Ein Job aus Leidenschaft

susannerueckert
"Gourmets sind eher undankbar für gute Tipps"
Foto: tina

Szenen aus dem Leben

Meine Freundin Katja ist Kellnerin. Mal ist sie auch "Bedienung", mal "Frollein", manchmal auch schlicht "Hallo". Katja ist es gewohnt, dass sie sogar mit einem Fingerschnippen gerufen wird. "Vor allem von den ganz Schicken", erzählt sie. Die, die zeigen wollen, wie wichtig sie sind. Also hilft Katja ihnen dabei. Sie tritt an den Tisch, nickt höflich, lächelt freundlich, serviert elegant. Ihr Job ist es, die Gäste glücklich zu machen, und viele brauchen dazu eben mehr als nur gutes Essen.

Ich kenne niemanden, der eine bessere Menschenkenntnis besitzt als meine Freundin. In zwanzig Berufsjahren hat sie mehr gehört, gesehen und erlebt als drei Psychologen zusammen. Und ab und zu erledigt sie deren Job gleich mit. Neulich zum Beispiel, als der junge Mann, der alle paar Wochen mit einer neuen Eroberung aufkreuzt, am Ende des Abends mal wieder allein am Tisch sitzt.

Beim Abräumen gibt sie Trost und den dezenten Hinweis, beim nächsten Mal etwas mehr zuzuhören und weniger zu reden. Dem Trinkgeld nach zu urteilen, war der Mann dankbar für den Rat. Eher undankbar für gute Tipps sind Gourmets, die schon bei der Bestellung zeigen wollen, wie viel Ahnung sie haben. "Das Filet nicht länger als drei Minuten und den Bordeaux bei 22 Grad servieren." Als ausgebildete Weinkennerin könnte Katja dagegenhalten, dass der Wein bei vier Grad weniger wesentlich besser schmeckt. Als Profikellnerin weiß sie, dass es hier nicht ums Wissen, sondern ums Selbstwertgefühl geht.

Und davon besitzt meine Freundin jede Menge. Genug, um kleine Frechheiten der Gäste wegzustecken oder sich für falsche Bestellungen zu entschuldigen, die gar nicht falsch waren. "Es gibt Tage, an denen sind die Akkus fast leer", sagt Katja. "Aber dann kommen wieder die Netten, die, die einem ins Gesicht gucken und die Worte Bitte und Danke kennen. Bei denen weiß ich dann wieder, warum ich diesen Job so liebe."