
Rückenschmerzen sind zur Volkskrankheit geworden und in Deutschland zweithäufigster Grund für einen Besuch beim Orthopäden. Doch unser Körper hat erstaunliche Selbstheilungskräfte, die man durch sanfte Methoden und Schmerztherapien unterstützen kann. Selbst Bandscheibenvorfälle heilen meist von selbst, so Dr. Martin Marianowicz in seinem Rückenschmerzen-Ratgeber "Aufs Kreuz gelegt" (Goldmann, 288 S., 17,95 Euro).
Der renommierte Rückenschmerzen-Spezialist aus München plädiert für einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper und ein besseres Verständnis dafür, wie sich Rückenschmerzen äußern können und was im Einzelfall zu tun ist. Darauf basiert auch der aktuelle 4-StufenPlan zur Behandlung von Rückenschmerzen.
Rückenschmerzen: Schmerzstufe 1
Beschreibung der Rückenschmerzen: Leichte Schmerzen, mit geringer Einschränkung der Lebensqualität (Schmerzintensität 1-3)
- Was hilft? In diesem Stadium der Rückenschmerzen kann man viel durch sanfte Heilmethoden erreichen - z. B. gezielter Muskelaufbau durch Krafttraining, etwa mit einem Ball oder an Geräten.
- Chiropraktische Hilfe, medizinische Massage
- Akupunktur
- Osteopathie - gezieltes Drücken, sanftes Drehen von Gelenken
- Pilates - Ganzkörpertraining zur Kräftigung z. B. der Bauch- und Rückenmuskulatur
- Linderung bringen auch leichte entzündungshemmende Schmerzmittel und pflanzliche Mittel z. B. Teufelskralle, Apotheke.
Rückenschmerzen: Schmerzstufe 2
Beschreibung der Rückenschmerzen: Deutliche Schmerzen, Beschwerden nehmen immer größeren Raum ein (Schmerzintensität 4-5)
- Was hilft? Erweiterte Schmerztherapie in Kombination mit den sanften Methoden der Stufe 1-3; z. B. Rückenschule bzw. Wirbelsäulengymnastik. Reicht das nicht, kommen folgende sanfte Schmerztherapien zum Einsatz
- Gezielte Injektionen von entzündungshemmenden Arzneien an Nerven und Wirbelgelenken - Entzündungsstoffe werden abtransportiert
- Injektion entzündungshemmender Substanzen, die aus dem eigenen Blut gewonnen werden (erfolgreich bei Ischias-Beschwerden).
Rückenschmerzen: Schmerzstufe 3
Beschreibung der Rückenschmerzen: Dauerhafte, starke Schmerzen mit Einschränkung der Lebensqualität (Schmerzintensität 6-8)
- Was hilft? Bei Akutpatienten kommen zunächst die Maßnahmen der vorhergehenden Stufe zum Einsatz
- Bei chronischen Rückenschmerzen-Patienten können die Schmerzfasern in den Wirbelgelenken durch sanfte mikrotherapeutische Verfahren unterbrochen bzw. verödet werden: etwa durch Hitzesonden (Radiofrequenztherapie) oder Kältetherapie.
- Zum Abschwellen der Entzündung hilft ein Schmerz-Katheter, der antientzündliche, abschwellende, schmerzstillende Substanzen in das Bandscheibengewebe einbringt.
- Wenn die Bandscheibe in den Wirbelsäulenkanal drückt, kann sie per Mikrolaser geschrumpft werden. Die Schmerzweiterleitung ans Gehirn wird gestoppt.
Rückenschmerzen: Schmerzstufe 4
Beschreibung der Rückenschmerzen: Unerträglicher Schmerz - selbst kleinste Anstrengungen fallen schwer (Schmerzintensität 9-10)
- Was hilft? Begleitend zu den Therapien der vorhergehenden Rückenschmerzen-Stufen helfen Verhaltens- bzw. Entspannungstherapien (am besten in spezialisierten Schmerzzentren, Adressen unter: www.gdschmerztherapie.de)
- Bei Verengungen des Spinalkanals, in dem Rückenmark und Nerven verlaufen, lässt sich das Maxxspine-Verfahren (siehe Illustration) erfolgreich anwenden. Während des Eingriffs platzieren Chirurgen ein kleines Kunststoffimplantat genau zwischen die Dornfortsätze zweier Wirbel. Dadurch spreizen sich die Wirbel, der Druck auf Nerven und Wirbelgelenk nimmt ab, die Patienten erfahren eine deutliche Schmerzlinderung.
15 Fragen rund um Rückenschmerzen
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Rückenschmerzen
Zu viele Pfunde auf der Waage, zu viel Stress im Beruf, zu wenig Bewegung – ihren Lebenswandel spüren immer mehr Menschen im Kreuz.
