Hart, aber herzlich!

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Report: Bestseller „Shades of Grey“
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Report: Bestseller „Shades of Grey“

Es ist die Buch-Sensation des Jahres: „Shades of Grey“ fesselt mit seiner detaillierten Schilderung einer Sadomaso-Liebe – und zeigt, dass Frauen sich durchaus für die härtere Gangart begeistern. JOY-Autorin Pia Braun erklärt, was dran ist am neuen SM-Hype und warum ein Ausflug in diese Welt so reizvoll sein kann.

Erster Aufreger nach „Feuchtgebiete“

Gut, ich gebe zu: Ich war neugierig. Seit „Feuchtgebiete“ hat kein Buch mehr so viel Staub und Federbetten aufgewirbelt wie die Sadomaso-Romanze „Shades of Grey“ (im Original „Fifty Shades of Grey“) .

Im Mai 2011 zunächst erschienen als E-Book und Print-on-Demand-Buch beim australischen Verlag The Writer’s Coffee Shop, wurde die Trilogie mit über 20 Millionen verkauften Exemplaren zum weltweiten Mega-Erfolg. Auch in Deutschland schlagen die – vor allem weiblichen – Käufer zu, seit im Juli der erste Teil herauskam, „ Shades of Grey . Geheimes Verlangen“.

„Shades of Grey“-Trilogie

Mittlerweile ist bereits Teil zwei erhältlich („Shades of Grey - Gefährliche Liebe“), Ende Oktober erscheint das Finale inklusive Happy End mit Hochzeit und Baby . Dieser Sex-Schmöker ist ganz eindeutig the next big thing, und ich will ihn natürlich auch! Als der Postbote einige Tage später den dicken Wälzer an meiner Tür abliefert, bin ich allerdings erst etwas skeptisch. Möchte ich wirklich 600 Seiten lang von Porno, Pein und Peitschen lesen? Die Antwort ein paar Tage später: ja!

Die Geschichte um die (anfangs) jungfräuliche College-Studentin Anastasia „Ana“ Steele, die sich in den geheimnisvollen, obszön reichen und zum Sadismus neigenden Business-Mann Christian Grey verliebt, ist wirklich alles andere als ein literarisches Meisterwerk, aber im wahrsten Sinne des Wortes fesselnd.

Erika Leonard beschreibt in „Shades of Grey. Geheimes Verlangen“ detailliert die Lust an Schmerz und Unterwerfung

„Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ von E. L. James (Goldmann Verlag, um 13 Euro) hier bestellen auf Amazon.de >>

Vorgeschichte mit Biss

Geschrieben hat die Bestsellersensation die bislang völlig unbekannte schottische Autorin Erika Leonard (49) unter dem Pseudonym E. L. James. Sie ist verheiratet und zweifache Mutter. Deswegen, vor allem aber aufgrund ihrer vorwiegend weiblichen Leserschaft, werden die Bücher in den USA spöttisch als „Mommy Porn“ bezeichnet.

Der Stil der Sado-Saga ist leicht konsumierbar, die Story simpel. Zudem erinnert die in Seattle spielende verbotene Liaison an ein anderes bekanntes Literatur-Pärchen – kein Wunder, ist die Autorin doch großer „ Twilight “-Fan. Als sogenannte „Fanfiction“ – darunter versteht man die Fortschreibung der Geschichte bekannter Helden durch begeisterte Leser – entstand zunächst ihr „Twilight“-Roman „Master of the Universe“.

Im Vergleich mit den „Twilight“-Romanen

Schnell entwickelte sich die Geschichte jedoch zu einem ganz eigenen Werk – Bondage statt Beißen. Aus Bella und Edward wurden Miss Steele und Mr. Grey. Letzterer will sehr viel mehr als nur keusche Küsse , nämlich das, was man gemeinhin unter BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) versteht:

„Ich habe Regeln, die du befolgen musst. Sie sind zu deinem Nutzen und zu meinem Vergnügen gedacht. Wenn du diese Regeln zu meiner Zufriedenheit befolgst, belohne ich dich. Wenn nicht, bestrafe ich dich, und du lernst daraus“, flüstert er.

