Die Bio-Lüge

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SHAPE klärt auf, wo Bio Sinn macht und wo nicht
Foto: Thinkstock

Wo Bio Sinn macht - und wo nicht

Seit Wochen diskutiert ganz Deutschland, was wir von Produkten, die sich mit dem Prädikat „Bio“ oder „natürlich“ schmücken, erwarten dürfen und was Geschäftemacherei ist. SHAPE klärt auf, wo Bio Sinn macht – und wo nicht.

Bio-Lebensmittel sind beliebt

Wir greifen ganz selbstverständlich zur Schokolade aus fairem Handel, trinken trendbewusst Bio-Limonade und pilgern in der Mittagspause zum teureren Öko-Imbiss. Gerade bei jüngeren Menschen um die 30 sind Bio-Lebensmittel beliebt: Rund 70 Prozent kaufen laut des im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums durchgeführten Ökobarometers 2012 regelmäßig „Bio“. Sie glauben, sich dadurch gesünder zu ernähren, und gehen davon aus, dass die ökologisch erzeugten Lebensmittel vom idyllischen Bauernhof um die Ecke stammen.

Wo Bio Sinn macht und was Schwindel ist, zeigen wir Ihnen in der Galerie (11 Bilder):

„Für einige Produkte mag das vielleicht zutreffen. Für Produkte, die das EU-Bio-Logo tragen und hauptsächlich im Discounter oder Supermarkt verkauft werden, eher nicht“, warnt Armin Valet, Ernährungsmediziner von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Zwar sind die so zertifizierten Produkte schon deutlich besser für Tiere und Umwelt als konventionell hergestellte Ware, aber auch bei den Basis-Bio-Produkten geht es mittlerweile darum, große Mengen und diese möglichst billig zu produzieren“, so der Verbraucherschützer.

Ein Beispiel: Ein in konventioneller Bodenhaltung lebendes Huhn hat nur knapp 750 Quadratzentimeter Platz – etwas mehr als ein DIN-A4-Blatt – und keinen Auslauf. Ein Tier, das nach den EU-Bio-Richtlinien gehalten wird, hat doppelt so viel Platz und mindestens vier Quadratmeter Auslauf, der zu 50 Prozent begrünt sein muss. Die privaten Anbauverbände wie etwa Demeter gewähren dem Huhn zusätzliche Scharrplätze und vier Quadratmeter komplett begrünten Auslauf.

Obst und Gemüse mit EU-Bio-Siegel

Ausdrücklich warnt Valet vor Pseudo-Bio-Bezeichnungen wie „natürlich“, „aus nachhaltigem Anbau“ etc. „Diese Auslobungen sagen überhaupt nichts aus und sind reine Marketinginstrumente, die den Verbraucher täuschen. Auch bei Obst und Gemüse funktioniert eine dreifache Abstufung. Zwar enthält konventionell angebaute Ware genauso viele Vitamine wie Bio-Produkte, aber sie ist deutlich höher mit Pestiziden belastet. Obst und Gemüse mit EU-Bio-Siegel enthalten weniger Schadstoffe, das der privaten Anbauverbände überhaupt keine.

„Zusammengefasst rate ich den Verbrauchern, mindestens Produkte mit dem EU-Bio-Siegel zu kaufen. Achten Sie darauf, dass ein Lebensmittel mit ,Bio‘ oder ,Öko‘ beworben wird – diese Begriffe sind in Deutschland geschützt, also müssen solche Artikel mindestens den EU-Bio-Standard erfüllen. Die Zertifizierungen der privaten Anbauverbände sind noch strenger, wer Produkte von wirklich artgerecht gehaltenen Tieren kaufen will, sollte auf diese Siegel zurückgreifen.“

Karl Schweisfurth ist der Gründer der Hermannsdorfer Landwerkstätten

„Echtes Bio hat einfach seinen Preis“

SHAPE: Bio-Lebensmittel boomen. Es gibt immer mehr davon – auch in Supermärkten und beim Discounter. Wie kann Bio so billig produziert werden?

Karl Schweisfurth: Die Produktion von echten Bio-Lebensmitteln hat einfach ihren Preis, weil die Kosten für Futter und artgerechte Tierhaltung so viel höher sind. Wer Bio-Lebensmittel günstiger verkaufen will, muss größere Mengen produzieren. Doch gerade bei dieser Massenproduktion ist es nicht möglich, sich zu 100 Prozent an die Werte der ursprünglichen Bio-Bewegung zu halten. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir uns alle komplett mit Bio aus regionalen Betrieben gut und ausreichend ernähren könnten, wenn die Menschen dazu bereit sind, weniger Fleisch zu essen, wieder mehr selbst zu kochen und weniger Lebensmittel wegzuwerfen.