Rückenschmerzen haben sich zu einer wahren Zivilisationskrankheit entwickelt, die zunehmend auch junge Menschen trifft und nicht selten chronisch wird.
Eine Hauptursache für chronische Rückenschmerzen sind Funktionsstörungen der Muskulatur. Die Folge sind Schmerzen selbst bei kleinsten alltäglichen Bewegungen. Gleichzeitig entwickelt der Patient ein Schmerzgedächtnis, das sein Schmerzempfinden bei Bewegung noch steigert – ein Teufelskreis.
Rückenschmerzen
Ab wann gelten Rückenschmerzen als chronisch?
Es gibt standardisierte Fragebögen, anhand derer man feststellen kann, ob ein chronifizierte Rückenschmerzen vorliegen. Generell kann man sagen, dass Rückenschmerzen nach etwa drei bis sechs Monaten chronisch werden. Dann löst sich das Schmerzgeschehen von der organischen Ursache, da sich im Gehirn ein Schmerzgedächtnis ausbildet.
Rückenschmerzen
Was sind die Ursachen von chronischen Rückenschmerzen?
Die Hauptgründe für chronische Rückenschmerzen sind meist Verschleißveränderungen im Bereich der Bandscheiben und der Knochenstrukturen. Sehr häufig liegen chronische Rückenschmerzen aber auch in der Muskulatur begründet. Eine genaue Ursache der Rückenschmerzen sollte daher immer Bestandteil der Diagnostik sein.
Rückenschmerzen
Welche Diagnoseverfahren kommen dabei zum Einsatz?
Um festzustellen, ob krankhafte Veränderungen im Bereich der Bandscheiben oder der Wirbelkörper vorliegen, werden Patienten mit chronischen Rückenschmerzen zunächst geröntgt oder es wird eine Kernspintomographie durchgeführt. Häufig erhält man einen völlig unauffälligen Befund, der Patient hat aber trotzdem starke Schmerzen. Dann sollte unbedingt die klinische Untersuchung der Muskulatur erfolgen.
Rückenschmerzen
Wenn ich so starke Rückenschmerzen habe, dass ich Schmerzmittel nehmen muss, was ist dann das Richtige für mich, Schonung oder Bewegung?
Der Bewegungsapparat profitiert von Bewegung, das gilt auch für Menschen mit Rückenschmerzen. Die Schmerzmittel sollen Bewegung erst wieder ermöglichen. Menschen mit Rückenschmerzen sollten sich bis an die Schmerzgrenze bewegen, nicht aber darüber hinaus. Die Schmerzmittel sollen dabei helfen, diese Grenze zu erweitern.
Rückenschmerzen
Was genau steckt hinter einem sogenannten Hexenschuss?
Das ist eine spannende Frage, man weiß es nämlich einfach nicht genau. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass es sich am ehesten um ein muskuläres Ereignis handelt. Ein Hexenschuss kann aber auch ein Vorläufer einer Bandscheibenproblematik sein.
Rückenschmerzen
Muss ein Bandscheibenvorfall immer operiert werden?
Nur etwa fünf bis zehn Prozent aller Bandscheibenvorfälle sind operationspflichtig. Wenn Lähmungen auftreten, Probleme beim Stuhlgang oder Wasserlassen oder ein lang anhaltender, in die Beine ausstrahlender Schmerz vorliegen, ist eine Operation geboten. Der Rest der Bandscheibenvorfälle wird konservativ therapiert. Dazu stehen minimal invasive Verfahren an der Bandscheibe und gezielte Spritzen in den entzündlichen Bereich in der Akuttherapie zur Verfügung. Im Anschluss daran folgt dann eine muskuläre und krankengymnastische Rehabilitation.
Rückenschmerzen
Wie viele Physiotherapiestunden bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen bei chronischen Rückenschmerzen?
In der Regel können sechs bis 18 Therapieeinheiten verordnet werden. Im Rahmen der integrierten Versorgung wird versucht, eine dem individuellen Krankheitsbild angepasste Verordnungshäufigkeit zu schaffen.
Rückenschmerzen
Was macht eine gute Physiotherapie bei chronischen Rückenschmerzen aus?
Eine engmaschige und individuelle Betreuung, sowie ein enger Kontakt zum behandelnden Arzt, mit dem Konzept und Ablauf der Therapie besprochen werden. Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach, mit welchen Therapieeinrichtungen sie in diesem Rahmen zusammenarbeitet.
Rückenschmerzen
Besteht die Gefahr, dass, wenn über längere Zeit der Schmerz existiert, man dann den Schmerz gar nicht mehr los wird?
