Faires Unterhaltsrecht?

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Kinder immer die Verlierer?
Foto: Andi Berger, fotolia

Jubelnde Väter − geschockte Mütter: Alleinerziehende müssen sich nach der Scheidung schneller einen Job suchen. Sind Kinder die Verlierer des neuen Unterhaltsrechts? Pro und Contra aus Expertenmund.

Er ist fünf Jahre alt. Werktags bis 16 Uhr in der Kita. Seinen Vater sieht er nur am Wochenende. Schicksal eines Scheidungskindes.

Seine Mutter ist alleinerziehend, wie 1,6 Millionen andere in Deutschland. Sie hat einen Job, eine 70-Prozent-Stelle als Lehrerin. Dazu Kindergeld, Unterhalt für den Sohn. Und Betreuungsunterhalt vom Ex-Mann, weil sie nicht voll arbeiten kann. Das sprach ihr das Berliner Kammergericht zu.

Doch seit 2008 gilt ein neues Unterhaltsrecht. Darauf beruft sich der Vater. Er hat eine neue Familie, will für die geschiedene Frau nicht mehr zahlen. Sie könne ja ganztags arbeiten. Der Sohn ist älter als drei Jahre und bis 16 Uhr untergebracht. Der Bundesgerichtshof gab dem Vater Recht. Nun muss das Berliner Kammergericht neu entscheiden.

Während Väter jubeln, sind viele Mütter entsetzt.

Sorgen sollten sich Eltern aber vor allem um das Wohl ihrer Kinder machen. Denn wenn Richter jetzt jeden Einzelfall prüfen müssen, können sie Zeugen hören, das Jugendamt fragen. Sie können psychologische Gutachter bestellen, die den Nachwuchs befragen und durchleuchten. Für Kinder in Scheidungssituationen eine noch höhere Belastung ihrer Seele!

PRO

Das Bundesjustizministerium begrüßt dieses Urteil, denn es rückt die Eigenverantwortung wieder stärker ins Blickfeld. Paragraf 1569 BGB, Satz 1 besagt: "Nach der Scheidung obliegt es jedem Ehegatten, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen."

"Das Urteil bietet eine Chance für Gerechtigkeit. Denn jetzt müssen sich Gerichte − aber auch Familienanwälte − stärker als bisher mit dem konkreten Fall, mit den Lebensumständen beschäftigen. Da kommt sowohl für die Richter als auch für die Anwälte eine Menge Mehrarbeit zu", erklärt Beatrix A. Ruetten, Fachanwältin für Familienrecht in Hamburg.

"Die Frau hat davon doch auch Vorteile. Es ist besser für sie, wenn sie alsbald in ihren erlernten Beruf zurückkehrt oder überhaupt einen Beruf ergreift, statt immer nur an der Nabelschnur des ehemaligen Partners zu hängen", befand Familienrichterin Meo−Micaela Hahne, unter deren Vorsitz der Bundesgerichtshof das Urteil fällte. Die Juristin hat noch einen Tipp: "Ein Ehevertrag ist immer gut."

CONTRA

Kritiker des Urteils klagen: Betreuung im Hort ersetzt nicht die Erziehung durch die Mutter. Die hilft bei den Hausaufgaben, hat immer ein offenes Ohr. Es fehlt oft noch am passenden Betreuungsangebot. Und in den Ferien gibt es oft keine Unterstützung. Wer lange aus dem Beruf ausgeschieden war, der bekommt nur schwer einen Job. Mütter brauchen Aufstockungsunterhalt, weil sie schlechter bezahlt werden als Männer.

"In Zukunft werden Entscheidungen der Richter länger dauern. Darunter können besonders die Kinder leiden. Dabei geht es ja paradoxerweise um ihr Wohl. Doch um entscheiden zu können, müssen Richter in schwierigen Fällen Gutachter hinzuholen, die die Kinder befragen. Diese Belastung für ihr Kind sollten sich Eltern bei der Scheidung immer genau vor Augen führen. Sie sollten die Scheidung im Interesse ihres Kindes fair über die Bühne bringen", mahnt die Hamburger Familienanwältin Ruetten.

So viel zahlen Väter heute

Meist zahlen Väter, weil Kinder bei der Mutter leben. Die Höhe regelt die Düsseldorfer Tabelle . Beispiel: Der Vater von zwei Kindern (1 und 2 Jahre alt) mit einem Nettoeinkommen von 2200 Euro zahlt für die Kinder je 228 Euro, also 456 Euro. Danach bleiben ihm noch 1744 Euro übrig. Da beide Kinder unter drei Jahre alt sind, muss die Mutter noch nicht arbeiten. Ihr steht ein Betreuungsunterhalt zu. Der beträgt 747 Euro (3/7 von 1644 Euro). Dem Mann bleiben 996 Euro. Weniger als 900 Euro (inkl. Miete) darf er nicht für sich im Monat haben.

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