Ist die wahre Liebe doch nur ein Mythos?

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Ist die wahre Liebe nur ein Mythos? Der Berliner Autor Michael Nast will das nicht glauben.
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Single-Mann Michael Nast will die Liebe finden

Ein Single-Mann will die Hoffnung auf die wahre, große und einzigartige Liebe nicht aufgeben.

Ist die wahre Liebe nur ein Mythos, ein Hirngespinst, eine sinnlose Hoffnung und ein bisschen Chemie, die uns immer wieder gnadenlos vorführt? Der Berliner Single Michael Nast grübelt jeden Tag darüber und verrät hier, warum er die Hoffnung noch nicht aufgeben mag.

Kann es sein, dass die Liebe gar nicht existiert?

"Vor einigen Tagen hat mir eine Freundin erzählt, dass sie nicht mehr an die Liebe glaubt. Sie wirkte sehr dankbar als sie mir davon erzählte, was daran liegen konnte, dass sie aus irgendeinem Grund häufig an Männer geriet, bei denen sie das Gefühl hatte, sie legen sich nicht einmal fest, wenn sie in einer Beziehung sind.

„Also mit Matthias, das war als wär ich mit einem Single zusammen“, hat meine Freundin oft die dreijährige Beziehung mit ihrem Ex-Freund zusammen gefasst, die Anfang Juli in die Brüche gegangen ist. Ein Satz, den sie auf alle Beziehungen der letzten Jahre anwenden kann. Sie muss nur die Namen ersetzen. Inzwischen hat sie allerdings auch das Argument ersetzt.

„Liebe ist doch nur ein Mythos“ sagte sie, als wir uns vor einigen Tagen zum Mittag trafen. „Eine Ersatzreligion, verstehste?“

„Na ja“, sagte ich und machte eine skeptische Geste. Bevor ich jedoch etwas dazu sagen konnte, sprach meine Freundin bereits eindringlich weiter. „Zweisamkeit ist doch nichts anderes als die Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln“, sagte sie.

Puh, dachte ich. Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln? Was für ein Satz. Ein Satz, der mich auch ein wenig überforderte, vielleicht weil er so unterkühlt klang. Wie das Ende aller Emotionen.

Allerdings war mir auch aufgefallen, dass die Argumente meiner Freundin irgendwie auswendig gelernt klangen, was daran lag, dass es gar nicht ihre Argumente waren, wie sie mir gleich darauf erklärte. Sie hatte einen Artikel in der FAZ gelesen, der schlüssig bewies, dass Liebe eigentlich gar nicht existiert. Dass wir das alles missverstanden haben. Noch am Abend schickte sie mir einen Link zu dem Artikel, der von knapp 20.000 Menschen geteilt worden war. So gesehen war sie nicht allein, die Thesen des Textes berührten offensichtlich ziemlich viele Menschen. Das war schon ziemlich beunruhigend, noch beunruhigender war jedoch der Titel des Textes.

Da stand „Egoistische Zweisamkeit – Ersatzreligion Liebe“. Okay, dachte ich und begann zu lesen. Natürlich enthielt der Artikel Wahrheiten, der Autor beschrieb, dass wir, sozialisiert von Filmen, der Werbung oder Liebesliedern, nach einem unerfüllbaren idealisierten Liebesentwurf streben, den es so einfach nicht gibt. Dieses Ideal ist zu unserer Ersatzreligion geworden. Wir wollen unbedingt die Hauptfiguren einer romantischen Liebeskomödie sein und scheitern gnadenlos an unseren eigenen Ansprüchen, die ja eigentlich die Ansprüche von Filmen wie „Liebe braucht keine Ferien“ oder „Frau mit Hund sucht Mann mit Herz“ sind. Wir wollen ewige Verliebtheit und Selbstaufgabe, und verzweifeln dann an der Erkenntnis, dass das Leben eben nur sehr selten einem Film ähnelt.

Der Autor analysiert, zitiert und wertet aus, um letztlich festzustellen, dass eine Beziehung nichts weiter als eine Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln ist. Denn eigentlich geht es uns ja gar nicht darum, jemanden zu lieben, vor allem wollen wir geliebt zu werden. Genau genommen bleiben wir also in unserem Egoismus alle Singles, auch wenn wir in Beziehungen sind. Langsam verstand ich, warum der Text meiner Freundin so nah ging. Er beschrieb ja schließlich ihre unfreiwilligen Erfahrungen, ihr Leben gewissermaßen.