Ja, man kann das mit unserem normalen Gedächtnis erklären. In jedem Lebensalter sind wir in der Lage etwas dazuzulernen. Fatal ist das natürlich bei Rückenschmerzen. Beim Schmerz öffnen sich die Nervenleitungen immer weiter, je mehr Informationen sie bekommen. Irgendwann ist der Nerv überfordert und die Schmerzleitung wird sozusagen im negativen Sinne verbessert. Die Nervenzelle ist, das ist noch nicht lange bekannt, auch in der Lage sich strukturell umzuändern. Sie verwandelt sich fatalerweise, um den Schmerz besser leiten zu können. Genau wie negative Erlebnisse verblassen, können wir auch Schmerzerlebnisse verblassen lassen.
Rückenschmerzen
Mit 54 Jahren bin ich mittlerweile 16 Jahre zu Hause. Mir ist schon mehrfach geraten worden meine Wirbelsäule versteifen zu lassen. Soll ich das jetzt noch machen lassen?
Operationstechnisch ist alles machbar, die reinen operativen Risiken sind sicher kalkulierbar. Ein Problem ist das Schmerzgedächtnis. Es kann sein, dass alle Schrauben und Platten sitzen, Sie aber weiterhin die Rückenschmerzen behalten. Die andere Frage ist, inwieweit Nervenbeeinträchtigungen da sind, also Motorik, Lähmungserscheinungen oder eine reduzierte Gehstrecke. Dies bedarf einer Bildgebung: Kernspintomogram, Computertomogram und auch einer neurologischen Untersuchung, um festzustellen inwieweit die Rückenschmerzen als skeptisch zu betrachten sind.
Rückenschmerzen
Immer nach Belastung, wie Joggen oder Tennisspielen, habe ich Rückenschmerzen, die sich über dem Steißbein bilden und über die Hüfte in die Beine ziehen. Was kann das sein und was kann ich dagegen tun?
Es ist dringend eine orthopädische Untersuchung angebracht. Die Rückenschmerzen können verschiedene Ursachen haben: die unteren Facettengelenke, also die kleinen Wirbelgelenke, das Kreuz-Darmbein-Gelenk oder der Übergang der Lendenwirbel in den Beckenbereich. Es könnte aber auch bandscheibenbedingt sein, z.B. eine Bandscheibenvorwölbung. Man kann Gefahr laufen, dass daraus ein Bandscheibenvorfall wird.
Rückenschmerzen
Ist Schmerz nach Belastung ein Alarmsignal? Würden sie sagen, dass man sich danach direkt untersuchen lassen sollte?
Es gibt natürlich ungesunde Belastungen am Arbeitsplatz und Zwangshaltungen, aber wenn es vom Sport kommt, sollte die Leistungsbreite schon erhalten bleiben. Sport tut uns ja eigentlich gut. Es geht ja auch nicht um ja oder nein, sondern immer um das wie. Ich muss mich auch für den Sport vorbereiten. Das bedeutet: Fehlstellungen vorher beseitigen, Verkürzungen vorher beseitigen, Muskelaufbau und aus dem Hohlkreuz arbeiten. Dann kann ich Sport auch gefahrlos betreiben. Das gilt auch für Fitnessstudios. Am Anfang ist eine gute Einweisung dringend erforderlich, so dass man nicht Gefahr läuft, einen Schaden zu erleiden.
Rückenschmerzen
Kann man auch viel verkehrt machen, wenn man mit leichten Rückenschmerzen einfach Sport macht?
Ja, man sollte nicht versuchen, ungezielt Muskulatur aufzubauen, sondern es geht hier um die Muskelbalance und um das Gleichgewicht des Muskel- und Gelenkspiels. Auch da kann einiges schief laufen wenn man unkontrolliert irgendwelche Muskelgruppen aufbaut und andere vernachlässigt.
Rückenschmerzen
Ich habe lange auf einer billigen Matratze gelegen und mir im Steißbeinbereich den Muskel deformiert, das es bis in den Ischias runterzieht. Wie kann man den Schaden beheben?
Ein normaler Rücken hält eine billige Matratze aus. Beim ausstrahlenden Charakter der Schmerzen, gehört eine gründliche ärztliche Untersuchung dazu. Die Probleme sind nicht mit einer andauernden chiropraktischen Therapie zu lösen, man muss die Ursache bekämpfen. Bei einer Fehlstellung, sind es die kleinen Wirbelgelenke, die gereizt werden und zu einer pseudoradikulären Ausstrahlung führen. Vielleicht aber auch der Nervenwurzel.
Rückenschmerzen
Was kann man Leuten raten die aktiv etwas für ihren Rücken tun möchten? Kann ich direkt eine Rückenschule besuchen oder sagen Sie: Auf jeden Fall vorher zum Arzt gehen und untersuchen lassen?
Eine ärztliche Untersuchung ist, wenn die Schmerzen länger anhalten, unbedingt erforderlich. Die Rückenschulen haben viele Vorteile, z.B. die aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Rücken und die Lokalisierung der Gefahren. Durch die anatomische Vorstellung geht man auch anders damit um.
Veröffentlicht in Fernsehwoche















