Fehlgeburt: Ein Himmel nur für Sternenkinder

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Barbara und Mario Martin haben drei Kinder verloren. Jetzt wollen sie anderen Eltern von Sternenkindern helfen.
Foto: Sophie Kröher

Barbara und Mario Martin haben drei Kinder verloren – und helfen seitdem anderen Eltern von Sternenkindern

Wenn eine Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet, ist das für die Betroffenen eine Tragödie: Ein kleiner Mensch stirbt. Sternenkinder werden die tot geborenen Babys genannt. Barbara und Mario Martin haben drei Sternenkinder. Jetzt bieten sie anderen Sterneneltern Hilfe an.

Joseph-Lennard.

Tamino-Federico Joseph.

Penelope-Wolke Josephine.

Dies sind die Namen der Kinder, die Barbara und Mario Martin verloren haben. Sie alle sind zu Sternenkindern geworden. „Drei unserer Kinder starben während oder kurz nach der Geburt. Lange haben wir gebraucht, um damit fertigzuwerden. Und wir wissen, dass viele Betroffene nicht nur ein paar Tage oder Wochen trauern, sondern Monate, Jahre, wenn nicht gar ein ganzes Leben“, so berichten die beiden in ihrem Buch „Fest im Herzen lebt ihr weiter“.

Um die schweren Verluste zu verkraften, setzten Barbara und Mario Martin sich für die Rechte von Sternenkindern und deren Eltern ein und bildeten über das Internet eine große Solidargemeinschaft. Es ist ihnen zu verdanken, dass der Deutsche Bundestag 2013 den Sternenkinderparagrafen beschlossen hat, der Eltern ermöglicht, ihre durch eine Fehlgeburt still geborenen Kinder im Familienstammbuch beurkunden zu lassen und ihnen so offiziell eine Existenz zu geben.

Jedes Kind bekommt einen eigenen Stern

Ein anderes Projekt der Martins ist der traurig-schöne Sternenhimmel. Auf der Internetseite können Eltern ihre Sternenkinder mit Namen, Geburtsdatum, einem Foto und einem persönlichen Abschiedsgruß verewigen: www.sternenkinderhimmel.com .

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Seit 2012 gehört Sohn T-j zur Familie Martin

In ihrem Buch berichten die Martins von ihren Wegen zur Bewältigung der Trauer, von den Briefen der Menschen, die ihnen für ihren Einsatz danken, geben viele Tipps zum Umgang mit einer so schwierigen Situation und berichten auch von ihrem ganz persönlichen Happy End: Barbara und Martin haben sich schließlich entschlossen, ein Kind zu adoptieren. Seit Oktober 2012 gehört Sohn T-j zu ihrer Familie.

„So schwer unser Weg auch war: Es ist unser Leben und wir wünschen uns kein anderes. Was wir erlebt haben, hat uns zu denen gemacht, die wir heute sind: Eltern, die drei Kinder im Himmel wissen – und die andere Sterneneltern in ihrer Trauer begleiten und ihnen auf ihrem schweren Weg Kraft geben möchten.“

Um Mut zu machen und selbst zu verarbeiten erzählen Barbara und Mario auch ganz genau von jeder der drei schmerzhaften Geburten. Der folgende Text setzt sich aus Auszügen der entsprechenden Kapitel zusammen:

Abschied von Lennard-Joseph

Mario

Irgendetwas ist nicht in Ordnung, das spüren wir beide. „Sonntagabend“, denke ich, während wir über Landstraße Richtung Limburg fahren. Gott sei Dank ist wenig los.

„Mein Bauch ist hart, bretthart!“, hatte Barbara gegen 22 Uhr gesagt. „Er fühlt sich seltsam an, ganz anders als sonst.“

...

Zwei blaue Streifen – ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir gemeinsam den Test gemacht haben. Es war ein wunderbarer Tag im Mai 2007. Endlich, endlich, endlich hatte es geklappt. Positiv! Wir konnten kaum still sitzen bleiben, tigerten nur auf und ab und blickten immer wieder staunend in das kleine Fenster des Tests.

„Hatten Sie einen Blasensprung?“, fragt die Hebamme im Krankenhaus in Limburg, als sie Barbara in das Behandlungszimmer bittet. Ich sehe es in Barbaras blassem Gesicht, dass sie jetzt genau dasselbe denkt wie ich: „Bitte nicht! Bitte nicht! Bitte, Gott, lass es unserem Kind gut gehen.“ Die quälende Ungewissheit scheint einfach kein Ende nehmen zu wollen. Wir dachten, wir hätten es geschafft, unser Baby in Sicherheit zu bringen. Schließlich haben wir ja auch erst vor kurzem das Bergfest, die Hälfte der Schwangerschaft, gefeiert.

