Den Neuanfang wagen

den neuanfang wagen
Neuanfang
Foto: Privat

Report: Selbstverwirklichung

Kennen Sie das Glück, jeden neuen Tag mit Freude zu erleben? Oder haben sie eher das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein? Dann hilft oft nur eins: Ein radikaler Schnitt! Acht JOY-Leserinnen erzählen, wie sie noch einmal ganz von vorne angefangen haben.

„Mit 30 begann ich das Studium, von dem ich immer geträumt habe“

Kerstin, 32, Hannover, Studentin

Schon als Teenager träumte ich davon, Kostüm-Design zu studieren – ein Fach, das leider an nur wenigen Unis in Deutschland angeboten wird. Als ich dann mit 18 meine Tochter Chiara bekam, fand ich es aber erst einmal wichtig, überhaupt das Abi und meine Ausbildung als Schneiderin zu schaffen. An einen Umzug in ein anderes Bundesland war als alleinerziehende Mutter mit einem so kleinen Kind nicht zu denken.

Danach arbeitete ich als Schneiderin und Ankleiderin an der Kölner Oper. Klar ist auch das ein toller Job , aber nur der halbe Weg zu meinem eigentlichen Ziel. Ich wollte die Kostüme nicht nur nähen. Ich wollte sie entwerfen! Die Initialzündung war, als ich 30 wurde und eine Unterhaltung von älteren Müttern mitbekam, deren Kinder schon aus dem Haus waren: Frustriert sagten die unisono, dass sie für die Familie auf ihre Träume verzichtet hatten.

„So will ich nicht enden“

In dem Moment dachte ich mir: So will ich nicht enden! Wann, wenn nicht jetzt? Natürlich zweifelte ich, ob ich es Chiara zumuten kann, alles zu verlassen: Wuppertal, ihre Freunde, die Schule, mein sicheres Gehalt. Stattdessen würden uns ein neues Bundesland, eine Mini-Wohnung und BAföG erwarten. Aber Chiara unterstützte mich. Die dritte Uni, Hannover, nahm mich schließlich. Jetzt bin ich im zweiten Semester und sehr stolz auf mich – genauso wie Chiara.

„Er wollte kein Kind haben“

Jenny, 24, Berlin, Businessstudentin

André und ich waren zwar fünf Jahre zusammen, aber Kinder wollten wir erst nach 30. Als ich im Januar 2011 ungewollt schwanger wurde, sagte André nur: „Das treibst du doch ab, oder?“ Ich meinte: „Lass uns doch mal drüber nachdenken! Wir könnten es auch mit einem Baby schaffen!“

Er aber wollte auf keinen Fall Vater werden. Ich war unsicher und ging zu dem Beratungsgespräch, das man vor Abtreibungen führen muss. Meine Gedanken rasten, jede Minute dachte ich etwas anderes. Meist aber fand ich keinen einzigen Grund gegen dieses Baby – außer meine Beziehung mit André.

Die ungewollte Schwangerschaft als Trennungsgrund

Aber was ist eine Beziehung wert, die nur ohne Kind halten kann? Wenige Tage später war ich dann sicher, dass ich das Baby will, zur Not auch ohne ihn. Wie er­wartet ging unsere Liebe während der Schwangerschaft in die Brüche. Am 5.10.2011 kam Leya zur Welt.

Ich hätte Bäume ausreißen können vor Glück! André zog bei uns aus, für Leya fand ich einen Kitaplatz, für mich einen Job als Werkstudentin und nun beende ich meinen Master. Durch meine Tochter bin ich verantwortungsbewusst geworden – und stark wie nie!

„Nach der Kündigung startete ich erst durch“

Alex, 40, München, Health Coach & Zumba-Trainerin

Zehn Jahre arbeitete ich in der Fernsehbranche, von außen gesehen ein Traumjob. Aber ich fühlte mich unterfordert. Nach dem Büro ging es nach Hause, es gab einen Riesenteller Pasta und Fernsehen. Ich war müde, antriebslos und frustrierter Single.

