Der Streit

der streit

Sie denkt/Er denkt

Sie denkt:

Warum zum Teufel sind Männer so verdammt ignorant? Selbst Markus entpuppt sich gerade als Idiot, der einfach nicht zuhören kann. Es geht um Alltagskram, um den Einkauf, um die Wäsche und, dass jemand (also er) bald den Müll hinunterbringen müsste. Fünf, und ich betone, FÜNF Minuten später hängt er schon wieder am Telefon, diskutiert mit Moritz über irgendwelche Bundesligatabellen und fragt mit der Hand auf der Muschel: "Schatz, nimmst du den Müll gleich noch mit runter? Ich muss hier noch ..." Geht's noch? Ist mir doch egal, was du musst, denke ich und raste aus. Daniel hört offensichtlich nicht nur schlecht, frauenfeindlich ist er auch noch. Als ich anfange, ihn anzubrüllen, fällt er aus allen Wolken, sieht mich verunsichert an, so als ob ich von einem anderen Stern wäre. Ha, wo ist er denn jetzt, der ignorante Macho, der den Frauen den Haushalt aufbürden will? Merke: Hier geht es nicht nur um den Müll in unserer Wohnung. Wenn das so weitergeht, geht es um den Müll unserer Beziehung, denn ich kann nicht mit jemandem zusammen sein, der keine Achtung vor mir hat, mir nicht zuhört und mich vor den Herd oder am besten gleich in die Nähe der Mülltonne stellen will. Als ich versuche, ihm das in einem ruhigen Ton klarzumachen, lacht er auch noch frech. "Du kennst mich doch", sagt er und denkt, dass er mit diesem lahmen Spruch die Katastrophe eindämmen kann. "Offensichtlich nicht", sage ich und denke: "Er rafft es einfach nicht". Und wenn er es nicht rafft, muss ich es ihm eben verständlich machen. Ich hole aus, werde etwas lauter und versuche, ihm die Basis einer funktionierenden Beziehung zu erklären. Dass es um Respekt geht, um Liebe und Verständnis. Er sieht mich an, erst vollkommen überrumpelt. Doch dann scheint der Groschen zu fallen: Er hört mir offensichtlich zu, scheint endlich zu kapieren, dass das, was ich sage, wichtig ist für unsere Entwicklung als Paar. Er sieht konzentriert aus und wenn ich nicht aufpasse, lässt mich sein versöhnliches Lächeln gleich wieder weich werden.

"... und wenn du es nicht schaffst, mir zuzuhören, ist es vielleicht sinnvoll, wenn wir im Sinne der Gleichberechtigung feste Aufgaben verteilen, die jeder übernehmen muss", beende ich schließlich meinen Monolog und schieße wagemutig nach: "Und mit dem Haushalt fangen wir an. Ich schlage vor, dass du den jetzt erst einmal übernimmst, meinst du nicht auch?" Er schaut mich an und sagt: "Ja, genau." Na also. Wenn man Männer dazu bringt, einem mal ordentlich zuzuhören, muss man eigentlich gar nicht streiten.

Er denkt:

Was ist denn jetzt los? Eben lagen wir noch scherzend auf der Couch und dann plötzlich das: Natascha rastet völlig aus. Wirft mir an den Kopf, ich sei unsensibel, hätte keine Achtung vor ihr und wenn mir unsere Beziehung etwas wert wäre, würde ich nicht so mit ihr umgehen. Äh ... was? Was habe ich denn getan? Mal überlegen: Das Thema war ... absolut nichtig, wenn ich mich recht erinnere. Erst ging's ums Einkaufen, dann um die Wäsche. Und um den Müll, den jemand (also ihrer Meinung nach ich) hinunterbringen soll. Klar, meinetwegen. Aber dann ruft Moritz endlich an, wegen dem Fußballspiel, und das ist wichtig. Als ich Natascha nebenbei bitte, ob sie auf dem Weg zur Arbeit den Müll mitnimmt, ist der Ball schon in den Brunnen gefallen. Sie wird leichenblass und ich merke: Irrg, das war wohl ein Fehler. Aber warum eigentlich? In der allgemeinen Schimpftirade fange ich das Wort "frauenfeindlich" auf und kapiere gar nichts mehr. Ich hatte doch eben nur über Fußball gesprochen. Und über den Müll, den sie ... Oha. Aber muss man deshalb denn gleich streiten? Ich lächle sie versöhnlich an und hoffe, dass sie meine stille Entschuldigung annimmt. Doch nichts da.

Natascha starrt mich an, sie hat schon rote Flecken im Gesicht und spricht ganz leise. Kein gutes Zeichen. "Du kennst mich doch", versuche ich meine Vergesslichkeit zu erklären, doch auch das geht schief. "Offensichtlich nicht", antwortet sie, und es ist nur ein Zischen, das ich vernehme. Sie holt tief Luft und fängt an zu diskutieren. Ich schaue sie an und sehe Natascha, den Vulkan. Ich fange Worte auf wie Respekt, Liebe, Verständnis und Zuhören und denke: Genau. Respekt Alter, deine Freundin ist eine echte Bombe. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass ich sie so liebe. Und wir müssen einander nicht immer zuhören, weil das zwischen uns auch ohne Worte funktioniert. Ich muss wieder schmunzeln. Vor lauter Glück, weil dieses impulsive Wesen zu mir gehört, und weil ich sie so will, wie sie ist. Geradeheraus, jederzeit diskussionsfreudig und mit jeder Menge Temperament, das sie manchmal weit über das Ziel hinauskatapultiert. Sie spricht weiter, ihre Gestik ist echt faszinierend. Als sie mich ansieht, merke ich, sie hat eine Frage gestellt. "Meinst du nicht auch?" Alles was du willst, will ich auch, denke ich und sage: "Ja, genau." Ich würde doch niemals mit ihr streiten.