Bei der Visite fragen wir immer wieder nach der Lungenreifespritze, ob man sie unserem Sohn nicht sicherheitshalber geben könne? Bei einer Lungenreifespritze werden einer Mutter in einem bestimmten zeitlichen Abstand zwei Kortisonspritzen gegeben, wenn eine Frühgeburt droht. Das Kortison bewirkt, dass die Lungenbläschen früher reifen und nicht zusammenfallen, wenn das Baby zum ersten Mal atmet. Das sei in unserem Falle noch nicht möglich, lässt man uns wissen, da die Lungenreifespritze erst ab der 24. Schwangerschaftswoche gegeben werden kann.

***

Ich will das alles hier nicht wahrhaben und es ist doch wahr. Es zerreißt mir das Herz, ohne dass ich imstande bin zu schreien. Die Schwestern schieben Barbaras Bett durch die Tür in den Kreißsaal, es ist der letzte auf dem Flur, ganz hinten. In dem Moment wird Barbara hellwach. Sie weiß ganz genau, wo sie ist. Laut und so deutlich, dass es alle verstehen können, bittet sie:

„Holen Sie ihn nicht! Nein! Warten Sie!“

Ihr Schrei geht mir durch und durch. Ich versuche, ihr zu helfen. Auch ich bitte darum, noch auf die Blutergebnisse zu warten. Doch gleichzeitig, wie Barbara so vor mir liegt, überwältigen mich wieder Zweifel. Die Schwester antwortet nicht auf meine Bitte. Stattdessen zieht sie eine Spritze auf – Buskupan, ein krampflösendes Mittel. Und wieder bittet Barbara lauthals: „Nein, bitte holen Sie ihn nicht!“ Dann setzt ihr die Schwester die Spritze.

Der Arzt von vorhin tritt zu mir: „Das EKG zeigt leider sehr schlechte Werte. Es sieht ganz so aus, als sei die Infektion im Bauchraum bereits zum Herzen Ihrer Frau vorgedrungen.“ „Zum Herzen?“ … zum Herzen meiner Frau? Was heißt das? Schlagartig wird mir klar, dass es hier um zwei Leben geht: um das Leben unseres Sohnes und um Barbaras.

Barbara

„Frau Martin, jetzt machen Sie endlich mit! Sie müssen pressen!“, animiert mich die Hebamme. „Ihre Wehen sind nicht mehr zu stoppen.“ Ich sehe, wie die Hebamme und die Hebammenschülerin anfangen, um mich herumzuwuseln. Die beiden machen alles für eine Geburt bereit. Für mich bricht eine Welt zusammen. „Ich will das nicht!“, sage ich energisch. Niemals werde ich pressen, geschweige denn mit in die Wehen atmen. „Lennard-Joseph muss drin bleiben!“ Unser Kind. Ich will es retten. Mit allen Kräften versuche ich, mich gegen das zu stemmen, was auch immer diesen Druck in meinem Bauch auslöst.

„Frau Martin?“, höre ich eine Frauenstimme. „Frau Martin, ich nehme jetzt Ihr Baby und lege es Ihnen in den Arm.“

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Mit den Tattoos haben die Martins ihre drei Schätze immer bei sich. | Foto: S. Kröher

Unser Baby! Es ist da! Es lebt! Ich wartete darauf, Lennard-Joseph schreien zu hören. Die Hebamme wickelt unseren kleinen Mann in ein Tuch und legt ihn mir auf die Brust. Mario ist immer noch an meiner Seite. Wir sind Eltern! – Doch es ist still. Unheimlich still. Und es bleibt still. „Warum schreit er nicht?“, frage ich panisch und ahne das Schreckliche, das nun auch die Hebamme ganz leise und behutsam ausspricht: „Er wird nicht schreien. Es tut mir leid.“

Es ist der Moment, in dem alles um uns herum, unser Glück, unsere erträumte Zukunft, unser Herz erstarrt und einfriert. Unsere Welt steht still.

Wieder von vorne – Schwanger mit Zwillingen

Barbara

Freude und Angst vermischen sich, ein Mix, den ich so intensiv noch nie gespürt habe. Wir bekommen eine zweite Chance! An manchen Tagen überwiegt unsere Freude darüber, an anderen kämpfen wir gegen die Angst. Und dann gibt es diese Momente, in denen wir beides gleichzeitig erleben: das Schöne und das Bedrohliche unserer neuen Situation. Diesmal jedoch werden wir es schaffen, es wird alles gut gehen!

Und dennoch habe ich diesen Gedanken, der sich nicht klären lässt. Über den es bis heute keine Gewissheit gibt: Liegt das Problem nicht vielleicht doch bei mir? Ist bei mir wirklich alles in Ordnung? Obwohl alles gründlich untersucht und abgeklärt wurde? War der Verlust von Joseph-Lennard einfach nur Zufall, ein Versehen, ein spontaner Abort, wie die Ärzte es ausdrücken? Selbst wenn, irgendetwas muss doch dazu geführt haben, dass unser Sohn verstorben ist. Was gibt uns Sicherheit, dass genau dieses Problem nicht bald schon wieder auftaucht? Was ist, wenn wir es wieder nicht merken und wieder niemand etwas dagegen tun kann, und am Ende steht wieder ein schrecklicher Verlust?