Glückliche Hühner auf saftigen grünen Wiesen – so stellen sich die Verbraucher die Tiere vor, die letztlich als Bio-Geflügel im Supermarkt enden. Doch die Realität sieht oft anders aus. Ist das Bio-Gütesiegel mittlerweile ein reines Marketinginstrument der Discounter und großen Handelsketten geworden?

Bio nach EU-Verordnung ist der Mindeststandard. Der ist vorgegeben und wird auch regelmäßig kontrolliert. Wenn die Richtlinien eingehalten werden, heben sich Lebensmittel mit dem EU-Siegel in jedem Fall qualitativ von industrieller Massenware ab – auch wenn sie in den Regalen der Supermärkte liegen. Problematisch wird es, wenn die Marketingabteilungen der Handelsketten anfangen zu lügen und behaupten, dass ihre Bio-Schweine auf der Weide stehen, statt richtigerweise zu schreiben, dass sie einen befestigten Auslauf haben. Weideflächen für Schweine schreibt die Bio-Verordnung nicht vor und die bekommen die Tiere dann auch meistens nicht.

Die Tiere der Hermannsdorfer Landwerkstätten genießen ein schönes Leben

Bei Ihnen ist das anders?

Ja, wir setzen auf alte, robuste Sorten wie die Schwäbisch-Hällischen Landschweine. Sie stammen vom berühmten baden-württembergischen „Mohrenköpfle“ ab, das jahrhundertelang für seine ausgezeichnete Fleischqualität bekannt war. Bei uns haben die Tiere auch ständigen Auslauf ins Freie. Durch die Bewegung bilden sie mehr Muskeln, das Fleisch ist fester und schmeckt besser.

Aber diese Qualität hat auch ihren Preis. Bei Ihnen kostet das Fleisch etwa dreimal so viel wie konventionelle Ware.

Gutes Bio-Fleisch kann zwar nicht billig, aber durchaus günstig sein. Wir müssen ja nicht immer nur Filet essen. Es gibt vom Rind oder Schwein auch Teile wie zum Beispiel ein Hochrückensteak, das auch hervorragend schmeckt, aber deutlich günstiger ist.

Also sollten wir bei Fleisch grundsätzlich Bio kaufen?

In jedem Fall! Vor allem weil man sicher sein kann, dass die Tiere besser gelebt haben als ihre konventionellen Kollegen. Und am besten kaufen Sie von Betrieben, die Sie kennen. Idealerweise Rindfleisch und nicht so oft Schwein und Huhn. Schweine und Hühner werden deutlich intensiver gehalten, leider auch in Bio-Betrieben.

Die wichtigsten Bio-Siegel

Selbst kreierte Auslobungen gibt es viele. Doch nur auf diese Bio-Labels können Sie sich wirklich verlassen:

Basis-Bio

Das neue EU-Bio-Logo garantiert, dass die vorgegebenen Bio -Standards eingehalten wurden. Ob aus dem Naturkostladen oder Discounter: 95 Prozent des jeweiligen Produktes müssen biologisch produziert sein, Gentechnik ist ebenso verboten wie eine vorbeugende Antibiotikagabe und chemischer Pflanzenschutz.

Premium-Bio

Private Anbauverbände wie Demeter, Gäa, Naturland, Biokreis und Bioland haben sich selbst noch viel strengere Richtlinien auferlegt: 100 Prozent der Produkte sind biologisch produziert und stammen möglichst aus der Region. Die Tiere werden langsamer gemästet, bekommen ausschließlich Bio-Futter und haben noch mehr Platz mit artgerechten Details wie zum Beispiel Scharrplätzen zur Verfügung.

Diese Siegel sagen nichts aus

„Natürlich“: Eines der beliebtesten Adjektive der Lebensmittelindustrie, um sich ein positives Image zuzulegen – es hat keinerlei Aussagekraft.

„Aus gutem Grund“: Die Anmutung gaukelt vor, dass die Kartoffeln umweltverträglich hergestellt wurden – dafür gibt es aber keine nachprüfbaren Siegel.

„Volle Reife“: Der seriös wirkende Aufdruck preist Vorzüge an, die gut klingen, aber nicht nachprüfbar oder gar gesetzlich geschützt sind.

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