"Er sagte Darlin' zu mir"

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Männer wie ihn lernt man nicht kennen
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Der Mann, den ich nie bekommen habe

Fast jede Frau hat einen, den sie nicht aus ihrem Herzen löschen kann. Der es hätte werden sollen - aber nie geworden ist, weil es der falsche Zeitpunkt war. Oder er nichts von ihr wissen wollte. Sie hatte einen Freund. Dann traf unsere Autorin Anna Schopf den Mann, der sie ihr Glück vergessen ließ. Eine Zeit lang zumindest.

Nennen wir ihn Alexander. Ich traf ihn, wo man Männern seines Schlags sonst nie begegnet: auf einer Univeranstaltung. Er war Engländer, älter, trug einen perfekt sitzenden Anzug und hatte eine Stimme, als hätte er vor seinem Vortrag mit Rohöl gegurgelt. Er wirkte auf wundersame Weise fehl am Platz, nicht im falschen Raum - im falschen Jahrzehnt. Das gefiel mir. Ich ließ mich vorstellen, wir unterhielten uns. Er brachte mich zum Lachen, zündete mir jede Zigarette an, obwohl er selbst nicht rauchte, beim Gehen legte er die Hand in meine Rückengrube, eine Geste, die einem normalerweise das Gefühl gibt, man würde in Schutzhaft geführt - bei ihm wirkte sie beschützend. Er war umwerfend und als er mich schließlich auch noch "darlin'" nannte, war ich endgültig verführt.

Man muss wissen, dass der Mann, der mich "darlin'" nennt, auch rosa Hemden, Haargel und Spinat reste in den Zähnen tragen könnte, ich würde trotzdem kichern und rot anlaufen. Bei ihm kam ich mir vor wie Kathe rine Hepburn in einer Filmszene mit Cary Grant. Er sagt " darlin'" zu ihr, und was er eigentlich sagt, ist: Du gehörst mir. Ich weiß es, du weißt es, aber lass uns noch eine Weile lang so tun, als wüssten wir es nicht.

Männer wie ihn lernt man nicht kennen. Und wenn doch, dann haben sie schon eine Freundin. Oder man selbst hat einen Freund. Wie ich. Einen Freund mit blitzenden braunen Augen und sanftem Gemüt, einer von den Guten, mit dem ich glücklich war. Ich gab Alexander trotzdem meine Nummer. Warum? Erregung, Begehren, Neugierde, weil es verboten war, weil er ein Gefühl in mir auslöste, als hätte ich Brausepulver in der Blutbahn. Weil er danach fragte.

Wir trafen uns in Hotelbars und Restaurants, in die mein Freund nie gehen würde.

Wir telefonierten stundenlang und schrieben glühende E-Mails. Eine Unterhaltung mit ihm war wie Verbaltennis - jeder versuchte den anderen von der sicheren Grundlinie wegzulocken, um dann zum Schmetterschlag auszuholen. Er forderte mich heraus. Dass ich einen Freund hatte, sagte ich ihm nie, obwohl er es vielleicht ahnte, schließlich passierte zwischen uns nie mehr als ein Kuss. Ich bewunderte ihn, einschätzen konnte ich ihn nicht: Spielte er mit mir? War ich nur ein Zeitvertreib? Eine Eroberung? Würde es mich stören, wenn es so wäre? Denn würde er sich mich als Freundin wünschen, müsste ich mich entscheiden, für ihn - oder für meinen Freund. So konnte er für mich der perfekte Mann bleiben, die B-Seite zu meinem Alltag, auf der beide immer das Richtige sagen, brillant klingen und begehrenswert wirken.

Er verkörperte all das, was mein Freund nicht war.

Er war ein Versprechen, mein Freund war eine Gewissheit. Und vielleicht hörte ich genau deshalb nach zwei Monaten heftigen Flirtens damit auf. Nicht weil ich wollte, sondern weil ich einsah, dass ich musste. Alexander war nur eine schöne Vorstellung. Die Vorstellung, meinen Freund leiden zu sehen, konnte ich weniger ertragen als mein leidendes Ego. Ich erzählte meinem Freund nie davon. Die Beziehung endete irgendwann, wie auch die danach. Eine E-Mail von Alexander hat sie beide überlebt. Ich habe sie aufgehoben - als Erinnerung, dass es mal jemanden gab, der mich "darlin'" rief. Und als Erinnerung, dass ich nie wieder antworten werde.

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