It-Girl Sara Schätzl beichtet: „Ich hatte Bulimie“

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Sara Schätzl kämpfte zwölf Jahre mit ihrer Bulimie. "Fast die Hälfte meines Lebens habe ich versucht, jedes Loch in meinem Herzen mit Essen zu stopfen."
Foto: privat

Nur die Geburt ihres Sohnes rettete die Münchnerin vor der Selbstzerstörung

It-Girl Sara Schätzl wurde für eine erfundene Affäre bekannt. Was auf den Sternchen-Fotos von den roten Teppichen nie zu sehen ist: Sie litt jahrelang an Bulimie. Erst die Schwangerschaft rettete sie.

Sara Schätzl hat große blaue Augen, mit denen sie so offen schaut, dass man nicht glauben möchte, wie gut diese Frau lügen kann. Und doch ist die heute 26-Jährige Meisterin darin, vor vielen Jahren ist sie durch eine Lüge überhaupt erst bekannt geworden. Nach einer erfundenen Affäre mit dem deutschen Schauspieler Bernd Herzsprung wurde sie zum It-Girl – erst in München, dann in Deutschland, nach ihrem Umzug nach Los Angeles auch in den USA.

Eigene Leistung dabei: von außen betrachtet Null. Mal abgesehen vom Aufhübschen für den roten Teppich. Sara verkaufte häppchenweise ihr Privatleben, Stories von vermeintlichen Affären, Bekanntheit machte sie zu Geld. Doch diese Glitter-Geschichte ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hat Sara Schätzl für ihre Prominenz ihren Seelenfrieden gegeben. Zwischen all den Partys und Premieren, irgendwo im Blitzlichtgewitter, hat sie sich selbst verloren. Zuerst sprach sie von Depressionen , zog sich aus dem Rampenlicht zurück, schrieb ein erstes Buch über ihr Leben als Sternchen. Doch jetzt packt sie ganz aus und verrät, welche Krankheit sie schon seit ihrer frühen Jugend belastet.

Essen, Brechen, Bulimie.

Das ist die Wahrheit, die Sara bis heute geheim gehalten hat. Und diese Wahrheit begann schon, als sie gerade 14 Jahre alt war. Sie wollte berühmt werden, aber auch beliebt, sie wollte gesehen werden. Und sie ist sich sicher: Das geht nur, wenn ich schlank bin. Doch stattdessen nahm sie ab ihrem zwölften Lebensjahr ordentlich zu, wie das so gehen kann, als unsicherer Teenager, der keine Lust auf Sport hat und im Internat nur fettiges Essen aus der Großküche bekommt. „Ich nahm in dieser Zeit so schnell zu, dass mein Bindegewebe riss und ich Schwangerschaftsstreifen an den Oberschenkeln bekam. Eines Tages wurde mir das zu blöd. Ich beschloss, etwas zu ändern“, berichtet Sara in ihrem Buch „Hungriges Herz“.

Foto: privat

Zunächst ernährt sich das junge Mädchen nur noch von Diät-Shakes. Schnell nimmt sie zwölf Kilo ab. Doch bei einem Besuch der Oma, die ihr deftige Hausmannskost vorsetzt, reicht das nicht mehr. Als Sara die schwere Mahlzeit in ihrem Magen spürt, überkommt sie das erste Mal das Verlangen danach, sich zu erbrechen. „Im Keller unseres Hauses war eine zweite Toilette, in der mich keiner hören würde. Ich schlich also hinunter, machte kein Licht an und fühlte mich wie ein Verbrecher, als ich endlich in der Toilette war. Sofort beugte ich mich über die Kloschüssel […]“

"Das Erbrechen ist der lästige Teil"

Danach fühlt Sara große Erleichterung und ein starkesTriumpfgefühl. Sie muss nicht komplett auf Essen verzichten. Sie kann Eis, Schokolade , Pizza und Gulasch genießen - und anschließend alles wieder auskotzen, schlank bleiben. Dass das Erbrechen schmerzhaft und eklig ist? Geschenkt. Wer so wie Sara unter Selbsthass leidet, kann solche Aspekte wegstecken. „Das Übergeben ist, entgegen aller Vorurteile, der lästige Teil. Ein notwendiges Übel und es macht keiner Bulimikerin Spaß. Die Angst vor den Kalorien und das extreme Völlegefühl treiben einen aber ganz von alleine sehr schnell Richtung Toilette“, versucht Sara zu erklären.

Essen, Brechen, Schwindel, vor Erschöpfung den Tag verschlafen. Keine Freunde, keine Hobbies. Stattdessen Chat-Sessions mit anderen Bulimikerinnen und Vitamin-Pillen als Nahrungsersatz.