2010 im Urlaub in Miami begegnete ich zufällig einer Frau, die strahlend von ihrer Health-Coaching-Ausbildung erzählte. Ich dachte damals: Das könnte dir auch gefallen! Angesteckt von ihrer Begeisterung schrieb ich mich beim „Institute for Integrative Nutrition“ zu einer Fernausbildung als Health Coach ein.

„Ich war ein Couch-Potato“

Gleich beim Kapitel Bewegung lernte ich, wie wichtig Sport ist und was ich für ein Couch-Potato war. Ich probierte Aerobic und Zumba – und hatte beim Zumba das Aha-Erlebnis! Nie zuvor hatte mich Anstrengung so glücklich gemacht. Ohne Hungern nahm ich fünf Kilo ab, ich fühlte mich schön und energiegeladen!

Im April 2011 ergatterte ich einen Zumba-Ausbildungsplatz in Fürth. Gleich nach der Ausbildung hielt ich meine erste Stunde – vor meinen Freundinnen. Mit jedem Kurs wuchs meine Begeisterung. Und gleichzeitig wurde die Frage immer drängender: Wieso gehe ich eigentlich noch an die öde Arbeitsstelle?

Als Zumba-Trainerin in die Selbstständigkeit

Wieso mache ich mich nicht als Health Coach und Zumba-Trainer selbstständig? Die Antwort wurde mir von meinem Arbeitgeber abgenommen: 2010 kündigten sie mir betriebsbedingt. Nach dem ersten Schock war ich voller Zuversicht, denn wenn man etwas gerne macht, macht man es auch richtig gut. Mein gesamtes Umfeld reagierte überrascht bis entsetzt: „Und dafür hast du drei Studienabschlüsse?“ „Kann man davon überhaupt leben?“

Das hat mich ganz schön verunsichert und ich kam ins Grübeln. Deshalb besuchte ich sicherheitshalber noch ein Gründerseminar der IHK – das kann ich jedem nur raten, der sich selbstständig machen will! Dort lernt man mit einfachen psychologischen Methoden, seiner Idee zu vertrauen und an sich zu glauben. Die Zweifel jedenfalls waren weg. Und eh unbegründet: Meine Zumba-Stunden und meine Coachings laufen super – und privat habe ich endlich meine große Liebe gefunden!

„Mein Plan B gab mir Kraft“

Cassie, 23, Fürstenfeldbruck, Make-up-Artist

Fünf Jahre lang stand ich als Bankkauffrau am Schalter. Obwohl ich gerne mit Menschen zusammenarbeite, nervte mich der Beruf zusehends. Aus Spaß spielte ich immer mal wieder Model für Testshootings von Fotografen. Bei einem Termin im Dezember 2010 wurde ich von einem professionellen Make-up -Artist geschminkt.

Als ich mich im Spiegel sah, war ich begeistert! Das wollte ich auch können: Menschen zum Strahlen bringen, ihnen ihre Schönheit zeigen. Zumindest für nebenbei wäre das doch ein schöner Job, dachte ich. Ich fand 100 Kilometer entfernt eine Wochenend-Make-up-Schule für Berufstätige.

Berufswunsch Make-up-Artist

Die 4.000 Euro Schulgeld finanzierte ich mit Nachhilfestunden, die ich nach der Bank gab. Ende 2011 war ich fertig und kündigte. Mir schlotterten die Knie, aber ich sagte mir: „Wenn’s nicht klappt, geh ich halt zurück in die Bank!“ Das gab mir Kraft.

Heute arbeite ich halbtags in einer Parfümerie, schminke Bräute, lehre an einer Make-up-Schule, schreibe ein Beautyblog und arbeite wöchentlich 20 Stunden mehr als früher bei gleichem Gehalt. Aber ich bin rundum glücklich!

