Glas: Vom Feuer geformt

glaskunst von cornelius reer

Glas gibt es seit Jahrtausenden, und doch überrascht es immer wieder neu. Der vielseitige Werkstoff ist bedeutend für Technik und Medizin, sogar die Kosmetik. Vor allem aber: für Architektur und unseren Alltag.

Schauen wir einmal tief ins Glas, am besten in eine Kristallkugel, das traditionelle Requisit für den Blick in die Zukunft: Sie zeigt, dass das Potenzial des brillanten Materials längst nicht ausgeschöpft ist und sich aus Glas noch allerhand zaubern lässt. Demnächst werden wir damit die Lippen nachziehen, es als Puder, Rouge, Lidschatten und Nagellack auftragen und gläsernen Balsam ins Haar kneten. Hokuspokus? Keineswegs. Wissenschaftler bestätigen, dass zu feinstem Pulver gemahlenes Glas die hautfreundliche Basis für viele Kosmetikprodukte bilden wird. Es setzt sich überwiegend aus Silizium, Kalzium, Natrium und Phosphor zusammen – Elemente, die auch im menschlichen Organismus vorkommen und antibakteriell wirken. Übrigens geht Glas uns schon jetzt unter die Haut: Kieferorthopäden verwenden pulverisiertes Glas als Ersatzstoff für Knochen. "Ich war schon immer der Ansicht, dass es Wichtigeres gibt als Gold. Glas zum Beispiel halte ich für nützlicher", schrieb der Schriftsteller Theodor Fontane und dachte vermutlich an Tischkultur, Taschenuhr und Glühbirne. Heute beobachten Forscher mit Hilfe gigantischer Teleskopspiegel das All, und auch en miniature erschließt Glas uns neue Welten: in Form von winzigen Kristallen im Nanoformat.

Glasfassaden können Erdbeben trotzen

Selbst das zweithöchste Bauwerk der Welt, das 508 Meter messende Taipei Financial Center, ist mit 120 000 Quadratmetern Glas – aus Deutschland – verkleidet. Die vermeintlich brüchige Fassade trotzt den ca. 200 Erdbeben pro Jahr wie auch den Taifunen, die häufig über die taiwanesische Hauptstadt hinwegfegen. Glas hat viele Gesichter und ist in jederHinsicht ein Werkstoff der Superlative. Antike Stücke wie französische Sektflöten oder böhmische Kristallkronleuchter sind begehrt und so manchem Sammler ein kleines Vermögen wert. Das teuerste Saxophon der Welt ist aus Glas gefertigt und soll rund 40 000 Euro kosten. Und sogar entkorkte Weinflaschen und entsorgte Marmeladengläser avancieren mitunter zu gefragten Designobjekten: So verwandelt die Hamburger Glaskünstlerin Sybille Homann gewöhnliches Altglas in fantasievolle Garderoben, Leuchten und Karaffen.

Durch Blitze entstand das erste Quarzglas

Das erste Glas lieferte die Natur: Vulkanausbrüche hinterließen, nachdem die Lava abgekühlt war, das Gesteinsglas Obsidian. Auch Meteoriteneinschläge schmolzen Gestein und verwandelten es in Glaskörper. Gewitter gehörten ebenfalls zu den frühen Glasproduzenten: Schlugen Blitze in sandreiche Erde ein, bildete sich Quarzglas. Die Menschen der Jungsteinzeit machten aus diesem natürlichen Glas Pfeil- und Speerspitzen. Die ersten Glasmacher lebten im ägyptisch-syrischen Raum, die um 1600 v. Chr. dickwandige Hohlgefäße formten. Mit der Erfindung der Glasmacherpfeife gelangen ein paar Jahrhunderte später sehr viel filigranere Produkte. Die Glasbläser experimentierten mit hölzernen Einblasformen und konnten bald Flachglas in Form von Butzenscheiben fertigen. Aus dem Jahr 640 v. Chr. stammt ein Rezept für die Herstellung von Fensterglas – die alten Römer richteten sich damit wohnlich ein. Je größer das Römische Reich wurde, desto mehr verbreiteten sich Glaskunst und Handel; und auch in den römischen Gebieten Europas wurden die ersten Glashütten gegründet. Mehr als 2600 Jahre alt ist das älteste bekannte Rezept zum Anrichten der Glasschmelze. Eine Tontafel aus der Bibliothek des assyrischen Königs Ashurbanipal erklärt, wie es geht: "Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche (Natriumkarbonat) und 5 Teile Kreide (Magnesiumkarbonat), erhitze das Ganze und du erhältst Glas".

Mit Atem wird Glasnoch heute gemacht

Daran halten sich die Glasmacher im Prinzip bis heute. Allerdings verfeinerten sie im Lauf der Zeit das Rezept auf verschiedene Weise und jeder hielt seines geheim. Der erste Arbeitsgang ist das Einwiegen der Grundstoffe Quarzsand, Soda (Natriumkarbonat) und Kalk (Kalciumkarbonat). Je nach Glassorte wird individuell gemischt, das Gemenge in Tonbottiche eingelegt und im Ofen bei 1200 bis 1400 Grad Celsius geschmolzen. Außer Atem braucht der Glasbläser noch die Pfeife, ein bis zu 1,60 Meter langes Rohr mit Mundstück. Damit nimmt er zähflüssiges Glas, die Schmelze, aus dem Ofen. Formt die Masse, indem er durch die Pfeife bläst und sie zugleich in einer Holzform dreht. Mit Metallplatten quetscht er sie, wenn er flache Formen gestaltet. Mit der Zange zieht er Glas in die Länge, drückt Verzierungen hinein. Die Schere kürzt Glasteile und schneidet die Objekte von der Pfeife, damit sie abkühlen. So arbeiten heute viele Glaskünstler. Im Wesentlichen aber ist die Glasproduktion längst mechanisiert: Vor mehr als 100 Jahren startete die erste vollautomatische Hohlglasmaschine, die neun Flaschen pro Minute schaffte. Das Phänomen, dass die eigentlich "schmutzigen" Zutaten Quarzsand, Soda und Kalk nach dem Erkalten der Masse ein durchsichtiges Material ergeben, begeistert Menschen bis heute. Doch Glas wird nur dann glasklar, wenn der verwendete Sand kein Metall enthält. Das wussten bereits die alten Ägypter; sie färbten Glas durch Zugabe von Kupfer oder Mangan. Moderne Glasmacher erzielen eine schier unendliche Farbvielfalt. Sie geben Metalloxide bis hin zu Silber und Gold bei. So tönt zum Beispiel Kobalt blau, Kupfer smaragdgrün, Eisen ergibt grün, Chrom gelb. Gold in Verbindung mit Kupfer färbt rot, Mangan violett.

Bleikristall überzeugt durch Glanz und schönen Klang. Bei der Herstellung wird Kalziumoxid durch Bleioxid ersetzt. Geschliffene Trinkgläser, Karaffen oder Schmuckstein-Imitationen werden heute noch manuell im Böhmerwald gefertigt.

Jenaer Glas (Borsilicatglas) ist eine extrem hitzebeständige "Haushaltshilfe": Es hält abrupte Temperaturwechsel zwischen kaltem und heißem Wasser aus, ohne zu bersten.

Kristallglas bezeichnet hochwertiges, farbloses Glas; sein Name leitet sich vom Bergkristall ab. Heute entsteht einfaches und bleifreies Kristallglas von schöner Brillanz, indem Natriumoxid zum Teil durch Kaliumoxid ersetzt wird.

Lithyalinglas ist ein sehr seltenes Steinglas, das Edelsteinen ähnelt.

Millefioriglas kennt man zum Beispiel in Form von Papierbeschwerern: Farbige Glasfäden werden verschmolzen, dann als Bündel in eine farblose Glasmasse eingeschmolzen.

Muranoglas wird seit 1291 hergestellt, als die berühmten Glashütten Venedigs wegen Brandgefahr auf die Insel Murano verlegt wurden. Venezianische Glaskunst, damals beeinflusst von orientalischen Herstellungstechniken, galt und gilt als äußerst hochwertig.

Milchglas erscheint trübweiß; weil mit Knochenmehl hergestellt, wird es auch Beinglas genannt. Milchglas war von 1750 bis 1800 besonders en vogue, weil es Porzellan glich.

Normalglas (Kalk-Natron-Glas) ist die wichtigste Glassorte. Trinkgläser, Flaschen, Lebensmittelverpackungen und Flachglas für Spiegel und Fenster werden daraus gemacht.

Opalglas schimmert wie Opal, ist durch Knochenmehl oder Hirschhorn halbdurchsichtig, eignet sich für Leuchtenschirme.

Pressglas wurde um 1825 erfunden und war im Unterschied zu mundgeblasenem Glas erschwinglich. Die Glasmasse wird mit Stempeln in eine Form gepresst.

Waldglas verdankt seine grünliche Färbung dem Eisenoxid. Aus Furcht vor Feuer wurde die Glasproduktion im 15. Jahrhundert aus den Städten dorthin verlagert, wo die enormen Holzmengen für Befeuerung und Aschegewinnung wuchsen: In den Wäldern entstanden neue Glashütten.

1. Kristallglas, edel und fein geschliffen, sollten Sie unbedingt von Hand spülen! Hitze und Spülmittel lösen Kalium aus der Oberfläche und verursachen die gefürchtete Korrosion, die das Glas milchig-trüb aussehen lässt.

2. Gläser aus Bleikristallglas nehmen einen Maschinenspülgang weniger übel, doch auch sie neigen – vor allem wenn sie geschliffen sind – zur Korrosion. Reinigen Sie auch Bleikristallglas lieber von Hand.

3. Pressglas gilt als schlicht, ist aber meist stabil genug fürs Spülprogramm, denn seine Oberfläche wird beim Pressvorgang gehärtet.

4. Modernes hochwertiges Glas enthält spezielle Zusätze und ist in besonderem Maße gehärtet – dadurch auch spülmaschinen- und bruchfester.

5. Viele Maschinen sind mit einem Glasreinigungsprogramm ausgestattet, das schonend mit maximal nur 55 Grad heißem Wasser spült.

6. Wenn Sie Wein- und Sektgläser abtrocknen, sollten Sie das Tuch nicht wringen, also in entgegengesetzte Richtung um Kelch und Fuß reiben, sonst zerbricht Glas leicht.

7. Wie blindes Glas wieder klar wird? Diese mikroskopisch feinen Ablagerungen lassen sich mit etwas Salmiakgeist entfernen: Auf ein feuchtes Tuch geben und die stumpfen Gläser behutsam abreiben. Der Belag verschwindet, die Glasoberfläche strahlt wie neu. Sie können Salmiakgeist oder Zitronensäurepulver auch statt des üblichen Reinigungsmittels in die Maschine geben, um Gläser wieder klarzuspülen. Manchmal führen erst mehrere Spülgänge zum Erfolg.

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