Die Krankheit wird zur besten Freundin von Sara, die sich ständig vom Leben überfordert fühlt. Ihre Gefühle sind ihr zu viel, die wirbelnden Gedanken sollen schweigen, Menschen lässt sie nur sehr oberflächlich an sich ran.

Foto: Moritz Thau

Ihre erste Liebe wird zur verstärkenden Katastrophe. Der junge Mann findet sie insgeheim zu dick und gaukelt ihr mit Hilfe eines Freundes eine anhängliche Ex-Freundin vor, die wesentlich schlanker ist. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, so denkt er und hofft, Sara so zum Abnehmen zu motivieren. Als der Freund die Geschichte auffliegen lässt, trennt sich Sara nicht. Stattdessen stimmt sie ihm zu. In ihrem Buch schreibt sie: „Ehrlich gesagt, er hätte sich nicht einmal entschuldigen müssen. Es änderte doch nichts: Ich musste besser, dünner und hübscher werden, wenn ich wollte, dass mich jemand liebt.“

Woher diese harten Gedanken kommen? Zum Teil sicherlich durch das Vorbild von Saras Mutter, die sich nach der Trennung von Saras Vater als Karrierefrau mit makellosem Aussehen profiliert. Immer top gestylt, die Heels passen stets zum Lippenstift. Die äußere Schönheit dient der Mutter als Schutzschild gegen die Welt. Eines Tages erwischt sie ihre Tochter beim Brechen, doch sie ist nicht fähig, ihr zu helfen. Als eine Therapeutin ihr die Schuld am Zustand ihrer Tochter zuweist, verlässt sie fluchtartig die Praxis. Eine Weile versucht sie Sara mit gesunder Ernährung zu helfen. Doch als die Tochter nach München zieht, wird der Kontakt immer weniger. Das Thema Bulimie wird totgeschwiegen, die Mutter ahnt nicht, wie sehr das Leben ihrer Tochter inzwischen von der Krankheit beherrscht wird.

Sara macht immer weiter, hier das Promi-Leben, dahinter die heimliche Bulimie. „Meine Bulimie und ich waren ein gutes Team. Das kann ich nicht anders sagen. Wir hatten einen täglichen Ablauf und unsere eigenen Rituale. Wie ein Ehepaar , nur friedlicher. […] Sie war meine bessere Hälfte, die mir auf ihre Art eine Pause von all dem Chaos in meinem Kopf gab, wann immer es nötig war.“ Die Bulimie, so sagt sie im Interview, sei wie eine Mauer zwischen ihr und der Welt gewesen. Vor der Mauer gab es diese Kunstfigur von ihr, witzig, schlagfertig, immer gut gelaunt und selbstbewusst. Dahinter versteckte sich die eigentliche Sara mit ihrer Essstörung. „Ich hatte das Gefühl, das ist mein einziger Zufluchtspunkt im Leben, wo ich nur ich sein kann – ein ganz emotionales, zerbrechliches Wesen, das ständig zu viel über alles nachdenkt.

Foto: Moritz Thau

Sara hat zwar einige Beziehungen, doch ihre Krankheit hält sie immer geheim. Die Heimlichtuerei sorgt dafür, dass ihre Beziehungen zuverlässig scheitern. Ihr Körper wird mit den Jahren zunehmend schwächer. Sie ist ständig müde, ihre Augen werden schlechter, die Zähne sind von der Magensäure angegriffen, oft hat sie Herzklopfen. Doch selbst als sie Blut spuckt, schafft sie es nicht aus eigener Kraft, sich von der Bulimie zu lösen.

Während der Schwangerschaft kann sie die Bulimie kontrollieren

Erst als sie 2011 schwanger wird, kann sie ihre Sucht endlich kontrollieren. „Seit ich erfahren hatte, dass ein Untermieter an Bord war, hatte ich eisern nur gesund gegessen und alles drin behalten. […] Der Gedanke, dass mein Kind nicht gesund sein könnte, nur weil ich so ein kaputtes Stück war, versetzte mich jede Minute erneut in Panik.“ Sara hält durch und im Mai 2012 kommt ihr Sohn Louis Tiger zur Welt. Er ist ein Frühchen, aber gesund und munter. „Wie alles in meinem Leben war auch die Geburt meines Sohnes ein wenig dramatisch, überraschend und holprig – aber letzten Endes gut. Er war das hübscheste kleine Bübchen, das ich jemals gesehen hatte. Und plötzlich war ich nicht mehr nur ich, sondern seine Mama. Das änderte alles. Wenn mein Sohn so perfekt sein konnte, dann war ich vielleicht auch nicht so kaputt, wie ich dachte.“