„Ich ließ alles stehen und trennte mich“

Sonja, 33, Pless, Selbstständig

Am Traualtar vor fünf Jahren schien alles rosig: Paul  * (Name von der Redaktion geändert) und ich waren heiß verliebt, wollten ein Häuschen und drei Kinder. Das Haus bekamen wir. Und mit ihm eine Schwiegermutter nebenan. Sie quatschte in alles rein, sagte meinem Mann ständig, dass er mich besser kontrollieren solle. Vielleicht wäre Paul als Vater erwachsen geworden, aber ich erfuhr bald nach der Hochzeit, dass ich leider keine Kinder bekommen kann.

Als ob das nicht Strafe genug wäre, musste ich zu Hause mein Geld abgeben, jede meiner Ausgaben vorlegen, durfte mir nicht mal Nagellack kaufen. Egal, was ich machte, es war immer ungenügend. Mitte 2012, ich bügelte gerade, nörgelte er wieder wegen irgendwas herum. Doch etwas war anders: Ich merkte, dass er mich nicht mehr verletzten konnte.

„Ich liebte ihn nicht mehr“

Ich liebte ihn nicht mehr, ich hasste ihn noch nicht einmal. Er war mir einfach egal und ich dachte erstmals darüber nach, wie es wäre, allein zu sein. Es fühlte sich schön an! Ohne ein Wort zu ihm griff ich zum Autoschlüssel und fuhr zu meinen Eltern, nur mit den Kleidern, die ich anhatte. Dann schrieb ich ihm eine SMS: „Ich komme nie mehr zurück.“

Anfangs fühlte ich mich wie ein aus dem Nest gefallenes Küken, nach all der Kontrolle. Aber das Gefühl der Freiheit ließ meine Unsicherheit schnell verfliegen. Zuerst kaufte ich mir zehn Nagellacke und am Scheidungstag am 15. Januar diesen Jahres ließ ich die Sektkorken knallen!

„Meine Berufung entdeckte ich im Web“

Anja-Maria, 39, Lebach, Selbstständig

Bis 2009 arbeitete ich als Justizvollzugsbeamtin, unkündbar und mit einer prima Pension in Aussicht. Ich war mit einem Arbeitskollegen zusammen, von dem ich mich dann nach fünfeinhalb Jahren trennte. Aber ich hatte seinen gekränkten Stolz unterschätzt.

Andreas * (Name von der Redaktion geändert) schäumte! Er erzählte aus Rache, ich hätte jahrelang Drogen in die JVA geschmuggelt – eine Lüge, aber seine Rufmordkampagne wurde zum Horrortrip! Meine Telefone wurden überwacht, die Polizei kam zur Hausdurchsuchung und die „Bild“-Zeitung druckte Artikel über mich.

Mobbing am Arbeitsplatz

Ich habe meinen Ex verklagt, Recht bekommen und er wurde wegen Verleumdung zu 10 Monaten auf Bewährung verdonnert. Ich war rehabilitiert. Aber was hat es mir genützt? Nichts! Ich durfte meinen geliebten Dienst in der JVA nicht mehr verrichten und wurde in einen öden Bürojob abgeschoben.

Man schaute mich schief an, mobbte, tuschelte: Obwohl ich unschuldig war, blieb der Dreck an mir hängen, den man auf mich geworfen hatte. Mit Bauchschmerzen schleppte ich mich täglich zur Arbeit – ich war kurz vor dem Zusammenbruch. Mitte 2009, nach einer der zahllosen schlaflosen Nächte, wusste ich morgens, dass ich bald in einen Abgrund hineinfalle.

Ein erfülltes Leben durch den Neuanfang

Es ging einfach nicht mehr! Ich schaute im Internet nach „Freiberufler“ – und fand seitenweise gute Ideen! Der Gedanke gefiel mir: keine Kollegen, kein Mobbing. Zuerst machte ich einen Fernlehrgang als Ernährungsberaterin. Das Lernen, das neue Wissen, die guten Prüfungsnoten, all das strukturierte mein Leben neu und stoppte mein Gedankenkarussell.

