"Ich vergebe dir!"

vergebung

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Deine Wut zerstört Dich! Doch wie können wir vergeben?

Vergebung befreit uns, das hören wir immer wieder. Aber wie das gehen soll, wenn jemand uns wirklich verletzt hat und es nicht bereut, das bleibt oft ein Rätsel. Vergebung allgemeingültig zu erklären wäre vermessen, aber ich verrate Euch, was mir hilft zu vergeben.

Gerade jetzt zu dieser Zeit, am Ende des Jahres, durch all die Besinnlichkeit beeinflusst, kommen viele Gefühle, die uns im letzten Jahr begleitet haben, wieder hoch. Die Schönen, aber natürlich auch die Traurigen oder Schlechten.

Unser erster Impuls, wenn uns jemand verletzt hat ist, dass wir traurig oder wütend werden und all das auf die Person projizieren, die wir verantwortlich dafür machen. Manchmal haben wir sogar das Gefühl, dass die Wut uns hilft, denn nicht selten lassen wir all den Zorn, den Frust, das Verletzte in diese Wut fließen und hauen es dem Anderen um die Ohren oder aber wir leiden schweigend in uns hinein. Fühlen uns verunsichert und verloren, sind aber dennoch bemüht uns nichts anmerken zu lassen.

Lässt der Andere uns mit all unseren Versuchen im Regen stehen, verzichtet er darauf sich zu entschuldigen oder ist für uns vielleicht gar nicht mehr greifbar, fangen wir an zum hörigen Sklaven unserer Wut zu werden, wenn wir es nicht schaffen auch da zu vergeben wo keinerlei Einsicht auf der Gegenseite zu erkennen ist.

Der Andere ist vielleicht längst weg - tatsächlich körperlich weg oder aber auch nur geistig - weil er sich ebenfalls im Recht fühlt und über eine eventuelle Entschuldigung gar nicht nachdenkt.

Wir bleiben allein mit unserer Wut und Enttäuschung zurück und sind nun auf uns angewiesen.


Ich denke, um zu vergeben, sollten wir uns über drei Dinge klar werden:

1. Deine Wut zerstört nur Dich!

Jemandem zu verzeihen, auch wenn er seine Taten oder Worte nicht bereut, erlöst Dich, denn Dein Festhalten an Wut und Zorn quält und verletzt nur Dich, nicht den Verursacher!
Lass es los, hör auf Dich an der Wut festzubeißen, sie legt nur einen schweren Schatten auf Dein Herz. Es wird nichts Gutes aus diesem Zustand entstehen können, denn da wo viel Schatten ist, kann wenig blühen!


2. Vergib Dir selbst!

Die vielleicht schwierigste Lektion im Leben ist es uns selbst zu verzeihen.

Oftmals machen uns Dinge, Aktionen oder Gegebenheiten an anderen Menschen wahnsinnig wütend, mit denen wir selbst das größte Thema haben. Ich gehe sogar so weit zu vermuten, dass wir genau deshalb mit einer gewissen Thematik immer wieder konfrontiert werden, bis wir unsere eigene Lektion gelernt haben.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine junge Frau war wahnsinnig wütend und enttäuscht darüber, dass sie immer wieder auf Männer traf, die es mit der Treue nicht so richtig ernst nahmen. Sie merkte, dass sie immer misstrauischer wurde, wodurch sich dieser Zustand natürlich nicht auflösen konnte, sondern weiter verschärfte. Nach einiger Zeit kam sie dahinter, dass sie selbst ja auch mal jemanden auf diese Art und Weise sehr verletzt hatte, die Scham und Enttäuschung über sich selbst jedoch erfolgreich verdrängt hatte. Tief drinnen konnte sie sich selbst offensichtlich bis heute nicht verzeihen und so wurde sie immer wieder mit dem eigenen Verhaltensmuster konfrontiert, bis sie in der Lage war, sich von der eigenen Schuld zu befreien und auch in ihrem Unterbewusstsein daran zu glauben, dass sie eine respektvolle, ehrliche und liebevolle Partnerschaft verdient hatte.


3. Bist Du wirklich gemeint?

Umgekehrt funktioniert das auch! Vielleicht hat der Andere gar nicht Dich verletzen wollen, sondern er ist mitten in seinem eigenen Thema und Du bist (bedauerlicherweise) nur ein Statist, der das grade abbekommt?

Wir sind in unserem Leben von all unseren Erinnerungen, Erfahrungen und Verletzungen geprägt und leiten daraus unser Verhalten in neuen Situationen ab.

Wenn der Typ, den Du erst ein paar Wochen kennst, Dich wegen irgendetwas was Du getan hast zu heftig kritisiert oder angeht, heißt das nicht unbedingt, dass Du wirklich gemeint bist.
Vielleicht hat irgendwas eine Erinnerung ausgelöst und er hat intuitiv reagiert, ohne sich die Zeit zu nehmen, um abzugleichen, ob die Kritik Dir gegenüber wirklich berechtigt ist.
Vielleicht war es ja die Exfreundin, die ihn immer bevormundet hat, Du wolltest nur einen Vorschlag machen, aber er hat es in den falschen Hals bekommen und hat fast präventiv um sich gehauen, um sich selbst zu schützen.