Doch auf die Geburt folgt ein großer Schock. Der Vater des Kindes verlässt die junge Familie auf Nimmerwiedersehen. Warum? Sara versucht zu erklären: „Er hat einfach beschlossen: Er will mich nicht und er will diese Familie nicht. Ich habe immer gedacht, er will das Gleiche wie ich, so ein kleines Familien-Idyll mit Gartenzaun und Hund, aber das war nicht so, er war noch nicht so weit.“ Für Sara folgen Wochen der Trauer. Die Bulimie holt sie wieder ein. Schließlich flüchtet sie und zieht mit Ihrem Sohn von München nach Los Angeles, beginnt ein neues Leben. Allerdings mit der Bulimie im Gepäck. Wenn ihr Sohn nicht bei ihr ist, bekommt die alleinerziehende Mutter täglich wieder Ess-Brech-Attacken.

Foto: privat

Wiederholt landet sie im Krankenhaus, bricht sich einmal sogar bei einem Sturz eine Rippe, als sie ohnmächtig wird. Schließlich drohen ihr die Behörden mit Entzug des Sorgerechts. Es ist für Sara der große Wendepunkt. Sie startet zuerst eine Online-Therapie gegen die Bulimie, schließt sich später einer Therapie-Gruppe an und schreibt ihre Geschichte auf.

Als ich sie im Februar 2015 in Hamburg zum Interview treffe berichtet sie glücklich: „Heute sind es sieben Monate, dass ich mich nicht mehr übergeben habe und ein Jahr, das ich in Therapie bin. Auf dem Papier bin ich damit gesund. Aber als Süchtiger – und ich sehe die Bulimie als Sucht – musst du immer ein bisschen vorsichtig sein.“

Zwar kämpft sie noch immer mit den körperlichen Folgen ihrer Krankheit, ihr Herz ist zum Beispiel noch nicht wieder sehr belastbar und die Augen waren so schlecht geworden, dass sie sie zu Weihnachten hat lasern lassen - dennoch ist Sara optimistisch: „Vorher meiner Therapie und der Geburt meines Sohnes gab es keinen Tag, an dem ich mich leiden mochte. Inzwischen habe ich so viel Selbstliebe gefunden, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, mich selbst so zu misshandeln. Ich ernähre mich gesund und mache Sport. Gerade hat mir der Kardiologe sogar das Go für Tennis gegeben.“ Ihre Emotionen packt sie jetzt in ihre Arbeit. Nach ihrer Ausbildung an einer renommierten Schauspielschule arbeitet sie als Schauspielerin und organisiert Promotion-Trips für Neuankömmlinge in Los Angeles.

Foto: Moritz Thau

Mit ihrem Buch möchte Sara anderen Frauen Mut machen. „Früher dachte ich, man muss damit leben, dass man sich selbst nicht mag. Erst nach Monaten in Therapie dachte ich, vielleicht habe ich doch etwas zu bieten, das man retten darf. Darum möchte ich all den Frauen da draußen, die sich selbst nicht gut finden, die immer denken „Ich wär' so gerne jemand anders“, vermitteln, dass es möglich ist, in sechs Monaten aufzuwachen und zu denken: Ach, ich pass' schon so, wie ich bin. Ich tu' was ich kann und das muss gut genug sein. Und wer das nicht will, den brauch' ich nicht! Ich will, dass jeder weiß, dass das geht. Es ist egal, welche Kleidergröße ich trage, weil ich ein netter Mensch bin. Ich bin gut mit meinen Freunden und ich interessiere mich für meine Umwelt – und das reicht, das trägt mich durchs Leben, und macht mich ok so, wie ich bin.“

Und was wünscht sich so eine geprüfte Frau noch vom Leben? Bei dieser Frage strahlt Sara optimistisch: „Wenn ich eine große Top 3 Wunschliste für 2015 hätte, würde da ganz oben stehen: Ich will mich verlieben! Ich bin jetzt schon fast drei Jahre alleine und schon einsam. Ich wäre wirklich gerne verliebt und auch verheiratet . Ich hätte auch so gerne noch ein zweites Kind. Und ich will backen lernen! Und tanzen, so richtig Let’s dance-mäßig! Ich glaube, das ist die perfekte Sportart, um meinen Körper zu spüren und mich ins Leben als Frau zurück zu tanzen.“

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Bulimie: Ursachen und Folgen der Ess-Brech-Sucht

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