Durch die Savanne Namibias

durch die savanne namibias

Wüstenwanderung

Atemberaubende Landschaften zwischen Wüste und Dünen, stille Nächte unter dem klaren Sternenhimmel. SHAPE-Reporterin Monika Neiheisser wanderte durch die Namib - die älteste Wüste der Welt. Was sie dabei erlebt hat, berichtet Sie hier.

Das kniehohe Buschmannsgras streicht um meine Waden . Ich stehe in der Grassavanne des Namib Rand National Parks und lasse den Blick fasziniert über den Horizont schweifen. Seit Tagen staune ich schon, träume, genieße - aber hier, in diesem intensiven Farbenmix aus Terra, Beige, Grün scheint die Zeit stillzustehen.

Gewandert bin ich ja schon immer gern, diesmal wollte ich einen Hauch Abenteuer und Exotik. Sieben Tage im Süden Namibias habe ich gewählt, in der ältesten Wüste der Welt, die einen neu erschlossenen Mules Trek (Maultierroute) und im September angenehme Temperaturen um die 25 Grad bietet. Nach neun Stunden Flug (Zielflughafen: Windhoek) und einem Fahrtag kamen wir zu sechst im "Gondwana Roadhouse" an: ich und fünf Männer und Frauen aus ganz Deutschland.

Den Großteil unseres Gepäcks tragen ab jetzt Mules, die Maultiere. Tourguide René verteilt erst mal die Packtaschen: "Nehmt nur Sachen für zwei Tage, höchstens 16 Kilo." Leicht gesagt. Ich packe ein, packe aus, kann mich kaum entscheiden. Es ist jetzt Winter in Namibia, tags ist es warm, aber nachts kann's auch mal sechs Grad haben. Ich wähle das Zwiebelprinzip; dünne Schichten sind besser als eine dicke, Gewicht : 12 Kilo, wie Telané Greyling, die Maultierzüchterin und Tierärztin, wiegt. Na, geht doch!

Steiler Anstieg aufs Plateau

Anfangs sind die Maultiere noch scheu. Telané hat misshandelte Tiere gerettet und dressiert - doch die müssen sich an fremde Menschen erst gewöhnen. Also gehen Tier und Mensch zunächst getrennt. Mit meinem leichten Tagesrucksack auf dem Rücken folge ich dem steinigen Pfad, der sich durch die Ebene windet.

René, ein Deutsch-Namibier, der als Kind mit seinen Eltern aus Bremen hierherkam, bleibt immer wieder stehen, zeigt uns, wie raffiniert Pflanzen in der Trockenheit mit wasserspeichernden Blättern und tiefen Wurzeln überleben - so zum Beispiel die Köcherbäume, die überall im steinigen Gelände ihre dürren Äste in den Himmel strecken.

Dann führt der Weg steil hinauf zu einem Hochplateau. 400 Meter Höhenunterschied, das geht auf die Kondition. Ich keuche schneller, als mir lieb ist - und danke im Geiste meinem Maultier Kaizer, das mein Hauptgepäck schleppt.

Doch als wir in 1.000 Meter Höhe ankommen, ist sofort klar: Diese Aussicht war jeden Schritt wert. Unter uns zieht das tiefblaue Band des Fish River durch eine glutrote Schlucht. Ich stehe am zweitgrößten Canyon der Erde, 350 Millionen Jahre alt, 160 Kilometer lang, bis zu 27 Kilometer breit! Gibt es auf der Welt ein erhabeneres Plätzchen für die Mittagspause?

Zum Nachtisch: Eis in der Wüste

Nach der Rast folgen wir einer Sanddüne, die sich wie eine Viper durchs schwarze Doleritgestein schlängelt. Mit jedem Schritt sinke ich knöcheltief ein, spüre, wie die Kraft nachlässt, während wir uns dem Fish River nähern. Im sandigen Flussbett überraschen uns gelbe Halbkugeln, die im Gegenlicht leuchten - unser Camp. Die Maultiere stehen bereits angeleint an den Zelten und plötzlich ist die Müdigkeit wie weggeblasen.

Die Aussicht auf ein Flussbad weckt meine Füße, und nicht nur meine: Auch bei den anderen erhöht sich das Schritt-Tempo zusehends. Im Lager schlüpfen wir rasch aus den Wanderstiefeln und stürzen uns in den sanft dahintreibenden, erstaunlich warmen Fluss. Währenddessen kümmern sich René und Telané ums Abendessen. Diesmal schnippeln sie Karotten und Kartoffeln zum Fleisch, das im Topf über dem Feuer köchelt. Es stammt von Oryxen, den Antilopen, die wir tagsüber öfter sehen.

Und bald genießen wir bei Kerzenschein gefüllte Tomaten , einen fantastischen Eintopf und als Nachtisch Eis mit geschmolzener Schokolade. Eis in der Wüste? Das klappt: mit einer Kühlbox und einem braven Maultier, das sie schleppt.

Danach gehen wir an den silbrig glitzernden Fluss und legen uns ans noch sonnenwarme Ufer, über uns der endlose Sternenhimmel. René versucht geduldig, uns im leuchtenden Gewirr das Kreuz des Südens zu zeigen. "Ist ganz leicht", sagt er, "sieht aus wie eine Art Kinderdrachen." Für ihn vielleicht, für uns sind's einfach zu viele Sterne. Tausende, leuchtend, funkelnd, unglaublich klar.

Das Lagerfeuer knistert, im Fish River springt dann und wann ein Fisch hoch und klatscht leise zurück ins Wasser. Und ich habe überhaupt keine Lust, im Zelt zu schlafen. Ich ziehe den Schlafsack hervor, blicke in den Himmel und irgendwann kurz nach der 16. Sternschnuppe schlafe ich ein.

