Entschleunigen: Diese Sprachtipps helfen gegen zu viel Stress

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Wer auf seine Wortwahl achtet, hat weniger Stress

Ein Mini-Sprachkurs zeigt, wie wir unser Leben mit den richtigen Ausdrücken entschleunigen können.

Vokabeln wie "quälend" oder "zermürbend" aktivieren unser Schmerzzentrum im Hirn genauso wie Nadelstiche - das haben Psychologen der Uni Jena erforscht. Positive Formulierungen dagegen wirken harmonisierend, weiß Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf. Sie hat gemeinsam mit einem Arzt das Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept entwickelt. Es empfiehlt Achtsamkeit mit jedem Wort. Denn mit der passenden Ausdrucksweise entschleunigen wir unser Leben und können sogar Streit vermeiden.

Weniger "müssen" müssen

Ich muss, ich muss, ich muss: Das ist inzwischen die Standard-Sprachregelung, wenn man von seinen Plänen spricht. "Ich muss morgen nach Berlin." Mit solchen Sätzen setzen wir uns nur selbst unter Druck. Beobachten Sie einmal selbst, wie oft sie das Wörtchen "muss" benutzen und wie Sie sich dabei fühlen. Besser fürs Glücksgefühl und für die Entschleunigung des Alltags: "Ich werde morgen nach Berlin fahren" oder "Ich will heute die Fenster putzen", so die Sprachwissenschaftlerin.

Nicht so oft "nicht"

Wichtig zu wissen ist, wie schwer sich das Gehirn mit Verneinungen tut. Den Satz "Stellen Sie sich keinen grünen Osterhasen vor" kann niemand lesen, ohne an einen ebensolchen zu denken. Umgekehrt gilt: Wer pünktlich sein will, sollte lieber auf den Satz "Ich will nicht zu spät kommen" verzichten. Besser: "Ich will rechtzeitig da sein." Auch den Rat "Hab keine Angst" gilt es aus dem Wortschatz zu streichen, wenn man jemanden beruhigen will. Besser sind Formulierungen wie "Du bist gut vorbereitet" oder "Du hast oft gezeigt, dass du es kannst".

Gemach, gemach!

"Ich mach' das mal schnell" - so etwas rutscht uns leicht mal raus. Allerdings: Der routinemäßige Gebrauch des Wortes "schnell" verbreitet nur Hektik, wir selbst fühlen uns wie getrieben und geraten unter Stress. Dasselbe gilt auch für Floskeln wie "ganz kurz" oder "Kannst du mal eben ...?". Entschleunigen dagegen können wir z. B. mit den Worten "Gemach, gemach" oder "Dafür nehme ich mir gern Zeit".

Auf den Punkt kommen!

Andere können Ihren Gedanken nicht immer folgen? Sprechen Sie in kurzen, klaren Sätzen - so können Sie sich besser sortieren. Und senken Sie die Stimmlage am Ende des Satzes ab. Dann weiß der Zuhörer, dass ein Gedanke zu Ende ist. Wer die Stimme gewohnheitsmäßig oben lässt, kommt im wahrsten Sinne des Wortes nicht "auf den Punkt". Menschen mit beständig ansteigender Satzmelodie finden auch in anderen Lebensbereichen kein Ende.

Ein bisschen Frieden

Wir sehnen uns nach Harmonie, trotzdem ist unsere Sprache oft erstaunlich brutal: Da werden Anrufer am Telefon "abgewürgt", Projekte "in Angriff" und Ideen "ins Visier" genommen, "schwere Geschütze aufgefahren", Pläne sind "kriegsentscheidend" - und wenn wir richtig Spaß haben, ist es eine "Mordsgaudi". Mit solchen Worten aktivieren wir unbewusste Speicherungen und Aggressionen und erschweren und im Alltag das Entschleunigen. Auch statt einen "Vorschlag" zu machen, kann man eine "Empfehlung" geben. Friedliche Formulierungen zahlen sich aus, versichert die Sprachwissenschaftlerin: "Hebammen berichten, dass Geburten leichter gehen, wenn die Frauen ihre Kinder 'bekommen' und nicht mehr 'kriegen'."

In vollständigen Sätzen reden

Wer beginnt, seiner Sprache mehr Aufmerksamkeit zu schenken, dem wird schnell klar, wie oft er Sätze anfängt, ohne sie zu Ende zu führen, und wie oft er gedanklich kreuz und quer springt: "Bei dem Gespräch letzte Woche - du weißt ja, wir haben da diesen neuen Kunden - jedenfalls, da habe ich mir gedacht, und mein Chef fand das auch eine gute Idee ..." Machen Sie sich klar, dass Zuhörer nur ein Bild pro Satz verarbeiten können. Und: Sprechen Sie immer in kompletten Sätzen! Übrigens verschwindet bei Frauen häufiger als bei Männern das "Ich" aus den Sätzen: "Hab' noch schnell die Wäsche aufgehängt", "Gehe jetzt einkaufen". Der Effekt: "Durch das Weglassen des Subjekts bleiben Sie selbst in Ihrem eigenen Denken und Sprechen auf der Strecke", sagt Mechthild von Scheurl-Defersdorf. Ein weiterer sprachlicher Stolperstein: Passivsätze wie z. B. "Am Sonntag wird die Wäsche gemacht". Hier ist nicht klar, wer die handelnde Person ist. Kürzer und verständlicher sind Aktivsätze: "Am Sonntag machen wir die Wäsche."

Buchtipp: "Ein Paar - ein Wort. Besser miteinander reden", Mechthild von Scheurl-Defersdorf, Kreuz Verlag, 16,99 Euro

Autor: JULIA MEYERDIERCKS

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