Die Mutterglücklüge: "Nicht jede Mutter ist automatisch glücklich!"

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Buch-Autorin Sarah Fischer beschreibt, was sich für Mütter in Deutschland ändern muss, damit das Leben mit Kindern einfacher wird.
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Regretting Motherhood: Was sich für Mütter in Deutschland ändern muss

Sarah Fischer aus München hat ein Buch geschrieben, für das sie von Frauen und Männern aus ganz Deutschland angefeindet wird. " Die Mutterglücklüge - Regretting Motherhood " heißt es und Sarah Fischer erklärt darin, warum sie es bereut, Mutter geworden zu sein. Sie liebe ihre kleine Tochter zwar sehr, doch das Leben als Mutter sei für sie schwer erträglich.

Foto: Petra Ender

"Rabenmutter" ist noch einer der netteren Kommentare, die Sarah Fischer kassieren musste. Viele Mütter haben kein Verständnis für Sarahs Bedauern und ihre Kritik zur Behandlung von Müttern in Deutschland. "Dann hätte sie kein Kind bekommen sollen" lautet der Tenor. Doch Sarah Fischer wollte ein Kind - was sie unglücklich macht, sind zum Beispiel die schwierigen Job-Bedingungen für Mütter und die Ungleichbehandlung von Müttern und Vätern.

Doch es gibt auch andere Eltern, berichtet Sarah Fischer uns im Interview. Viele Mütter bedankten sich bei ihr dafür, dass sie sich traue, mit Namen und Gesicht zu ihrer Kritik zu stehen ...

Sarah Fischer im Interview zu Regretting Motherhood

Wunderweib: Liebe Frau Fischer, Stichwort Baby – welche drei Begriffe fallen Ihnen dazu als Erstes ein?

Sarah Fischer: Klein, süß, Muttermilch

In Ihrem Buch „Die Mutterglücklüge – Regretting Motherhood“ schreiben Sie, dass Sie Ihr Kind sehr lieben, es aber dennoch bereuen, Mutter geworden zu sein – haben Sie Angst davor, wie sich dieses öffentliche Bekenntnis auf Ihre Tochter auswirken wird?

Sarah Fischer: Nein, denn erstens ist meine Tochter zu klein, um mein Buch zu lesen. Ich freue mich aber schon darauf, wenn wir später einmal darüber diskutieren! Und zweitens spürt sie ja, wie ich zu ihr stehe. Davon abgesehen sind ambivalente Gefühle ganz normal. Es geht in meinem Buch ja auch um die "bereute Mutterschaft" und obwohl ich mein Kind über alles liebe, bin ich unglücklich mit den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die die Mutterrolle in Deutschland mit sich bringt. Eine Mutter hat glücklich und dankbar zu sein. Aber nicht alle Mütter sind automatisch glücklich. Es ist wissenschaftlich erforscht, dass es den Mutterinstinkt nicht gibt.

Wie hat Ihr Mann reagiert, als er Ihr Buch gelesen hat?

Sarah Fischer: Er fand es gut, dass ich die erste bin, die sich zu so einem wichtigen Thema mit Namen und meinem Gesicht äußert, denn wenn bisher Mütter darüber gesprochen haben, dann nur anonym, weil sie Angst hatten, erkannt zu werden und beschimpft zu werden.

In der Unterzeile zum Buch heißt es: Warum ich lieber Vater geworden wäre. Inwiefern haben es Väter in Deutschland leichter als Mütter?

Sarah Fischer: Väter müssen sich viel weniger rechtfertigen . Zum Beispiel, wenn sie was mit ihren Kumpels übernehmen, abends müde sind, andere Interessen als Kleinkinderkram haben, geschäftlich ein paar Tage weg sind. Wer fragt einen Vater auf Dienstreise: Und wer kümmert sich um Ihr Kind? Eine Mutter auf Dienstreise wird das gefragt bzw. sie wird scheel angeschaut. Ach, ich könnte Dutzende solcher Beispiele aufzählen. Väter sind schon toll, wenn sie zwei GANZE Stunden am Wochenende auf den Spielplatz oder in den Zoo mit ihren Kindern gehen. Denn sie sind ja sooo beschäftigt sonst.