Ich denke die meisten Verletzungen kann man irgendwo zwischen den Punkten "Vergib Dir selbst" und "Bist Du wirklich gemeint?" einsortieren und so schon etwas milder beurteilen, um sie zu vergeben.

Bleiben die wirklich schlimmen Verletzungen

Das Leben hat uns verletzt, weil es uns jemanden genommen hat oder ein Lebenspartner hat uns verletzt, weil er oder sie uns ohne Erklärung sitzen gelassen hat. Vielleicht haben unsere Kinder uns verletzt, weil sie uns schlimme Dinge an den Kopf warfen oder sich abwendeten. Manchmal sind es auch umgekehrt die Eltern die uns verletzten oder sogar verließen.

Es kann in einem Menschenleben zu vielen schlimmen Verletzungen kommen.
In all diesen Fällen müssen wir uns an den ersten Punkt erinnern: Deine Wut zerstört Dich!

Das Eintreten von Katastrophen oder Schicksalsschlägen ist ein Teil dessen, was wir Leben nennen. Glück ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Katastrophen, sondern Glück zeichnet sich durch eine Sicht auf die Dinge aus.

Zu vergeben hat die alleinige Aufgabe sich selbst zu befreien und die Verantwortung für die Zufriedenheit im eigenen Leben zu übernehmen.

Natürlich kann ich Wochen, Monate und Jahre damit hadern, dass mir jemand großes Unrecht antat. Ich kann mein Leben an den Nagel hängen oder es in die Hand des Menschen legen, der mich verletzt hat. Ich kann alles auf ihn ausrichten, auf meine Wut und Enttäuschung und mich nur noch auf dieses Unrecht konzentrieren. Aus altem Unrecht wird selten neues Recht entstehen, sondern die Spirale wird sich nach unten drehen, zumindest im Hinblick auf mein eigenes Glück und meine Zufriedenheit.

Ich kann aber auch all die Kraft, die ich in Wut, Enttäuschung und Traurigkeit stecke von dort abziehen, indem ich akzeptiere, dass etwas passiert ist und mir klar wird, dass ich es auch mit anhaltend negativen Gefühlen nicht umkehren werde. Es ist geschehen.

Lass es liegen und geh weiter oder hebe es auf und trage es mit Dir herum

Je schwerer das Unheil, umso klarer wird die Frage zu beantworten sein, wie leicht es sich mit einer solchen Last läuft.

Ich weiß, dass es Dinge gibt, die man nicht einfach so loswerden kann, um weiter zu laufen. Grade wenn wir verletzt, traurig oder fassungslos sind, sind wir schlecht im Aufstehen, Krone richten und weiter gehen, aber alles was wir dazu brauchen finden wir irgendwo in uns selbst und nicht in dem Menschen, der den Kummer ausgelöst hat.

Diesem Menschen können wir vergeben, denn so sind wir eher frei, um in uns nach dem richtigen Hilfsmittel oder der richtigen Einstellung zu suchen, um die Traurigkeit oder Wut loszuwerden. Die Zange oder den Hammer, den wir dafür brauchen, wird der Andere uns ohnehin nicht geben können, denn das Werkzeug was etwas kaputt gemacht hat, wird es nicht reparieren können.

Lasst ihn frei und schaut in der eigenen Werkzeugkiste nach, da ist alles drin, was ihr braucht!

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Dieser Text ist ein Gastbeitrag von Susanne Henkel. Susanne ist systemischer Coach und Unternehmerin. Sie arbeitet bundesweit als Coach. Ihre Praxis befindet sich in Neu-Isenburg, in der Nähe von Frankfurt am Main. Ihr Angebot richtet sich sowohl an Privatpersonen, die mit rein privaten Themen zu ihr kommen, als auch an Firmen, die sie für Führungskräfte- und Team Coachings buchen. Spezielles Augenmerk legt Susanne Henkel immer darauf ihre Klienten dabei zu unterstützen, ihr eigenes Bauchgefühl wahrzunehmen, um Entscheidungen und Lösungen immer auf Basis der rationalen und emotionalen Ebene treffen zu können. Der Grund dafür klingt denkbar einleuchtend: Laut Susanne Henkel sind alle Lösungen oder Entscheidungen, die in derartiger Ausgewogenheit von Kopf und Herz getroffen werden, für die Menschen mit Leichtigkeit und voll motiviert umzusetzen.

Nähere Informationen zu Susanne Henkel und zum Thema Coaching finden Sie auf ihrer Homepage: www.talkabout-coaching.de. Mehr Artikel von ihr gibt es auf ihrem Blog: www.talkabout-blog.de

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