Was also für immer geplant war, endet durchschnittlich nach eineinhalb Jahrzehnten schon wieder. Und das nicht selten auf eine Art, dass man zunächst denkt: Nie wieder!

Das ist, wie man sich leicht denken kann, nur eine vorübergehende Phase. Zum Alleinsein ist der Mensch nicht geschaffen. Inzwischen haben die meisten von uns wieder eine Freundin bzw. einen Freund. Zumindest die, die den ersten Versuch einer lebenslangen Beziehung für gescheitert erklären mussten.

Über den Freund und die Freundin müsste man sich eigentlich freuen. Das war es doch schließlich, worauf wir alle hingearbeitet haben, seit wir 14 sind. Eine Freundin (ich bleibe der Einfachheit halber jetzt einfach mal bei der maskulinen Sichtweise) wollte man ja nicht einfach nur haben, man musste sie haben. Zumindest ab einem gewissen Alter. Man galt sonst als rückständig und uncool und musste sich spätestens mit 17 Gedanken machen, ob man überhaupt noch irgendwann mal eine abbekommt. "Meine Freundin" war also damals nicht einfach nur eine Personenbezeichnung, sondern ein Terminus für alles mögliche, in erster Linie aber dafür, dass man "es" geschafft hatte und irgendwie dazugehört.

30 Jahre und eine Scheidung später geht das gleiche Spiel wieder von vorne los.

Scheidungen stigmatisieren heute nicht mehr lebenslang, sonst wäre irgendwann mal jeder zweite Deutsche stigmatisiert. Aber es ist natürlich auch im hohen Alter kein wirkliches Vergnügen, sich erst scheiden zu lassen und dann womöglich noch längere Zeit als Single durch die Gegend zu laufen.

Der Gedanke, man bekomme niemanden mehr ab, drängt sich vermutlich schneller nicht nur beim Betroffenen selber, sondern vor allem bei anderen auf. Das Schlimmste ist, wenn man selbst noch ganz guter Dinge ist, man aber gleichzeitig mitbekommt, wie die anderen langsam zu tuscheln beginnen: Meinst du, dass der echt nochmal…? Vor allem, weil man ja weiß, dass es so selbstverständlich gar nicht ist, dass man nach einer gescheiterten Ehe oder Langzeitbeziehung nochmal jemanden abkriegt. In unserem Alter noch dazu!

Verzweifelte Party im Bienenkorb

Man landet dann mehr oder weniger zwangsläufig in Läden mit so schönen Namen wie "Bienenkorb". Weniger zart besaitete Seelen sprechen da eher von "Resteficken" als von Bienenkörben. Die Verzweiflungstaten, zu denen geschiedene Menschen unseres Alters in der Lage sind, kann man bei genauerem Hinschauen nur als erstaunlich bezeichnen.

Kreuzbrave Oberstudienrätinnen ziehen auf einmal mit 15 Jahre jüngeren, aus dem Urlaub mitgebrachten Latin Lovern um die Häuser, was noch die harmlosere Variante ist. In der weniger harmlosen Variante lassen sie sich vermöbeln und sind dennoch froh, nicht alleine zu sein. Männer lassen sich in solchen Situationen eher selten vermöbeln, außer von einer Domina , die dafür auch noch 200 Euro pro Stunde bekommt. Dafür lassen sie sich gerne von jüngeren Blondinen ausnehmen wie die Weihnachtsgänse oder einfach so zum Volldeppen machen. Ich bin mir nicht sicher, ob in solchen Fällen nicht die Domina die bessere Lösung ist, die bekommt im Regelfall wenigstens niemand mit. Gockelnde Männer mit blondierten jüngeren Freundinnen hingegen haben den fatalen Hang, ihren neuen Lebensstil öffentlich auszustellen, gerne auch in Kombination mit blonden Strähnchen und Autos, in denen Zuhälter glaubhaft aussehen, aber nicht Steuerberater.

Das ändert allerdings alles nichts an einem viel banaleren Problem: Die Ehefrau war die Ehefrau war die Ehefrau.

