Ich habe einen Menschen auf dem Gewissen

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Schuldgefühle können krank machen. Voraussetzung für eine Heilung ist, sich selbst zu verzeihen.
Foto: Ina Schoenrock, fotolia

Wahre Geschichte

Die Welt versank in einem Unwetter an dem Tag, an dem ich zur Mörderin wurde. Aufgewühlt durch eine der vielen Streitereien mit meinem Freund, setzte ich mich ins Auto, um nach Hause zu fahren. Ich war schnell unterwegs, die Straße nass und dunkel...

Plötzlich sah ich einen Mann im Scheinwerferlicht. Ich bremste, es krachte, sein Körper fiel wie ein Baum zu Boden.

Minutenlang saß ich zitternd hinterm Steuer. Passanten eilten herbei, Notarzt und Polizei kamen. Man brachte mich in den VW-Bus der Polizisten, fragte mich Dinge, ich erinnere mich nicht. Ich sah nur, dass sich ein Arzt im strömenden Regen über den Mann beugte, den ich angefahren hatte. Der Arzt blickte zum Sanitäter an und schüttelte den Kopf. Sie breiteten ein weißes Tuch über den Körper. Ich hatte einen Menschen getötet. Mir wurde schwarz vor Augen.

Der Schock hielt tagelang an.

Obwohl mir körperlich nichts passiert war, konnte ich gar nicht zur Arbeit gehen und wurde krankgeschrieben. "Das ist nicht passiert, das ist nicht passiert", hämmerte es in meinem Kopf. Auf der Polizeiwache brach ich immer wieder in Tränen aus. Schnell stellte sich heraus: Ich war nur wenige Stundenkilometer zu schnell gefahren. Und Zeugen erklärten einstimmig, dass der Mann bei Rot über die Ampel gerannt sei. Dann die nasse Straße ...

Ich hatte also nur eine Teilschuld. Dennoch erleichterte mich das nicht. Denn so oder so, Fakt ist: Der Mann, ein junger Familienvater, ist jetzt tot, weil ich ihn angefahren habe. Ich habe diesen Menschen auf dem Gewissen! Seine Frau und die beiden kleinen Kinder stehen jetzt ohne Mann und Papa da. Wie kann ich jemals wieder glücklich werden?

Mein Freund verstand meine Aufregung und meine aufwühlenden Schuldgefühle nicht. "Dieser Idiot ist dir ins Auto gelaufen. Du konntest ja gar nicht mehr rechtzeitig bremsen. Punkt!", argumentierte er unwirsch. Da wurde mir endgültig klar: Der Mann ist nicht gut für mich. Und obwohl ich mir so sehr eine Schulter zum Ausweinen wünschte, beendete ich unsere Beziehung.

Danach fiel ich in ein tiefes Loch. Ich konnte wochenlang nicht arbeiten, versank in Grübeleien. Nachts fand ich keine Ruhe, tagsüber lief ich durch die Stadt, stand immer wieder an der Unfallstelle. Ich war wie eine Untote, dazu verdammt, weder zu leben noch zu sterben. Vielleicht ist es meine gerechte Strafe, dass es mir jetzt so schlecht geht, dachte ich oft.

So gern wollte ich mich bei der Familie des Mannes entschuldigen. Ich hatte nicht gewagt, auf seine Beerdigung zu gehen. Tatsächlich schrieb ich der Frau des Mannes einen Brief, in dem ich versuchte, alles zu erklären. Ich hatte nicht mit einer Antwort gerechnet. Doch die Frau schrieb, an jenem Abend hätten sie und die Kinder krank im Bett gelegen und der Mann hätte nur mal eben schnell zur Apotheke laufen wollen. Sie hätten stundenlang gewartet und dann die Nachricht von seinem Tod erhalten. Ich solle wissen, dass sie nicht verzeihen könne. Wieder brach ich zusammen und spürte: Ich schaffe das nicht allein. Denn noch immer warte ich auf das Gerichtsverfahren. Inzwischen hilft mir eine Psychotherapeutin. Ich lerne viel über mich und verstehe, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Heute versuche ich, mein Leben neu zu ordnen. Und ich hoffe so sehr, dass ich mir selbst irgendwann verzeihen kann.

3 Fragen & Antworten

Kann Schuld zur Krankheit werden?

Leider ja. Sogar wenn man neutral betrachtet keine Schuld trägt, kann sich das bloße Schuldgefühl auf Seele und Körper auswirken. Mögliche Symptome: Angstzustände, kreisende Gedanken, Schlafstörungen, Depressionen, Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen.

Wie verarbeitet man solch ein Trauma?

Die Schlüsselworte sind Akzeptanz und Vergebung. Wer die heftigen Auf- und Abbewegungen im Seelenleben akzeptiert, wird ein Trauma in der Regel besser verarbeiten und sich vergeben können. Einigen Menschen gelingt es sogar, ihrem Leben durch diese Erfahrung eine neue Richtung zu geben - und wie der Phönix aus der Asche aufzuerstehen.

Was hilft bei der Verarbeitung?

Es gibt viele psychotherapeutische Methoden der Trauma-Bewältigung. Eine Verhaltenstherapie etwa arbeitet daran, den Alltag wieder in den Griff zu bekommen. "Somatisches Erleben" baut durch Körpererfahrung traumatische Stressreaktionen ab. Kunsttherapie kann die inneren Bilder zum Ausdruck bringen.