Aber da war noch etwas anderes, was mich beunruhigte. In einer Passage des Textes sagt der Autor, dass seine Schlussfolgerungen Ergebnis nüchterner Beobachtung sind. Und da liegt das Problem. Bei dem Wort „nüchtern“. Dieser Text ist die kalte Analyse eines Fünfzigjährigen.

Als ich dreiundzwanzig war, unterhielt ich mich mit einem einundvierzigjährigen Mann über Frauen und Beziehungen. Er sprach ebenfalls sehr nüchtern über seine Erfahrungen mit der Liebe, sehr abgeklärt. Irgendwann fiel ihm wohl auf, dass ich mit leerem Blick eigentlich nur noch durch ihn hindurch starrte.

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte er mich.

„Dreiundzwanzig“, erwiderte ich.

„Scheiße, das hätte ich mal früher fragen sollen“, sagte er schnell. „Jemandem in deinem Alter darf man so was noch gar nicht erzählen. Das nimmt dir doch alle Illusionen.“

Was soll ich sagen, der Mann hat nicht unrecht.

Dem FAZ-Artikel kann jeder zustimmen, der schon mal von der Liebe enttäuscht wurde. Er ist ein Halt für die Enttäuschten. Ein Argument. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist er nichts anderes als eine psychologisch untermauerte Gebrauchsanweisung zum Aufgeben. Ähnlich einer wissenschaftlichen Studie, die uns das Gefühl gibt, dass unsere Unzulänglichkeiten ja eher in unseren evolutionsbedingten Anlagen zu finden ist.

Ich kenne einen Mann, der immer mit wissenschaftlichen Zusammenhängen argumentiert, wenn ich ihn frage, ob er seine Freundin liebt. Offen gestanden bin ich mir nicht sicher, ob er sie jemals geliebt hat. Solche Argumentationen sind schließlich ein Ausweichen, und wer ausweicht, will nicht konfrontiert werden.

Nun gut, man kann natürlich sagen, dass der Mensch schon von seinen biologischen Anlagen her nicht für ein monogames Leben geschaffen ist, oder dass Männer am glücklichsten sind, wenn sie alle zwei bis drei Jahre die Partnerin wechseln, denn auch dazu gibt es wissenschaftliche Studien. Man kann es Ersatz- oder Pseudoreligion nennen, oder Mythos, man kann es wissenschaftlich untersuchen oder mit chemischen Prozessen erklären. Man kann sie auseinandernehmen, analysieren, und wieder zusammensetzen. Man kann sie entzaubern und ihr das nehmen, was sie eigentlich ausmacht.

Die Frage ist nur, was die Konsequenz solcher Gedanken ist.

Kürzlich hat mich eine Bekannte bei einem Abendessen in der Wohnung einer Freundin darüber aufgeklärt, warum sich Frauen in Männer verlieben.

„Oxytoxin“, sagte sie sehr akzentuiert. „Oxy-to-xin!“

Aus ihrem Mund klang es wie ein Zauberwort, oder eine Art Beschwörung, und wenn ich es richtig verstanden habe, ist es das auch. Denn dieses Wort erklärt alles, wenn es nach meiner Bekannten geht.

„Oxytoxin ist ein Hormon, dass die Bereitschaft steigert, uns auf andere Menschen einzulassen“, referierte sie. „Wenn Frauen sich körperlich mit einem Mann einlassen, schütten sie extrem viel Oxytocin aus. Das heißt, sie fühlen sich total verliebt , neigen dazu den Mann ihrer Wahl total zu überhöhen und leiden wie ein Tier, wenn ihre "Liebe" nicht erwidert wird. Was ich schon alles in Männer hineininterpretiert habe, weil ich verknallt war, obwohl er nicht der Richtige war.“

„Interessant“, sagte ich wohl nicht ganz euphorisch genug.

„Das ist wichtig“, sagte sie eindringlich. „Das muss man den jungen Frauen sagen.“

Natürlich kann man es den jungen Frauen sagen, aber ich frage mich, inwieweit das ihr Verhältnis zur Liebe generell beeinflusst. Sie werden skeptischer, abgeklärter und analytischer, obwohl es ja um Gefühle geht. Und diese drei Adjektive sollten nicht in einem Satz vorkommen, in dem auch das Wort Liebe vorkommt. Es gibt einfach Dinge, über die man nicht zu sehr nachdenken sollte, das könnte einen daran hindern, sich fallen zu lassen. Und darum geht es ja vor allem in der Liebe – sich hinzugeben, sich fallen lassen zu können.