Ich als Mutter soll doch bitte zufrieden und glücklich sein weil ich Mutter bin! Und arbeiten darf ich ja auch noch! Weshalb dann mein unnötiges Gejammere? In unserer Gesellschaft müssen sich immer noch fast ausschließlich die Frauen die Frage nach Vereinbarkeit stellen und daran ändern auch 3 Monate Vaterschaftsurlaub nichts. Solange Männer mehr verdienen, keine Teilzeit für beide Eltern gleichzeitig möglich ist, zu wenige Männer zu Hause bleiben, es aber zu teure Sozialversicherungen gibt, (z.B. Krankenversicherung oder Rentenpflichtversicherungen für Selbständige), solange verabschiedet sich das schöne Modell Gleichberechtigung ab dem Moment, an dem das Kind geboren ist.

Wenn Sie sofort eine Sache für Mütter in Deutschland ändern könnten, welche wäre das?

Sarah Fischer: Teilzeit für beide Eltern und/oder mehr Väter vor und im Kindergarten und im Haushalt. Mit emanzipierten Frauen und Männern und gesellschaftlicher Rücksicht wäre Familienarbeit endlich gerecht verteilt und auch studierte Frauen würden möglicherweise mehr Kinder bekommen. Gleiches Gehalt für Frauen in den gleichen Berufen, in welchen Männer mehr verdienen, Doppelverdiener Haushalt fördern, mehr Kindergarten und Krippenplätze.

Wenn Ihre Tochter eines Tages selbst Mutter werden möchte, welche Bedingungen wünschen Sie sich für sie?

Sarah Fischer: All das, was ich vermisse. Ich stelle mir vor wir lesen mein Buch und staunen, in welch rückständigen Zeiten ich sie damals großgezogen habe.

Gibt es einen Partei oder einen Politiker, deren bzw. dessen Einsatz für Mütter Sie besonders schätzen?

Sarah Fischer: Ich finde gut, was Manuela Schwesig macht.

Finden Sie, dass ein Baby zwangsläufig die Ehe mit sich bringen muss?

Sarah Fischer: Nein, überhaupt nicht.

Als Reaktion auf Ihr Buch haben viele Frauen und Mütter Sie mit negativen Kommentaren überschüttet – wie haben diese Kommentare auf Sie gewirkt?

Sarah Fischer: Leider haben sie mich sehr oft bestätigt, was aber an der polemischen Art der Kommentare lag – und manche zielten unter die Gürtellinie. Das ist nicht die Art, wie ich mir eine faire und sachliche Diskussion vorstelle, die schließlich alle Frauen und Mütter und Männer und Familien weiterbringen soll. Die negativen Zuschriften haben mir deutlich gezeigt, wie heiß das Thema ist.

Gibt es auch Mütter, die Ihnen dafür dankbar sind, dass Sie das Schweige-Gebot zum Thema „Mutterschaft bereuen“ gebrochen haben?

Sarah Fischer: Oh ja, ich bekomme sogar deutlich mehr positive als negative Zuschriften in dem Sinn: danke für Ihren Mut, endlich wagt es eine mal darüber offen und ehrlich zu sprechen. Hätte ich ihr Buch früher gelesen, wäre ich nicht so allein gewesen. etc.

Nehmen wir an, Sie könnten Ihr Leben als Mutter neu starten – was würden Sie dann alles anders machen?

Sarah Fischer: Ich denke nie darüber nach, was ich nochmal anders machen könnte, ich versuche lieber meine jetzige Situation gut zu lösen. Ich bin eine, die nach vorn schaut. Deshalb hab ich das Buch geschrieben. Damit sich der Blick nach vorn spätestens wenn meine Tochter Mutter werden sollte für sie lohnt. – heißt: Dass sie dass alles mal einfacher unter einen Hut bringt.

***

Das Buch von Sarah Fischer:

Die Mutterglück-Lüge: Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre

ISBN: 978-3-453-28079-3, Ludwig Buchverlag

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