Irritiert statt integriert: Sprachlos in einem fremden Land

ahmet oezdemir irritiert statt integriert
Was diesem Baby als Kleinkind im Kindergarten passiert ist, würde keine Mutter für ihr Kind wollen.
Foto: iStock (Symbolfoto)

So hilflos kann sich ein Kind im Kindergarten fühlen

Ahmet Özdemir wurde als Kind türkischer Einwanderer in Deutschland geboren. Sein Leben als Migrantenkind war vom ersten Tag an schwierig.

"Noch gut in Erinnerung ist mir, wie wir einmal mit den Kindern und Erzieherinnen in einer Gruppe zusammensaßen und den Beruf unseres Vaters erklären sollten. Meinem Bruder und mir fiel dies sehr schwer. Ich saß in der Runde und alles in mir sträubte sich dagegen, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir hatten Angst, den Beruf des Bergmanns zu erklären. Zum einem wussten wir gar nicht richtig, was ein Bergmann war, zum anderen, welche Aufgaben dieser hatte. Wir wussten nur, es hatte irgendetwas mit Kohle zu tun, aber auch dieser Begriff war uns fremd. So standen wir im Kreis und sagten nur das eine deutsche Wort, das wir kannten und das wir für ein geeignetes Synonym hielten: „Stein, Papa Stein“, und machten ein paar Bewegungen dazu, in der Hoffnung, dass man uns verstand. Die Blicke der Kinder vergesse ich bis heute nicht."

Ahmet Özdemir wurde 1975 in Aachen geboren. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Sie wollten ein besseres Leben für sich und ihre Kinder. Sein Vater arbeitete hart als Bergmann. Doch die Kinder hatten es nicht leicht in dem neuen Land, einem Land, in dem viele Einheimische Ausländern mit Angst und Ablehnung begegnen. Schon im Kindergarten fühlten Ahmet und sein Bruder sich oft hilftlos und völlig unverstanden.

Inzwischen lebt und arbeitet Ahmet Özdemir in Köln und er hat ein Buch geschrieben: Irritiert statt integriert. Mit diesem Buch will er vermitteln, zwischen den Deutschen und den Migranten. Dieser Text ist ein Auszug aus diesem Buch:

Ahmet Özdemir lebt und arbeitet in Köln. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften spezialisierte er sich im Bereich des Digitalen Marketing und arbeitet seitdem als Manager Digital & Strategy, Dozent und Ausbilder. Privat wie beruflich liebt er die Begegnungen mit Menschen. Ahmet Özdemir ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Zweifel, Fragen, Ängste

"Zu meinem persönlichen Leben gehörten immer zwei Eigenschaften: Zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Religionen, zwei Sitten und zwei Denkweisen – Deutsch und Türkisch eben! Erinnern kann ich mich noch daran, dass meine Zeit im Kindergarten am schwierigsten war. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, wurden mein Bruder und ich in das deutsche Geschehen hineingeschubst. Es dauerte volle drei Jahre und es war eine Qual. Ohne ein Wort Deutsch: Wie will ich mich verständigen, was wollen die Erzieher von mir – vor aber allem die Frage: Warum verstehe ich diese Menschen nicht? Warum konnte ich die Sprache nicht? Zweifel, Fragen, Ängste – das schon als Kind.

Beleidigungen im Job

Ein anderes, sehr prägendes Ereignis war ein Betriebsausflug, bei dem ich völlig unvorbereitet eine schlimme Beleidigung erfuhr. Ich hatte mich mit meinen Kollegen immer gut verstanden, es hatte nie Konflikte wegen meiner Herkunft gegeben. Wie sollte ich ahnen, was da passieren würde?
Der Ausflug diente einem stärkeren Teamzusammenhalt – bezeichnenderweise. Während des Mittagessens stand ich mit meinen Kollegen am Buffet in der Schlange. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein hervorragender, interessanter Tag gewesen. Während ich mich am Buffet bediente, wurde ich die ganze Zeit von meinen Chef beobachtet. Ich dachte mir nicht viel dabei. Mein Chef war für seine derben Äußerungen bekannt, so dass ich vielleicht erwartet hätte, er würde wieder einen unpassenden Spruch bringen. Dass er aber so geschmacklos sein würde wie das Buffet selbst hätte ich nie für möglich gehalten. Mein Chef starrte auf meinen Teller und sagte laut und sehr deutlich: „Das war ja wieder mal klar, dass der kleine anatolische Türke seinen Teller vollmacht!“ Danke für die Aussage, der Tag war hin. Welch eine unverschämte Beleidigung!

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Leider erlebe ich Geschichten wie diese immer wieder. Immer wieder aufs Neue! Es ist eine solche Last, dagegen anzukämpfen. Ich wollte doch nur ankommen, zufrieden leben und dazugehören. Wenn ich es aus diesem Blickwinkel betrachte, ist mein Leben in Deutschland sehr mühsam. Sehr anstrengend. Sehr ausgrenzend. Sehr unfair. Jeder versucht, sich das rauszunehmen, was er kann. Hauptsache, beleidigen. Hauptsache, Menschen mit Gewalt herunterreduzieren. Hauptsache, Menschen schaden, oft auch seelisch!

Und warum? Weil die Religionen nicht identisch sind? Weil wir nicht gleich aussehen? Anders denken, anders glauben, anders feiern und vielleicht auch anders essen? Warum der Hass? Warum sich gegenseitig wehtun?"

Ahmet Özdemir: Irritiert statt integriert - Das Leben in Deutschland

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