Ich kenne einen Mann in meinem Alter, der mir vor einigen Monaten ein Buch namens „Lob des Sexismus“ empfohlen und schließlich auch mit den Worten „Das ist was für dich“ geschenkt hat. Ich habe hineingelesen und mich gefragt, was er da missverstanden hat. Das war nichts für mich. Ich gehöre nicht zur Zielgruppe. In dem Buch geht es darum, wie man „Frauen versteht, verführt und behält“, wie es im Untertitel des Buches heißt. Ich habe es nicht durchgelesen, aber das was ich gelesen habe reichte schon. Irritierend war, dass der Autor Frauen nicht als Menschen betrachtete, sondern eher als biologische Versuchsobjekte. So gesehen versteht er die Liebe als Versuchsanordnung. Die Thesen dieses Buches kann man wohl am schlüssigsten mit dem Satz „Liebe ist Mathematik“ zusammenfassen.

Mein Bekannter hat mir erzählt, dass er einige Strategien bereits ausprobiert hat. „Es hat teilweise funktioniert“, sagte er. „Aber es ist irgendwie ein komisches Gefühl. Es nimmt der Sache den Reiz, wenn man so eine Frau herumkriegt, also wenn es zu sicher ist.“

„Reizvoll ist ja gerade das Unbekannte“, sagte ich. „Und nicht die Sicherheit.“

Er nickte, obwohl ich schon den Eindruck hatte, dass ihm der Gedanke nicht gefiel. Er hatte sich schließlich eine Gebrauchsanweisung gekauft. Dieses Strategiedenken ist ein Fehler, dieses Festhalten an einem festgelegten Plan. Gerade wenn es um Gefühle geht, kommt ja dann auch glücklicherweise oft das Leben dazwischen. Wie bei Singles, die eine zu konkrete Vorstellung von ihrem Traumpartner haben.

Eine meiner Ex-Freundinnen hat mir einmal erzählt, dass ich eigentlich gar nicht ihr Typ bin. „Ich steh eigentlich auf muskulöse, dunkelhaarige Männer mit braunen Augen“, sagte sie.

Oh, dachte ich und schwieg. Ich war mir nämlich gerade nicht so sicher, ob das als Kompliment oder Beleidigung gemeint war. Mir lag die Frage „Warum bist du eigentlich mit mir zusammen“ schon auf der Zunge, aber vorsichtshalber verstand ich es als Kompliment. Ansonsten wäre ich ja eine Kompromiss, eine Art Zwischenlösung, und das wollte ich nun wirklich nicht.

Das ist jetzt schon einige Jahre her, und inzwischen weiß ich natürlich, dass das nicht ungewöhnlich ist. In dem wunderbaren Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gibt es eine wunderbare Szene, in der Andie MacDowell Bill Murray erklärt, wie ihr Traummann denn so sein soll.

„Er ist viel zu bescheiden, um zu wissen, dass er perfekt ist“, sagt sie. „Er ist intelligent, hilfsbereit, lustig, romantisch, couragiert. Er hat einen schönen Körper, braucht aber nicht alle zwei Minuten in den Spiegel zu gucken. Er ist nett, sensibel und sanft. Und er hat keine Angst, vor anderen Menschen zu weinen. Bill Murray sieht sie irritiert an. Dann fragt er: „Aber wir sprechen immer noch von einem Mann, oder?“

Ähnlich ging es einem Freund vor ungefähr zehn Jahren, als ihm eine Frau während eines Dates erzählte, welche Männer so gar nicht zu ihr passen würden. Sie waren genau wie er. Sie haben sich trotzdem ineinander verliebt, und im vergangenen Mai wurden sie zum dritten Mal Eltern . Hätte sie den Artikel in der FAZ gelesen und verinnerlicht, wäre es vielleicht anders gelaufen.

Man sagt ja: Niemand ist perfekt – bis man sich in ihn verliebt. Ist es wirklich so einfach? Ich denke schon. Letztlich ist es eine Willensfrage. Der Willen ist das eigentliche Argument, denn – das wissen wir alle – wenn man dann zusammen kommt, fängt die Arbeit schließlich erst an.

Und zwar richtig.

Aber das, liebe Leser, ist eine andere Geschichte."

Michel Nast, 1975 in Ost-Berlin geboren, ist Autor des Buches " Ist das Liebe, oder kann das weg? - Vom sonderbaren Verhalten geschlechtsreifer Großstädter", Ullstein Taschenbuch, ISBN 3548375324. Mehr von ihm gibt es auf Facebook oder auf seiner Homepage .

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