Da gab's nicht viel zu definieren, das hat jeder verstanden und das klang auch irgendwie erwachsen. Von der Freundin zur Frau, das ist eine Logik. Und seien wir ehrlich: eine, die nicht nur zwingend klang, sondern auch eine, die wir alle wollten. Aber jetzt, von der Frau zur Freundin? Klingt das nicht nach: Ich war erst erwachsen und jetzt bin ich wieder pubertär?

Klingt viel zu sehr nach Zweckgemeinschaft

Auch wenn das dem Gemütszustand des Zuhälterautos fahrenden Head of irgendwas vielleicht recht nahe kommen mag, das kann man ja nicht wirklich wollen. "Meine Freundin" oder "Mein Freund", das klingt aus dem Mund eines 40-Jährigen so, als würde er demnächst wieder Lollis lutschen und Kaugummi-Zigaretten rauchen. Und Pickel kriegen. Aber was dann? Partner? Das klingt wie eine Rechtsanwaltskanzlei. Und man kann das bei öffentlichen Anlässen so furchtbar schlecht sagen: "Darf ich Ihnen meinen Partner vorstellen?". Man erweckt zwangsläufig der Verdacht, es handle sich dabei um eine Zweckgemeinschaft übrig gebliebener Mittvierziger. Das will man nicht nach außen tragen, selbst wenn es so sein sollte.

Lebensgefährte? Bei Gefährten muss ich an Indianer oder an den Herrn der Ringe denken - und ich bin doch kein Hobbit oder ein Blutsbruder, mit dem man Fährten liest. Außerdem hat das auch so was Kumpelhaftes. Und wenn man morgens im Bett neben einer Frau aufwacht, dann denkt man alles mögliche, aber nicht an Gefährten oder Kumpel der Zweckgemeinschaften. Noch schlimmer ist das, wenn man abends gemeinsam ins Bett geht. Glauben Sie mir, wenn man abends mit einer Frau ins Bett geht und dabei gefährtenhafte Gedanken hegt, dann sollte man die ganze Beziehung überdenken.

Lebensabschnittsgefährte, das ist wenigstens lustig. Aber gleichzeitig so furchtbar pragmatisch. Da ist das Ende der Beziehung gleich eingepreist. Das ist nur realistisch, werden die Pragmatiker unter Ihnen sagen. Und ja, wenn man sich die Zahlen so zu Gemüte führt, dann ist es realistisch, dass die meisten dieser Partnerschaften und Gefährtenkonglomerate auf Zeit geführt werden. Falls jemand jemanden in unserem Alter kennt, der tatsächlich sein ganzes bisheriges Leben mit nur einem einzigen Menschen verbracht hat, passen Sie gut auf ihn auf, er gehört zu einer seltenen und aussterbenden Art.

Ach, und bevor ich es vergesse: Nennen Sie Ihren Neuen/Ihre Neue nie "Nachfolger".

Das degradiert ihn endgültig zu einer Art Ersatzteil. Vermutlich stehen diese Schwierigkeiten bei der richtigen Namensgebung aber auch sinnbildlich dafür, wie komplex und schwierig es ist, nach einer gescheiterten Langzeitbeziehung wieder ein Verhältnis zu dem zu finden, was danach kommt.

Meine Frau, mein Mann, alles wieder zurück auf Los

Man hat's ja schließlich schon einmal hinter sich und wird dann entsprechend vorsichtig, auch wenn der Trend in Deutschland mittlerweile eindeutig zur Zweitehe geht. Immerhin entschließt sich statistisch mittlerweile jeder zweite Geschiedene zu einem zweiten Ehe-Anlauf. Da ist es dann einfach: Meine Frau, mein Mann, alles wieder zurück auf Los. Und schon gibt's auch nicht mehr das unsägliche Gesuche nach einer irgendwie passenden Bezeichnung."

Der 40-Jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand: Über das merkwürdige Verhalten von Menschen jenseits der 40 | Christian Jakubetz (versandkostenfrei über info@meine-buchhandlung.com)

Kategorien: