Figurkomplexe ade

figurkomplexe ade
Warum machen wir uns wegen unserer Figur so verrückt?
Foto: Thinkstock

So werden Sie mit Ihrer Figur glücklich

Die Traumfabrik Hollywood liefert die Traummaße für's Selbstbild – und beim nächsten Blick in den Spiegel brechen wir prompt in Panik aus. Wann gibt es endlich eine mentale Wunderdiät, die unsere Figurkomplexe schrumpfen lässt?

Es ist wirklich zum Verrücktwerden mit den Pfunden. Ganze 92 Prozent der deutschen Frauen sind mit ihrer Figur unzufrieden. Und leiden unter Dauerstress. Ein Kilo zu viel: Ups, ab jetzt nur noch einen Milchkaffee pro Tag. Zwei Kilo: Nervosität. Drei Kilo: Oh Gott! Dinner-Cancelling! Vier Kilo: So kann es nicht weitergehen!

Ab fünf Kilo: Panik, Ernährungsratgeber , Fitnessstudio. In der Abnehmphase: Jammern und Zweifel am Durchhaltevermögen. Danach: Hoffentlich habe ich nicht bald wieder alles drauf! Ein Dauerdrama, weil uns ständig mitgeteilt wird: Dünnsein ist das einzig Wahre! Trotz der Beteuerungen von Designern, keine Size-Zero-Models mehr zu engagieren, ist man mit Größe 36 schon fast zu dick für den Catwalk. Und die Stars im Rampenlicht schüren den Figur-Perfektionismus zusätzlich, indem sie uns jeden Tag vorleben, dass nur diejenigen begehrenswert sind, die schlank sind.

Dünn, dünner, erfolgreich?

Röllchen sind in der Glitzerwelt nur  im Sushi-Restaurant erwünscht. Die 28-jährige Sängerin und Moderatorin Kelly Osbourne krempelte ihr gesamtes Leben um, steckte „jede Menge Arbeit“ in ihren Körper, lernte dabei, sich selbst zu lieben, nahm 30 (!) Kilo ab und schaffte es Ende 2012 im Bikini auf das Cover von „Cosmopolitan Body“.

Pop-Lady Christina Aguilera zeigte sich im März bei der Premiere von „The Voice“ mit zwei Kleidergrößen weniger – nachdem bei Proben zu der US-Castingshow, in der sie Jurorin ist, ihre knallenge Hose geplatzt war. Und Schauspielerin Jennifer Hudson trat kürzlich bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen von Weight Watchers, ihrem Abnehmpartner, 40 Kilo leichter auf.

Wie soll man da, bitte schön, gelassen auf dem Sofa sitzen, genüsslich in einen Muffin beißen und glauben, dass man auch mit ein paar Pfunden mehr auf den Rippen Erfolg im Leben haben kann, statt die Laufschuhe überzustreifen?

Vorbilder mit Nebenwirkung

Dieser Abnehmterror der Promis löst bei uns den Zwang aus abzunehmen: Eine Untersuchung britischer Wissenschaftler zeigte, dass junge Frauen, die einen dünnen weiblichen Star verehren, stärker zu Essstörungen neigen als ihre Altersgenossinnen ohne Magervorbild. Dieser Effekt fällt umso stärker aus, je größer die Bewunderung und der wahrgenommene Figurunterschied sind.

Die fettarme (Sensations-)Berichterstattung und Serien wie „Gossip Girl“ transportieren ein Frauenbild, das Schönheit, Sexappeal und Erfolg an Schlanksein knüpft, daher ist es nur allzu verführerisch, es den Celebritys gleich zu tun. In Afrika oder auf den Fidschi-Inseln beispielsweise gab es vor der Einführung des Satellitenfernsehens keine Essstörungen – heute hungern sich dort viele Frauen dem Ideal entgegen.

Die Wurzeln liegen in der Kindheit

Warum fruchtet diese Vorbildgeschichte derart bei uns – und warum fällt es uns so schwer, zu unserem Körper zu stehen? „Weil uns in der Kindheit niemand vermittelt hat, dass wir Königin im eigenen Reich sind“, sagt die Psychologin Katja Sundermeier (www.simply-love.de). „Die meisten von uns wurden nicht in ihrer Einzigartigkeit bestätigt und in ihrer Ganzheit angenommen, sondern auf Leistung, Hübsch- und Nettsein reduziert.“

Die Folge: Das natürliche gesunde Selbstwertgefühl, das in uns angelegt ist, wird von der Umwelt ausgehebelt. „Es entsteht ein innerer Konflikt, der uns verunsichert und uns versuchen lässt, die ersehnte Anerkennung über Äußerlichkeiten zu bekommen, z. B. indem wir Männern unbedingt gefallen wollen“, so die Expertin. Unsere Mütter wussten es nicht besser, da ihnen dasselbe widerfahren war.

Uns fehlte dadurch in jungen Jahren ein weibliches Rollenvorbild, von dem wir uns die gelebte Zufriedenheitsformel abschauen konnten: Dass man schön ist, so, wie man geschaffen wurde – ob mager oder mollig, klein oder groß, mit Stupsnäschen oder Silberblick. Kurzum, sich toll zu finden statt mit sich zu hadern. Und weil wir genau diesen Erfahrungswert nicht haben, stellen wir uns die Frage: Wie muss ich sein, damit ich mich gut fühle? „Man passt sich aus der Not heraus an seine Umgebung an und wird so zur Marionette von Schönheitsidealen“, erklärt die Expertin.

Der grosse Selbstbetrug

Wir schummeln nicht nur gegenüber Dritten, wir sind nicht mal zu uns selbst ehrlich. Wissenschaftler in England fanden anhand von 3.000 Ernährungstagebüchern heraus, dass sich jede dritte Frau beim Abnehmen selbst betrügt – im Schnitt neunmal pro Woche. 36 Prozent der vermeintlich abnehmwilligen Damen haben bereits in den ersten Tagen heimlich schnabuliert, ein Stückchen Schokolade hier, einen Caramel Frappuccino dort.

Die häufigsten Ausreden, wenn sich der Appetit vor anderen, die von der Diät wussten, nicht verbergen ließ: „Das war doch nur eine kleine Portion“, „Mein Mittagessen ist zwar ordentlich, aber dafür esse ich danach nichts mehr“ und „Ich gönn mir ja sonst nichts.“ Aber es kommt noch dicker: Während 37 Prozent einsahen, dass es sich um Selbsttäuschung handelte, hielt der große Rest die Zwischenfütterungen für harmlos.

Von Apfelessig zum Frühstück bis Po-Yoga

Die unglaublichsten „Thin is beautiful“-Credos kommen aus Hollywood, wo die „Size Zero“ erfunden wurde. Megan Fox trinkt angeblich jeden Morgen ein Glas Apfelessig zum Entschlacken. Gwyneth Paltrow ernährt sich nicht nur streng makrobiotisch, sondern kaut jeden Bissen mindestens 13-mal. Jennifer Love Hewitt kurbelt mit Po-Wackeln beim „Buti Yoga“ (vom englischen Wort „Butt“ für Hintern abgeleitet) die Fettverbrennung an.

Und die Celebrity-Mamis scheinen den Babyspeck loswerden zu wollen, sobald sie den Kreißsaal verlassen haben, und schaffen es dann tatsächlich innerhalb von wenigen Monaten. Beyoncé: minus 27 Kilo. Pink: minus 25 Kilo. Kourtney Kardashian: minus 20 Kilo. Fragwürdige „Hilfsmittel“ wie Diät-Brillen, die die Portion auf dem Teller größer erscheinen lassen, oder Vibrationsgürtel, die Fett weg-rütteln sollen, überschwemmen das Internet. Und wer möchte, kann sich ein Diätschwein an den Kühlschrank hängen, das laut grunzt, wenn man die Tür öffnet, und erst Ruhe gibt, wenn sie wieder geschlossen ist.

Und Männer? Mögen’s kurvig!

Wir machen uns verrückt mit unserer Figur, dabei haben laut einer Studie von Elitepartner 25 Prozent der Männer nichts gegen Rundungen – im Gegenteil! Fakt ist: Er will nicht nur was zum Gucken, sondern auch was zum Anfassen. Das beweist ein Experiment der niederländischen Radboud-Universität, bei dem sowohl sehende als auch blinde Männer die Attraktivität weiblicher Körper bewerten sollten. Die Blinden durften abtasten, die Sehenden gucken – und beide Gruppen bevorzugten üppige Formen.