Zum Nachmachen empfohlen

Mit Neuling Ana lerne ich als Leserin neugierig-naiv Mr. Greys Welt kennen: In seinem „Spielzimmer“, einer „Kombination aus Boudoir und elisabethanischer Folterkammer“, warten Seile, Ketten, Hand- und Fußfesseln auf Ana, dazu Paddles (ein breites Schlaginstrument aus Holz), Reitgerten, Peitschen und Flogger (eine Lederpeitsche, die aussieht wie ein Wischmopp). Ana ist die „Sub“ (von engl. „Submissive“), also die Unterwürfige, Devote, Christian Grey der „Dom“, der dominante Part, der den Sex leitet und Ana – mit Einwilligung – fesselt und schlägt.

In meinem eigenen Bett gehöre ich eher zur Blümchensex-Fraktion – wie wohl die meisten Leserinnen von „Shades of Grey“. Aber die Direktheit und Ausführlichkeit des Buches machen Lust auf mehr. Die Fangemeinde plaudert in Buchclubs, Internet -Foren, in Zeitungen und im TV offen über die inspirierenden Momente mit der Sado-Saga.

Fangemeinde und Freundeskreis

Auch die Euphorie in meinem Freundeskreis ist nicht zu bremsen: „Schon nach wenigen Seiten bin ich jedes Mal total scharf“, gesteht mir eine Freundin. „Mein Freund war ganz überrascht, wie viel Lust auf Sex ich auf einmal habe, seit ich ,Shades of Grey‘ lese“, meint eine andere. Und eine dritte ging direkt zur Sache: „Ich bin so angefixt, dass ich gleich Klett-Fesseln und ein Paddle im Internet bestellt habe. Ich weiß nur noch nicht, wer bei uns letztlich wen bestrafen darf ...“

Journalist Dirk Hautkapp nannte in der WAZ die pikante Prosa einen „literarischen Erotik-Heimtrainer“ – und tatsächlich, „Shades of Grey“ regt Frauen dazu an, ihr Kopfkino in die Wirklichkeit umzusetzen. Das konnte sogar direkt gemessen werden: Innerhalb eines Monats stieg in den USA die Nachfrage nach „Fun Factory“-Liebeskugeln um 300 Prozent an – weil sie im Buch erwähnt werden. Und die Bondage-Sektion des Online-Sexshops „Babeland“ verzeichnete 81 Prozent Umsatzplus.

Alles kann, nichts muss

Umfragen zeigen: Mehr als 60 Prozent aller Frauen träumen gelegentlich davon, gefesselt zu werden, es mit verbundenen Augen zu tun oder den dominanten Ansagen ihres Partners zu folgen. Das ist nicht pervers, sondern ganz normal. „Ob einen dies aber nur als Kopfkino oder auch in der Realität anmacht, findet man nur durch Ausprobieren heraus“, weiß die österreichische Psychologin Brigitte Mühlmann ( Interview siehe letzte Seite).

Sex-Experimente und neue Erfahrungen

Offenheit für neue Erfahrungen ist die wichtigste Grundvoraussetzung dafür, so die Expertin – niemand „muss“ das Experiment wagen. Sie wollen wissen, ob SM (light) etwas für Sie ist? Brigitte Mühlmann rät: „Besorgen Sie ein Seil, eine Augenbinde oder Handschellen und zeigen Sie Ihrem Partner spielerisch, was Sie damit vorhaben.“ Wenn er Interesse signalisiert, gehen Sie einen Schritt weiter: „Erzählen Sie ihm eine Geschichte, in die Sie Ihre Fantasien verpacken.“

Alternativ: Zeigen Sie ihm beim Sex, was Sie in Ihren Fantasien anmacht, zum Beispiel indem Sie ihm ein provozierendes „Schlag mich!“ ins Ohr flüstern. Wichtig: „Bevor Sie loslegen, müssen die Grenzen und No-gos festgelegt sein“, sagt Nala Martin, Autorin von „Safeword“.

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Sadismus und Masochismus

Sie ist bekennende SM-Anhängerin. „Eine SM-Neigung kann man nicht unterdrücken“, sagt sie, „und manchmal spürt man sie schon als Kind oder Jugendliche.“ Etwa fünf Prozent der Deutschen leben einen Teil des breiten Spektrums zwischen Bondage, Bestrafung, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus aktiv aus – wie Ana und Christian Grey in „Shades of Grey“.

In dem Buch sei vieles aus der BDSM-Welt realistisch geschildert, findet Nala Martin: „Vor allem auch Sicherheitsaspekte, etwa dass man bei den Spielen vorher ein ,Safeword‘ – im Roman heißt es ,Codewort‘ – vereinbart, das der Passive sagen kann, wenn ihm etwas zu weit geht“, erklärt sie.

Sadomaso wird salonfähig

Das größte Verdienst von „Shades of Grey“ ist, dass das Buch diese Grauzonen der Lust aus der Schmuddelecke befreit hat und man endlich offen über einst als „pervers“ verschriene Praktiken reden kann:

Rihanna singt von „S&M“, „Shades of Grey“-Fans tragen Shirts mit Sprüchen wie „Keep calm and love Christian Grey“, Schauspielerin Charlize Theron und Talkmasterin Ellen deGeneres lasen öffentlich aus dem Bestseller vor und selbst Teenie-Star Selena Gomez parodierte den Hype in ihrem Internet-Filmchen „50 Shades of Blue“.

Stars im „Shades of Grey“-Fieber

Mittlerweile sind auch die Filmrechte an den Bondage-Bänden verkauft. Für saftige fünf Millionen Dollar bekam Universal Pictures den Zuschlag. Robert Pattinson, Alexander Skarsgård und Ian Somerhalder werden als Besetzung für Christian Grey gehandelt. Es gibt sogar Gerüchte, Angelina Jolie solle Regie führen.

Dass man für Sexperimente niemals zu alt ist, beweist Dr. Ruth Westheimer, die Grande Dame der Sexaufklärung, die das Buch ebenfalls gelesen hat. Sie empfiehlt allen Paaren: „Lest es, legt es weg – und gestaltet euer eigenes Sex-Szenario.“ Ich werde meinem Liebsten jedenfalls demnächst mal einen hübschen Lederriemen reichen. Mal sehen, was er damit macht ...

„Angst und Unterwerfung können erregend wirken“

Psychologin Brigitte Mühlmann, www.sexualtherapie-graz.at

JOY: Was ist so faszinierend an einem Buch über eine SM-Beziehung?

Brigitte Mühlmann: Es regt das Kopfkino an. Man kann das, was man liest, in die Fantasie übertragen und sich dazudenken, was immer man möchte. Fantasie ist eine potente Erregungsquelle.

Auch wenn es teilweise recht „harte“ Fantasien sind?

Dominanz und Unterwerfung im Bett gibt es schon ewig. Nur weil ich etwas im Kopf durchspiele, bedeutet das ja noch nicht, dass ich es auch in Wirklichkeit erleben möchte. Manche merken, dass, wenn sie die Vorstellungen umsetzen, diese weniger erregend sind, als sie es sich vorgestellt hatten.

Die größte erogene Zone ist also der Kopf ...?

Nein, eine lebhafte Fantasie reicht nicht, wenn ich nicht auch körperlich spüre, dass sie mich erregt.

Es gibt Menschen, die keine ausgeprägte körperliche Wahrnehmung entwickelt und gelernt haben. Die berührt man und sie sagen, dass sie wenig spüren.

Folglich brauchen sie starke Stimuli von außen, um erregt zu werden, zum Beispiel in Form von bestimmten Sexpraktiken.

Die männliche Hauptfigur des Romans, Christian Grey, hatte ein traumatisches Kindheitserlebnis. Ist das typisch für SMler?

Meiner Erfahrung nach ist das nicht typisch, kann aber vorkommen. Wir Menschen sind so angelegt, dass starke Emotionen bei uns Erregung auslösen können, also auch Angst.

Ist SM heute noch ein Tabu?

Nein, so wie auch Anal- oder Oralsex wird es heute mehr und mehr akzeptiert. Das bedeutet natürlich nicht, dass es jeder ausprobiert haben muss.

Erika Leonard beschreibt in „Shades of Grey. Geheimes Verlangen“ detailliert die Lust an Schmerz und Unterwerfung.

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