Die Wahrheit über das Zusammenleben

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Wie schön ist das Zusammenleben?
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Liebesbeziehungen

Bisher hat man sich hübsch angemalt und ihn zum Kino getroffen. Jetzt steht man ihm ungeschminkt gegenüber. Autorin Okka Rohd über völlig neue Glücksgefühle und die plötzliche Intimität des Zusammenlebens.

Er steht in der Küche und grölt. Sch-sch-chan-ges, woaaa, geiler Song. Volltrunkene Fußballfans sind nichts gegen ihn und David Bowie. Es ist Sonntag, es ist neun Uhr morgens, er ist wach, ihm ist jetzt gerade nach Musik. Richtiger Musik, Stadionmusik, bei der einem schon nach drei Takten abgeschrabbelte Bikerboots wachsen. Sch-sch-CHANGES!

In amerikanischen Filmen sieht die Intimität eines Paares immer so aus: Er rasiert sich vor dem Spiegel. Sie sitzt auf der Toilette und verursacht dabei keine Geräusche. Das Paar geht dann meistens ins Bett, er im gebügelten College-T-Shirt, sie in einem leicht transparenten Nachthemd, das exakt bis zur Mitte ihres Oberschenkels reicht. Man kann sehen, dass sie gut riecht. Er bekommt das offensichtlich auch mit, denn jetzt küsst er sie auch schon. Dann überkommt beide die Leidenschaft, die wir aber nicht mit anschauen dürfen.

Wir sehen als nächstes, wie die Frau ihrem Mann am Morgen danach frische Orangen auspresst und dabei aussieht, als hätte man auch sie eben erst von einem Baum gepflückt.

Unseren ersten Sex in der gemeinsamen neuen Wohnung hatten wir ungefähr nach zwei Wochen.

Die Müdigkeit, der Muskelkater vom Kistenschleppen, die Kopfschmerzen vom Geruch der neuen Farbe. Die ersten zwei Abende habe ich vor dem Schlafengehen noch geduscht; er war dann schon in seinem lilaorange-geringelten Monster von Rugbyshirt eingeschlafen, das er beim Umzug wiedergefunden hatte. Wir haben uns über alles mögliche gezofft. Wie man Gardinenstangen richtig anbringt. Wieso es nicht möglich sein soll, beim Essen eines Körnerbrötchens einen Teller zu benutzen. Darüber, dass um 20 Uhr Zeit für die "Tagesschau" ist und nicht für "GZSZ".

Als ich ihm stolz und sehr müde das erste fertig dekorierte Zimmer präsentierte, verströmte die neue Kerze zarten Zitronengrasduft. Er sagte bloß: Wo ist mein Bild? Intimität, das muss uns keine Frauenzeitschrift beibringen, ist ein launisches Biest. Intimität, das sind die Pirouetten seiner Fingerkuppen und beim Aufwachen zu bemerken, dass man im Schlaf Händchen gehalten hat. Intimität heißt aber auch, sich nicht mehr nur auszuziehen, sondern auch nackt zu machen. Den anderen zu sehen, wenn die Schminke runter ist.

Intimität ist ein launisches Biest

Manchmal kann einen das ein wenig erschrecken. Es sind ja nicht nur zwei Menschen, die da zusammenziehen, es sind zwei Biografien mit all ihren Seltsamkeiten und Narben. Warum, wollte er neulich beim Essen genervt wissen, müssen bei uns die Flaschen auf der Erde stehen statt auf dem Tisch? Weil mein Vater mal eine Glasflasche vom Tisch gewischt hat, sagte ich, mein kleiner Bruder tapste direkt in die Scherben und schnitt sich die Füße blutig. Und während ich das sagte, merkte ich, dass mir dieser Zusammenhang selbst nie aufgefallen war.

Irgendwann in den ersten paar Tagen kam ich darauf, dass er das Geräusch von Staubsaugern nicht ertragen kann; es erinnert ihn daran, dass seine Mutter, wenn er als Kind krank zu Hause lag, um sein Bett herumsaugte, statt ihm Geschichten vorzulesen. Seitdem sauge ich nur, wenn er nicht da ist. Und er stellt die Flaschen auf den Boden, obwohl sie längst aus Plastik sind.

Aber wir haben auch unsere Kinderglücksrituale fusioniert: meinen Süßigkeitenteller an vertrödelten Samstagnachmittagen, seine Spaghetti Bolo mit Apfelmus. Oft war uns, als würden wir uns zum zweiten Mal kennenlernen.

Und, fragt er manchmal, immer noch eine gute Entscheidung mit der gemeinsamen Wohnung? Obwohl er die Antwort längst kennt. Ja, sage ich dann, ich war noch nie so glücklich wie jetzt.

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