Und: Hat frau was an der Hüfte, hat sie auch was im Köpfchen – eine gute Kombi für Chefs. Entdeckt wurde dieser Zusammenhang an der Universität von Newcastle. Je üppiger die Kurven waren, desto besser schnitten die Teilnehmerinnen bei Intelligenztests ab. Der Grund dafür sind ungesättigte Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren, die die Hirnaktivität fördern und vor allem im Hüftbereich fülliger Frauen vorkommen. Überhaupt sollten Männer uns vom Kalorienzählen abhalten. Denn an der amerikanischen Monmouth-Universität stellte man fest, dass Frauen , die auf Diät sind, zu Seitensprüngen neigen.

Das sollte verboten werden

Um die Kilos schwinden zu lassen, ist jedes Mittel recht. Ein geradezu wandelnder Jo-Jo-Effekt ist Mariah Carey. Die 44- Jährige is(s)t mal mehr, mal weniger, doch auf CD-Cover und Fotos sieht man die Sängerin stets in Top-Form. Salma Hayek hingegen war Ende 2012 wohl zu kurvig: Per digitaler Crash-Diät wurde ihre Taille für das Cover von „Harper’s Bazaar“ auf XXS-Größe eingedampft.

Ähnlich erging es Schauspielerin Christine Neubauer – und das, obwohl sie vor ihrem 50. Geburtstag in vier Monaten satte zehn Kilo abgenommen hatte. Aktuell präsentiert das Ex-Vollweib Charmline- Bademode, die Pölsterchen wegdrücken soll – mit digital erzeugter superschmaler Taille und Gazellenbeinen.

Das Obelix-Syndrom

Was bei den Promis Profi-Retuscheure per Photoshop zaubern, nehmen wir selbst in die Hand. Auf Facebook findet man uns nur in den vorteilhaftesten Posen. Bei den Urlaubsschnappschüssen, die wir an unsere Liebsten versenden, haben wir den Bauch eingezogen oder gar nicht erst abgelichtet. Na ja, und mit der Wahrheit muss man es doch auch nicht immer so genau nehmen, oder?

Zwei Drittel aller Frauen machen sich laut einer Studie des britischen Slim-Food-Anbieters „Eat Water“ bei Angaben zu ihrem Gewicht leichter, als sie sind, und schummeln durchschnittlich rund vier Kilo Speck weg. Mit den eitlen Lügen wird niemand verschont: nicht der Liebste, nicht die beste Freundin. Online übrigens rutschen bei der Partnersuche nicht nur die Pfunde, sondern auch die Maße gerne mal ein paar Zentimeter in Richtung 90/60/90. Wenn aus mehr weniger gemacht wird, sprechen die Franzosen vom „Obelix-Syndrom“, weil auch der dicke Comic-Gallier immer leugnet, dass er ein „kleines“ Gewichtsproblem hat.

Raus aus der Falle

Unseren Body-Mass-Index sollten nicht andere bestimmen, sondern allein wir selbst: „Attraktiv bin ich, wenn ich mich in meinem Körper wohlfühle und das auch ausstrahle. Schönheitsmaßnahmen an der Fassade helfen wenig, wenn sich im Inneren nichts ändert“, so Katja Sundermeier. „Es geht nicht darum, was andere denken, sondern um das Selbstbild. Und das wiederum kann nur jeder für sich positiv gestalten.“

Die beiden Leitsprüche sollten lauten: Ich will so bleiben, wie ich bin, weil ich ein entwaffnendes Lächeln habe, Humor und Herzblut, Mut und Meinungsstärke. Und: Ich plage mich nicht mehr mit etwas, das mir nicht entspricht. „Wenn uns Dinge Unbehagen bereiten, müssen wir sie hinterfragen: Habe ich meinen Beruf gewählt, weil ich es wollte oder weil es von mir erwartet wurde? Bin ich im Freizeitstress, weil ich gerne mit Freunden zusammen bin oder weil ich beliebt sein möchte?“, so die Psychologin.

Wer sich mag und das tut, was zu ihm passt, bei dem gibt’s auch kein Kompensations- oder Frustfuttern. „Im Einklang mit sich sein, bewusst und gesund leben, das sind die Zutaten, um sich wohlzufühlen“, sagt Katja Sundermeier. Und dann kommen wir auch nicht mehr auf die absurde Idee, dass ein paar Pfunde etwas damit zu tun haben könnten, dass wir gerade keinen Kerl finden – oder keinen Job .

Ernährung: Leckere Rezepte auf JOY Online >>

Kategorien: