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Burnout: Ursachen, Therapie und Zahlen

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Interview mit Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie

Fast jeder kennt jemanden, der betroffen war oder ist: Burnout ist zum Volksleiden geworden. Unter steigenden Arbeitsbelastungen, der Informationsflut und dem gesellschaftlichen Druck brechen immer mehr Menschen zusammen. Besonders Frauen sind betroffen. Oft sind langwierige Therapien die Folge - das schadet auch der Wirtschaft. Wir haben bei Expertin Dagmar Ruhwandl nachgefragt, wieso heute kaum noch jemand entspannt ist, was wir gegen den Stress tun können und welche Tipps sie für den Alltag hat.

WUNDERWEIB: Wieso steigt die Zahl der Burnout-Fälle so immens?

Dagmar Ruhwandl: "Unsere Arbeitswelt hat sich verändert. Immer mehr Menschen arbeiten in Dienstleistungsberufen, immer weniger in landwirtschaftlichen Betrieben oder im produzierenden Gewerbe. Kommunikationsfähigkeit wird dadurch zum entscheidenden Faktor für Erfolg. Selbst Ingenieure oder Handwerker haben heutzutage viel mit anderen Menschen zu tun – über Zeitzonen und Kulturen hinweg – und sind dadurch stärker gefährdet, auszubrennen. Zudem steigt der Zeit- und Leistungsdruck durch die Globalisierung. Die einfachen Aufgaben übernehmen Computer und Maschinen – die komplexen, die viel Konzentration fordern, bleiben bei den Menschen. Diese Arbeitsverdichtung belastet."

Woher kommt der Druck, alles perfekt machen zu wollen? Und wieso sind Frauen meist perfektionistischer als Männer?

Dagmar Ruhwandl: "Perfektionismus liegt bei manchen in den Genen, bei anderen in der Familiengeschichte begründet. Doch auch der gesellschaftliche Druck spielt eine große Rolle: Früher wäre es undenkbar gewesen, die Kinder jeden Nachmittag zum Tennis, in die Musikschule, zum Schwimmen, usw. zu fahren; heute ist der perfekt durchorganisierte Tag mit Job und Familie gesellschaftlicher Konsens. Wer nicht gestresst ist, gilt als Exot! Frauen sind besonders unter Druck, da sie zwei Rollenmuster verbinden wollen: Sie möchten die perfekte Hausfrau sein, wie es die eigene Mutter war und die große Karriere machen, so wie der Vater es vorgelebt hat. Dass die Mutter keinen Fulltime-Job und der Vater sich nicht um den Haushalt gekümmert hat, wird oft vergessen. Diese doppelten Ansprüche sind nicht umsetzbar."

Wer ist besonders gefährdet?

Dagmar Ruhwandl: "Es gibt zwei Persönlichkeits-Typen, die besonders gefährdet sind:

Das Internet macht Vieles leichter: schnellere Informationen, leichtere Kommunikation. Dennoch fühlen wir uns dadurch stärker belastet. Wieso?

Dagmar Ruhwandl: "Die Informationen werden verdichtet. Vor langer Zeit konnte man sich nur mit Rauchzeichen verständigen, heute prasseln unzählige Informationen aus verschiedensten Kanälen auf uns ein. So kommt man zwar schneller an eine Telefonnummer, muss aber viel mehr Informationen verarbeiten. Ein ,Web-Jahr' entspricht der Informationsflut von etwa drei bis fünf Jahren aus der Zeit, in der es noch kein Internet gab."

Einen Gang runterschalten? Gern! Doch dann bricht das Chaos in der Wohnung aus und der Chef ist sauer, weil Aufgaben nicht fertig werden. Wie geht es richtig?

Dagmar Ruhwandl: "Wer weniger tun will, muss klare Prioritäten setzen. Was ist wirklich wichtig, was kann ich von meiner Liste streichen? Und auch: Kann ich mich nicht an ein bisschen Chaos gewöhnen? Viele Dinge, gerade im Haushalt, sollte man grundlegender angehen. Wer sich ärgert, jeden Tag saugen zu müssen, kann die Regel einführen, dass Schuhe vor der Tür ausgezogen und abgestellt werden. Auch ein klärendes Gespräch mit dem Chef wirkt oft Wunder. Wer selbst nicht mehr priorisieren kann, wer alle Aufgaben erledigen muss, braucht Hilfe von außen. Eine Putzfrau für die Hausarbeit, oder auch nette Kollegen, mit denen man die Arbeit teilen kann. Dabei gilt: Je ausgeglichener man ist, desto mehr Aufgaben gehen einem leicht von der Hand. Für Menschen, die schon völlig ausgebrannt sind, sind selbst Kleinigkeiten nicht mehr zu schaffen."

Wo ist der Unterschied zwischen einem Burnout und einer Depression?

Dagmar Ruhwandl: "Burnout ist keine Diagnose, sondern nur ein Grund, zum Arzt zu gehen. Die häufigsten Diagnosen, die bei Burnout-Symptomen gestellt werden, sind somatoforme Störungen, Angststörungen oder Depressionen. Tatsächlich ist ,Burnout' die gesellschaftsfähigere Formulierung – eine Krankheit ist es aber nicht." Ob man selber betroffen ist kann man zum Beispiel hier testen.

Müde und erschöpft, keine Lust, rauszugehen – solche Tage kennt jeder. Wann wird es gefährlich?

Dagmar Ruhwandl: "Jeder hat seine eigenen Mechanismen, um zu regenerieren und Kraft zu schöpfen. Wenn diese Methoden plötzlich nicht mehr funktionieren und nichts dabei hilft, ein normales Wohlfühl-Level zu erreichen, sollte man aufhorchen. Es ist sinnvoll, sich früh Hilfe zu holen. Das kann eine professionelle Beratung sein, die präventiv schon mit wenigen Sitzungen das Problem löst, oft hilft auch schon das offene Gespräch mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Machen Sie ein verlängertes Wochenende, an dem Sie nur Dinge tun, auf die Sie Lust haben – auch das hilft vielen, um sich endlich mal wieder wohlzufühlen. Wer zu lange wartet, muss mit längeren Therapie-Zeiten rechnen. Wenn Patienten zu mir kommen, die bereits aus psychischen Gründen krankgeschrieben sind, dauert die Behandlung etwa eineinhalb bis zwei Jahre."

Kann man nach einem heftigen Burnout wieder zurück in den alten Job?

Dagmar Ruhwandl: "Ja, das ist sogar die Regel. Die Denkmuster ändern sich durch die Behandlung – dann geht man ganz anders mit dem Job um. Es ist sehr selten, dass jemand nicht zurück will oder kann. Bei Härtefällen kommt es vor, dass sogar eine Frührente unumgänglich ist. Das ist zum Glück sehr selten. Manche wechseln die Abteilung oder übernehmen neue Aufgaben, generell ist eine Rückkehr aber problemlos möglich."

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