Ein ganz kleines Glück: Baby ohne Papa

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Ein Baby ohne Papa großziehen? Für jede Frau eine schwere Entscheidung ...
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Eine Affäre, eine Schwangerschaft, eine schwierige Entscheidung

"Gemeinsame Pläne hatten wir nie und auch nicht die Absicht, welche zu schmieden.... Uns verbindet vielleicht sogar mehr als Sex , aber doch weniger als Liebe. Wir sitzen genau zwischen den Stühlen. Es hat gereicht, um ein Baby zu machen, es reicht jedoch nicht, um eines zu bekommen..."

Eine junge Frau wird schwanger von einem Mann, mit dem sie nur eine lose Liebschaft verbindet. Als er von dem Baby erfährt, bricht er den Kontakt zu der Frau ab. Sie steht schließlich allein vor der schwierigen Entscheidung - Abtreibung oder das Baby ohne Papa behalten?

Das Protokoll einer der schwersten Entscheidungen, die eine Frau treffen muss ...

"Jede Frau schildert gern in aller Ausführlichkeit den Moment, in dem sie erfahren hat, dass sie Mutter wird. Meistens passiert es auf dem Klo. Die Frau versucht, auf das Stäbchen zu zielen, während der Mann voller Ungeduld vor der Tür wartet. Aus lauter Angst, enttäuscht von dem Ergebnis zu sein, reicht sie ihm nach vollbrachter Tat das heilige Objekt, das er sogleich begierig an sich reißt. Schon daran erkennt man, wie verliebt er ist. Die wenigen Sekunden, die nun folgen, sind die längsten ihres gemeinsamen Lebens. Schließlich verkündet er mit bebender Stimme das Urteil. Bei mir spielte es sich ganz ähnlich ab. Nur dass er dem bangen Schweigen ein Ende setzte, indem er sagte: »Wir behalten es natürlich nicht.«

...

Die Farbe der Striche wird immer intensiver, und nur er nimmt schließlich seinen Mantel und verschwindet, während ich mich krümme und verbiege, mir mit beiden Händen an den Kopf fasse und mich langsam zu Boden sinken lasse.

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Als ich aufwache, habe ich den Geschmack von Sand im Mund. Der Test ist immer noch da, er liegt auf dem Tisch und wirkt plötzlich sehr kleinlaut, er hatte wohl gedacht, es sei seine Bestimmung, die Menschen glücklich zu machen.

Gemeinsame Pläne hatten wir nie und auch nicht die Absicht, welche zu schmieden. Es gab nie eine verbindlichere Absprache zwischen uns als die, gegen Ende der Woche zu telefonieren. Sex hatten wir am liebsten in der Horizontalen und im Dunkeln, denn nur so hatten wir keine Angst, dem anderen Angst zu machen, und konnten uns hingeben, ohne zu befürchten, der andere könnte denken, das ginge jetzt alles ein bisschen zu schnell. Uns verbindet vielleicht sogar mehr als Sex, aber doch weniger als Liebe . Wir sitzen genau zwischen den Stühlen.

Es hat gereicht, um ein Baby zu machen, es reicht jedoch nicht, um eines zu bekommen.

Der Gynäkologe hat mir eine Infomappe mitgegeben. Darauf steht in blauer Schrift: »Freiwilliger Schwangerschaftsabbruch – was Sie wissen müssen«. Und oben, umrahmt von den Farben der französischen Flagge: »Republik Frankreich, Ministerium für Gesundheit, Jugend und Sport«. Ich hätte lieber einen Prospekt mit Badminton- Regeln.

Ich schwanke zwischen dem Verzicht auf mein tägliches Päckchen Zigaretten und der Lust, die Dosis zu verdoppeln, mich bis zum Umfallen zu betrinken, damit du endlich verschwindest.

Ich durchforste im Internet die einschlägigen Foren für werdende Mütter und stelle fest: Alle haben schon einen Namen für ihr Ungeborenes. Da gibt es »Stupsi«, »Krümelchen« und dergleichen mehr in Hülle und Fülle, es ist ein Fest. Je weiter die Familienplanung vorangeschritten ist, desto pragmatischer die Bezeichnungen, stelle ich fest. Die versierte Mutter erkennt man beispielsweise daran, dass sie von »Nr. 1« und »Nr. 2« spricht.

Ich suche ebenfalls einen Kosenamen für dich. Ich schwanke zwischen meine kleine Beule, mein Gewächs, mein Irrtum, mein Unfall, mein Gnom, mein Nichts, mein Alles, mein Embryo, mein blinder Passagier, mein Illegaler, mein Winzling, meine Lust, mein Irrsinn, mein Schatz...

Du bist am 4. September gezeugt worden. Dein Geburtstermin ist demnach der 4. Juni. Kann man einen errechneten Geburtstermin vergessen? Wird man eines Tages überrascht feststellen, dass man nicht daran gedacht hat?

Und wird ein Jahr kommen, in dem man sich nicht fragt, wie alt du jetzt wärst?

Mir kommt meine Sandkastenfreundin Manouche in den Sinn, sie lebt in Lyon, es ist unwahrscheinlich, dass sie schon auf dem Laufenden ist. Bei meinem letzten Besuch hatte ich ihren beiden Töchtern angedroht, den großen bösen Wolf zu rufen, wenn sie weiter so einen Krach machten.

Ja, verdammt, habe ich gedacht, ich bin Single, feiere gern, bin launisch und ungeduldig, und Kinder gehen mir schnell auf die Nerven.

Ich rufe sie also an und sage es ihr. Wie geht’s dir, gut, und dir, na ja, geht so, nicht so toll, ich bin schwanger .

»Mensch, das ist ja genial!«

Ihre Antwort fegt mich fast vom Stuhl. Sie plappert munter weiter.

»Was für eine Nachricht! Darauf war ich echt nicht gefasst, so eine Überraschung!«

Mir sei es ähnlich ergangen, als ich vor ein paar Wochen davon erfahren hätte, versichere ich ihr. Ich fasse die Situation in aller Kürze zusammen: keine gesicherte Arbeit, eine Dachkammer im siebten Stock, kein Vater am Start. Aber das nur so am Rande.

Sie stammelt eine Entschuldigung, verstummt, schluckt ihre spontane Reaktion hinunter. Man kann förmlich hören, wie sie die Lippen zusammenpresst, damit ihr die Glückwünsche nicht herausrutschen, die sie gerne aussprechen würde. Sie rechtfertigt sich: Sie wisse doch, dass ich mir grundsätzlich ein Baby wünsche, und dieser Tag sei nun eben gekommen, darüber habe sie sich gefreut. Ich sei wie ein Kind, das sein Weihnachtsgeschenk schon vor den Feiertagen bekommen habe.

Einem Weihnachtsfest im Sommer könne ich nichts abgewinnen, erwidere ich patzig, ein Kind sei kein Geschenk unterm Christbaum. Ungünstiger hätte der Zeitpunkt nicht sein können.

»Vielleicht«, sagt Manouche, »gibt es überhaupt nie einen richtigen Zeitpunkt für etwas so Waghalsiges. Für etwas so Verrücktes wie die Entscheidung dafür. Es ist immer zu früh, und dann auf einmal zu spät.«

Ich lege auf. Sie geht mir auf den Wecker mit ihrer Sorglosigkeit, ich werde ihr nicht auf den Leim gehen!

Ein paar Tage später schickt sie mir ein Päckchen mit einem Kinderbuch. Auf dem Umschlag ist ein zusammengerollter Embryo abgebildet, der ungefähr so groß ist, wie du es in drei, vier Monaten wärst. Ich bin sprachlos. Es ist doch echt das Letzte, einem fast schon toten Baby ein Bilderbuch zu schenken.

Ich fasse das Geschenk mit spitzen Fingern an, als könnte ich mich daran verbrennen. Es kommt mir so unpassend vor wie ein Strauß Chrysanthemen, den man auf ein Grab legt – nur dass du keines haben wirst, weil mein Bauch dein Grab sein wird.

Ich kann mit diesem Buch genauso wenig anfangen wie mit dir. Widerstrebend schlage ich es auf und schreibe auf die erste Seite: »19. November. Das erste Geschenk von deiner Patentante.«

Sie behauptet, sie habe vom ersten Moment an gewusst, dass ich dich behalten will. Meine ersten Worte hätten es ihr verraten, und die Pausen dazwischen..."

Dieser Text ist ein Auszug aus dem zauberhaften Buch "Ein ganz kleines Glück" von der französischen Autorin Camille Anseaume.

Ein Muss für jede Frau, die sich fragt, ob ein Baby zu ihrem Leben gehört und ob sie ein Kind vielleicht auch ohne Vater großziehen könnte. Und ein wunderschönes Dokument der Zeit, in der in einer werdenden Mutter die größte Liebe ihres Lebens heranwächst.

List / Ullstein Buchverlage / ISBN: 978-3-471-35122-2

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