Ich war stolz auf mich und sah den öffentlichen Dienst als kein Muss mehr. Eine Ausbildung ist wie eine Tür, die aufgeht. Der Tag, an dem ich kündigte, war großartig! Anderthalb Jahre machte ich dann auch noch eine Ausbildung zur Kosmetikfachberaterin. Heute jobbe ich auf Messen, bei Präsentationen oder Events. Hier gilt nur, was ich kann, nicht, was andere über mich denken. Ich bin anders als früher, positiv und stark, wie verwandelt. Und endlich glücklich liiert!

„Ich bin endlich im richtigen Leben angekommen!“

Gesa, 31, Berlin, Friseurmeisterin

Meinen Ex Jeremia lernte ich mit 22 kennen, ich war jung und gutgläubig, er erfolgreich als Gastronom – der Typ Mann , der alle mit Charme einwickelt, obwohl er ein knallhart berechnender Mensch ist. Nach zwei verliebten Jahren kam sein wahrer Charakter heraus.

Aber wie sollte ich ihn verlassen? Ich arbeitete in seiner Bar, wir lebten zusammen, das Geld lag auf einem gemeinsamen Konto. 2007 eskalierte die Situation, es gab immer mehr Auseinandersetzungen, auch Handgreiflichkeiten. Bis ich es nicht mehr aushielt und floh.

Ohne Geld, Job und Perspektive

Ohne Geld, Job oder Perspektive. Dank eines guten Freundes zog ich den Cut durch, er bestärkte mich und half mir. Als Jeremia auf Reisen war, fuhr er mich zu ihm, um meine Sachen zu holen. Ich suchte mir eine eigene Wohnung in einem anderen Viertel, eine Stelle als Friseurin und begann, zur Meisterschule zu gehen. Mit diesen Schritten kam ich endlich in meinem Leben an! Heute habe ich den Meister und genieße mein Leben als Single .

„Auf meiner Weltreise fand ich die große Liebe“

Franziska, 39, Clarence Town (Australien)

Mein Job im Marketing eines großen Industrieunternehmens war top: Ich verdiente viel, hatte eine schöne Wohnung in München und führte ein unbeschwertes Single-Leben. Bis 2010: Auf einmal konnte ich diese Businesswelt nicht mehr ertragen. Das Gehabe der Alphamännchen, die Wichtigtuerei, wer das größere Auto und das fettere Konto hat – das schien mir immer sinnloser.

Mir wurde klar: Ich brauche eine Auszeit, um herauszufinden, was mich wirklich glücklich macht. Ich rechnete mein Erspartes zusammen: Es reichte für anderthalb Jahre lang Backpacken! Aufgeregt begann ich zu planen, weihte immer mehr Freunde und meine Familie ein – alle bewunderten mich für meinen Mut! Im Frühjahr 2011 kündigte ich meinen Job, meine Wohnung, lagerte die Möbel ein und im Juni flog ich los Richtung Indonesien.

Die große Liebe wartete in Indonesien

Gleich im August lernte ich auf Sulawesi Stephen, einen Australier, kennen, er hatte damals eine Firma dort, die er aber gerade auflöste. Wegen ihm blieb ich viel länger als geplant – und ab November, als er seine Geschäfte abgewickelt hatte, reisten wir gemeinsam: Indien, Myanmar, Australien … Auf Sulawesi machte er mir einen Heiratsantrag.

2012 kamen wir für zwei Monate nach Deutschland, damit er meine Eltern kennenlernt, und im Oktober 2012 haben wir hier geheiratet. Letzten Dezember wanderten wir dann nach Australien aus, wir planen hier ein neues Business, sobald ich 2014 arbeiten darf.

Mehr zum Thema Freundschaft finden Sie hier auf JOY Online >>

Kategorien: