Hat die Liebe ein Verfallsdatum?

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Vielleicht ist die Liebe nicht für ewig gedacht.
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Wie es sich anfühlt, wenn eine Beziehung endet

Ist die Liebe vielleicht gar nicht für die Ewigkeit gemacht, fragt sich Julia Werner - und kommt zu einem Schluss, der uns alle doch auf Liebe hoffen lässt.

 

Am Ende stehen wir auf verbrannter Erde ...

 

"Es scheint ein Liebesverfallsdatum zu geben.

Irgendwann wurde jedes Zusammensein schal, farb- und geschmacklos. Die Liebe zersetzte sich, das wunderbare Gefühl war nicht mehr genießbar.

Oder gibt es eine Halbwertzeit der Liebe?

Wir bemerkten auf einmal, dass die Luft zwischen uns dünner wurde. Da war noch etwas Halbes zu spüren. Vielleicht geht es auch um die kritische Menge. Wenn sie unterschritten wird, bemerken wir das Fliehen der Liebe . Meistens ist es dann schon zu spät.

Der Zersetzungsprozess bietet keine Parameter. Mal vollzieht er sich langsam und schleichend, manchmal ätzend und brutal. Liebe ist mit keinem Haltbarkeitsdatum versehen, und keiner, der liebt, sucht ein solches Siegel.

Liebe nährt jeden Menschen, jede Seele und jeden Körper auf genau die Weise, die es braucht. Liebe ist das wichtigste und unberechenbarste Lebensmittel. Sie kann auf kargstem Boden gedeihen. Sie kann eingehen, auch wenn ihre Wachstumsbedingungen noch so günstig erschienen.

Liebe ist unsere sicherste Verbindung zum Kosmos, die in uns wurzelt, doch in jedem unbedachten Augenblick kann der Kontakt reißen. In ihrem riesigen Potential steckt eine enorme Zerstörungskraft. Wenn Liebe zu zerbrechen droht, kann Schmerz entfesselt werden, der bis in jede Körperzelle reicht.

Liebe ist unberechenbar. Teile ich sie mit dir, wird sie mehr. Niemand konnte bisher das Gegenteil beweisen. Alle sehnen sich nach Liebe, fast alle fürchten ihre Kompromisslosigkeit. Sie nähert sich als zarter Atem oder als gewaltiger Sturm, der von unserem Haus keinen Stein mehr auf dem anderen stehen lässt.

Liebe . Stark wie ein Fels, klar wie Gebirgswasser, wärmend wie die Frühlingssonne, leicht wie ein Schmetterling. Die Blume, von anderen Gewächsen verdeckt, versteckt und von niemandem beachtet, will nichts anderes als blühen und duften. Liebe ist unsere Natur. Und doch vergessen wir unsere Natur, viel zu oft. Dann versagt das Herz. Dann pumpt es Gift durch unsere Venen. Neid, Eifersucht, Zweifel, Angst, Kummer, Einsamkeit überschwemmen uns, wenn die Liebe uns verlässt .

Sie bleibt nur dort, wo wir uns um Ehrlichkeit und Wahrheit bemühen, beide sind ihre Wächter. Unwahrheit keimt hinter dem Lächeln, das ich aufsetze, obwohl ich mich verletzt fühle. Unwahrheit rankt sich durch die Worte, wenn ich etwas anderes sagen will als das, was ich ausspreche. Unwahrheit wurzelt in der Tat, wenn ich anderes tue, als ich tun wollte. Mit Bequemlichkeit, Feigheit und praktischen Arrangements wird die Lüge genährt. Dabei, rede ich mir ein, lüge ich nur ein ganz kleines bisschen, um dich nicht zu verletzen – spirale Verlogenheit der Wirklichkeit.

Am Ende stehen wir auf verbrannter Erde, trinken vergiftetes Wasser, ernten trockenes Gestrüpp. Am Ende müssen wir sagen: Wir lieben uns nicht mehr . Wir blicken stumm auf unser Häufchen Asche. Wir lieben uns nicht mehr.

Aber dann entdecken wir in der Asche den Keim. Endlich wieder Wahrheit. Endlich wieder Liebe – zu uns selbst."

Der Text "Die Haltbarkeit" von Julia Werner ist ein Auszug aus dem Buch "Liebe".

Diese Ausgabe der Reihe „konkursbuch“ enthält kritische, wissenschaftliche und persönliche Essays, die das Phänomen Liebe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

konkursbuch 52
ISBN 978-3-88769-252-0

 

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Hoffnungslose Liebe: "Ich werde dich ewig vermissen"

(ww1)

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