Sonnenuntergang in Pink und Lila

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück beladen Telané und ihre Helfer die Maultiere. Ich nähere mich Kaizer, der meine Zwiebelschichten trägt. Er schnuppert aufmerksam an meiner Hand, lässt sich über sein Fell streicheln, stellt die Ohren auf. Er ist noch vorsichtig, fasst aber Zutrauen. Und die heutige Etappe rund um den beeindruckenden Horseshoe-Canyon wandern wir gemeinsam.

Am dritten Tag verabschieden wir uns von Telané und den Maultieren. In der nahen "Gondwana Cañon Lodge" lassen wir uns nach Tagen in der Natur und Einsamkeit verwöhnen. Die Chalets inmitten roter, runder Gneisfelsen sind dazu ideal.

Jedes Doppelzimmer ist ein eigenes Häuschen mit Blick auf eine umwerfende Kulisse, die keinen Blick in die Urlaubslektüre zulässt. Zum Sundowner klettern wir über griffige Felsen und beobachten bei gekühlter Cola und Bier , wie sich die umliegende Ebene in pastellfarbene Rosa- und Lilatöne färbt und das warme Abendlicht die Steine aufglühen lässt.

Nach Sonnenuntergang steht nur noch die Entscheidung an, wie wir die Namib-Wüste erkunden wollen. Im über 160.000 Hektar großen Namib Rand Nationalpark können wir wählen zwischen der Komfortvariante mit Gepäcktransport und aufgebautem Camp oder dem Hardcore-Trip, bei dem man alles selbst macht: kochen, schleppen, aufbauen. Wir sehen uns an und greifen zur Luxusvariante. Und fahren tags darauf per Bus 460 Kilometer zum nächsten Ziel: der Namib.

Nie zweimal die gleiche Strecke

Mit Trinkflasche und Lunchpaket im Rucksack sind wir am nächsten Morgen auf dem Tok-Tokkie-Trail unterwegs, ein urwüchsiger Trip durch wegloses Blocksteingelände. René entscheidet von Fels zu Fels spontan über die Route und versichert lachend: "Hier gehe ich nie die gleiche Strecke zweimal."

Und für Notfälle zeigt er uns augenzwinkernd mit dem Taschenmesser seine Reserve-Ration für alle Fälle: Er sticht in eine der kaktusartigen Euphorbien, aus der sofort milchiger , klebriger Saft fließt. Die Buschmänner Südafrikas haben diesen Saft einst als Öko-Appetitzügler genutzt. Wir greifen da lieber zum Lunchpaket.

Während wir weitermarschieren, zeigt uns die Wüste ständig neue Farben und Formen. Tiefrote Dünen, überwuchert mit metallisch glänzendem Buschmannsgras, das sich im Wind beugt. Einzelne Tamariskenbüsche bilden grüne Farbkleckse in der Ferne. Wie in Trance gehe ich weiter, unser Grüppchen zieht sich langsam auseinander, jeder für sich genießen wir die unglaubliche Stille, die nur unsere Schritte leise knirschend unterbrechen.

Weit entfernt schnellt ein Springbock durchs flache Gelände. Kraftvoll, unermüdlich, und - wenn ich an meine Beine denke - beneidenswert leichtfüßig. Ich bin dagegen froh, wenn ich mich abends in meine Schlafrolle auf dem Feldbett kuscheln kann. Das Kreuz des Südens finde ich inzwischen selbst: mitten in der Milchstraße, knapp überm "Kohlensack"-Dunkelnebel.

Aktuelle Nachrichten im Wüstensand

Morgens zieht der Duft frischen Kaffees von meinem Nachttisch in meine Nase. "Und jetzt", verspricht René, "gibt's zum Frühstück die Morgenpost." Eine Zeitung in der Wüste? Zumindest etwas Ähnliches: René nimmt uns mit zu den Dünen und zeigt uns die neuesten Nachrichten der Nacht: sanfte Abdrücke in größeren Abständen - eine Ginsterkatze war eilig unterwegs.

Nicht weit davon die paarweisen Krallen zweier Dünenlerchen, daneben hat sich ein Oryx herumgetrieben, "und hier", kommentiert René zwei Reihen kleiner Tapsen mit einer Rille dazwischen, "war ein Wüstenferrari - ein Gecko."

Plötzlich bückt er sich und hält einen schwarzen Käfer in der Hand: "Der hat unserem Trail den Namen gegeben: der Tok-Tokkie, der Nebeltrinker." Der Ursprung seines Namens: Allmorgendlich macht er einen Kopfstand, lässt so den Tau am Körper herunterlaufen und trinkt ihn.

Nach sechs Tagen in Gebieten, in denen wir uns als einzige Menschen auf der Welt gefühlt haben, begeben wir uns mit dem Bus zurück Richtung Windhoek. Obwohl die Hauptstadt Namibias mit ihren 250.000 Einwohnern eher wie eine Kleinstadt wirkt, müssen sich meine Sinne erst langsam wieder an Ampeln, Autos und Leuchtreklame gewöhnen.

Doch dafür gibt's auch endlich wieder schattige Cafés und Gelegenheiten zum Shopping . Ich schlendere durch die Straßen, über die Märkte, genieße das ungewohnte Stimmengewirr, den Duft der Früchte und Gewürze. Und erstehe im Handwerkszentrum ein hölzernes Salatbesteck für zuhause, mit einer geschnitzten Giraffe am Stielende. Die soll mich bei jedem Salat daran erinnern, in das weite, unberührte Land zurückzukehren. Lesen Sie mehr: Das Sport-Paradies im Atlantik Lesen Sie weiter: Run auf die Ramblas Lesen Sie mehr: Marokko Lesen Sie auf Cosmopolitan Online: Marokko erleben