Es dauert nicht lange, bis wir erfahren: Wir erwarten Zwillinge! Zweieiige Zwillinge! Doppelte Freude! Oder doppelte Angst? Ich weiß nur, dass diese Schwangerschaft medizinisch gleich aus zwei Gründen als Risiko eingestuft wird: Wegen Joseph-Lennards Tod gilt eine Folgeschwangerschaft ohnehin als Risiko und eine Mehrlingsschwangerschaft ist per Definition eine Risikoschwangerschaft.

Tamino-Federico und Penelope-Wolke – diese vier Namen auszusprechen, macht unsere Vorfreude noch größer. Die beiden schwimmen in meinem Bauch, jedes in seiner eigenen Fruchtblase, zu zweit, aber nicht auf Leben und Tod verbunden – ein Gedanke, den die Frauenärztin früh ausgesprochen hat und der uns irgendwie Ruhe gibt.

„Oh, oh“, sagt die Frauenärztin ganz erschrocken. „Frau Martin, bitte bleiben sie ganz ruhig liegen! Nicht mehr bewegen.“ Eine der beiden Fruchtblasen hat sich gesenkt, erklärt sie uns.

Die Blase kann jeden Moment platzen.

Wir erschrecken. Wie furchtbar! Sollte uns tatsächlich noch einmal dasselbe Schicksal ereilen? „Nein, das darf doch bitte nicht wahr sein!“, stoße ich nur heraus und bin erschüttert. Mario bricht fast zusammen und muss sich festhalten. Er setzt sich, legt den Kopf auf den Tisch, ist total geschockt.

„Hilf uns!“, schreie ich in Gedanken zu Gott. „Warum lässt du das zu? Schon wieder?“ Es ist alles ein schrecklicher Albtraum.

Um 2:40 Uhr wird Tamino-Federico geboren. Er ist tot. Die Hebamme kümmert sich um ihn.

Meine Gedanken sind ein einziges Flehen: „Bitte, Gott, lass Penelope mit rauskommen, wenn sie jetzt auch zu sterben hat! Wenn nicht, dann lass sie überleben! Bitte! Wir können das nicht noch ein drittes Mal ertragen.“

Barbara

Am 8. Oktober, drei Wochen nach Taminos Geburt und Tod, spüre ich erneut ein Ziehen und unangenehmes Drücken im Unterleib, in der Nähe der Leiste. Klopft Penelope? Will sie sich etwa bemerkbar machen? Sind das nur Kindsbewegungen? Immerhin ist Penelope fast 25 Wochen alt, und ich spüre deutlich, wie sie sich bewegt.

Mario

Plötzlich ist sie da! Ich sehe, wie sie auf die Welt kommt: Penelope! „Sie lebt!“, rufe ich Barbara zu. Es ist der 8. Oktober 2008, 0.30 Uhr.

Eine halbe Stunde verbringen wir so, dann kommt die Kinderärztin zurück in den Kreißsaal. Ich merke, dass sie Mühe hat, ihre Stimme ruhig und fest klingen zu lassen. „Ihre Tochter lebt.“ Sie macht eine kurze Pause. „Sie lebt noch. Aber sie wird es nicht schaffen. Es tut mir leid. – Wollen Sie sie hier bei sich haben oder sollen wir sie bei uns behalten?“ „Natürlich soll sie bei uns sein!“, antworte ich. Es ist doch unser Kind! Und es lebt. Es gehört zu uns und ist ein Teil von uns.

Ein paar Stunden haben wir mit ihr. Sie ist so zart und schön, so vollkommen… Doch dann verlässt sie uns. Sie geht ohne einen Laut, ohne ein Zittern. Fast kaum spürbar, unmerklich, wechselt sie in ein anderes Leben. Sie ist nicht mehr bei uns, aber auch nicht fern. Wir spüren ihre Anwesenheit im Raum, ihre Energie, die bleibt, als ihr kleiner Körper erkaltet. Sie geht auf die Reise zu ihren Brüdern und nimmt unser Herz mit.“

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Fest im Herzen lebt ihr weiter


Wie wir drei Kinder verloren und den Kampf um ihre Würde gewannen.
Ein Ratgeber für Eltern von Sternenkindern

Barbara & Mario Martin | Adeo Verlag | ISBN: 9783863340285

Über die Internetseite der Martins (jltfpw.jimdo.com) können Sie Kontakt zu dem Ehepaar aufnehmen.

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