Jean-Philippe Rieu: "Liebe macht alles möglich."

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Jean-Philippe glaubt an die Menschen und möchte dies mit seinem Buch weitergeben.
Foto: Privat

Exklusiv-Interview über „Die Entdeckung der Freiheit“ und die spannende Familiengeschichte der Musik-Familie Rieu!

„Die Entdeckung der Freiheit“ ist der Titel eines biografischen Buches von dir. Worum geht es in diesem Buch?

Jean-Philippe Rieu: Liebe macht alles möglich. Das will ich weitergeben. Es geht vor allem darum, wie wir uns alle selbst verändern, entwickeln können durch Liebe. Egal ob wir großes Leid oder nur eine kleine Wunde erleiden, alles auf unserem Weg hat eine positive Bedeutung. Wir können uns selbst besser verstehen und unser Leben bewusster leben. Denn unser Verhalten bestimmt unser Leben! Und so hat auch mein Verhalten mein Leben geprägt und bestimmt. Wie bei so vielen Dingen ist der Weg das Ziel...

Warum hast du es geschrieben? Wolltest du Dinge klarstellen? Dir Fragen beantworten?

Jean-Philippe Rieu: Ich glaube an Dich und mich. Ich glaube an die Menschen, uns alle. Wir sind viel schöner als wir denken! Das ist mein Motto. Und genau das wollte ich erst nur an unsere drei Kinder weitergeben - in Gedichten und Geschichten. Und als das mittlerweile ein halbes-Biografie/Roman/Dicht-Bündel geworden war, war ich davon überzeugt dass ich diese „Entdeckung der Freiheit’“ an jeden weiter geben muss. Mein Buch kommt aus meiner Seele und ist ein authentischer Bericht über mich und meinen Lebensweg. Über meinen Lernprozess, der nie aufhört. Als Baby war Ich glücklich, danach musste ich wieder lernen, glücklich zu sein. Und das will ich den Menschen, die mein Buch lesen, vermitteln. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ heißt es doch so treffend. Also: Packt an und ändert Euer Leben, jeder hat die Chance und das jeden Moment seines Lebens.

Du hattest begonnen, eine Rieu-Geschichte zu schreiben und alles wieder weggeschmissen. Wieso?

Jean-Philippe Rieu: Eine Rieu-Geschichte kann Ich nicht schreiben und dass kann auch keiner schreiben. Alles was ich schreibe, ist aus meiner Wahrnehmung und meinem Erleben entstanden, meiner Wirklichkeit, und somit ist mein Buch eine Jean-Philippe-Rieu-Geschichte. Das Schreiben war ein Prozess, eine Entdeckung, in der immer mehr Raum, mehr Freiheit entstand durch immer weniger Worte.

Du bist ein Multitalent. Komponist, Filmproduzent, Regisseur, Autor, Organisator – woher nimmst du die Inspiration für all das?

Jean-Philippe Rieu: Ich bin jemand, der macht, was er sagt. „Sagen was man tut, tun was man sagt“ – das ist einer meiner Grundsätze. Und dadurch, dass ich nur tue, was mich wirklich erfüllt, habe ich genug Kraft für alles. Wie kannst du wissen, ob deine Idee funktioniert? Doch nur, in dem man sie realisiert. So komponiere ich, habe fünf neue CDs gemacht, schreibe meine Kinderbücher über die Elfe Marie, realisiere ich das Raywaver®-Projekt für erneuerbare Energie. Ich kann nur an alle Menschen appellieren: Wir alle müssen und dürfen mehr wagen! Wenn man etwas unbedingt will, dann kann man es auch erreichen! Aber wenn ich spüre, dass mein Kopf voll, die Seele schwer ist, dann fahre ich in die Dordogne (Frankreich) mit meiner Frau, wie ich es schon als Kind getan habe...

Was bewegt dich wirklich, was rührt dein Herz?

Jean-Philippe Rieu: Mein Ziel ist es, dass wir Menschen gemeinsam die Welt besser machen. Jeder Mensch für sich allein kann durch seinen Einsatz dafür sorgen, dass wir eine bessere Welt haben. Wenn einer sagt, ich wäre ein Apostel, dann sage ich nur: "So What!" Dann bin ich eben ein Apostel. Aber es ist doch so: das Miteinander, die Umwelt – all das kann ein jeder mit seinem kleinen Beitrag verbessern, so dass das ‚Heute’ und auch ‚Morgen’ schöner und liebvoller sind und die Generationen nach uns noch Freude an der Erde haben.

Apropos Apostel. Du warst Messdiener – wie ist dein Verhältnis zur Kirche heute?

Jean-Philippe Rieu: Ich glaube, dass jeder Gott im Herzen trägt. Dass jeder selbst Gott ist. Wir haben alle die endlose Kraft und Liebe in uns. Ich muss für meinen Glauben nicht in die Kirche gehen. Die Kirche ist für mich nur eine Institution, aber sie hat für mich nichts mit Gott zu tun. Ich gehe nicht mehr in die Kirche und das ist für mich gut so.

Bist du getauft?

Jean-Philippe Rieu: Ja, als Jean-Philippe Marie Antoine. Wir sind alle als Marie getauft und daher heißen auch meine Kinderbücher so. Ich bin übrigens nie aus der Kirche ausgetreten, lebe nur meinen Glauben anders aus. Ich habe den Glauben, die Liebe, die Freiheit neu entdeckt in mir. Und dadurch kann ich es teilen mit ‚dir’ und weitergeben: ein ‚wir’ ensteht. Liebe und Leben zusammen teilen und erleben, dass ist meine ‚Taufe’.

Du schreibst sehr eindringlich von der Geburt deiner Tochter Roos. Was hat dieser Moment in Dir verändert?

Jean-Philippe Rieu: Ich habe da zum ersten Mal wirklich und tatsächlich eine göttliche Urkraft gespürt. Ich war Gott ganz nah, als meine Tochter mich anschaute... Es gab nicht mehr viele Momente von solcher Vertrautheit. Dieser Blick mit ihren Augen, war für mich der erste Schritt zu der Entdeckung der Freiheit.

War es schwer oder ein Vorteil, das (männliche) Nesthäkchen der Familie zu sein, der jüngste Bruder?

Jean-Philippe Rieu: Ich habe es immer als Vorteil empfunden, denn ich machte immer, was ich wollte. Zumindest glaubte ich das damals. Rückblickend weiß ich jedoch, dass ich vieles nur tat, um meinem Vater zu gefallen, um seine Liebe zu suchen...

Wer hat von euch drei Brüdern den Ton angegeben? Robert, André oder du? Ihr habt ja viel gemeinsam erlebt: die nächtlichen Autofahrten ohne Eltern in die Dordogne, die Zeit als Erntehelfer, die gemeinsamen Abende am Lagerfeuer...

Jean-Philippe Rieu: ... waren die einzigen Momente der Vertrautheit und deswegen habe ich sie ja beschrieben. Weiter gab es nicht mehr so viele enge Momente unter uns Brüdern. Das damals waren die schönsten Momente, die unvergessenen.

Du bist ein Mensch, der vor allem seinem Herzen folgt. Unterscheidet dich das von deinem musikbesessenen Vater, von deinem Bruder?

Jean-Philippe Rieu: Mein Vater war als Dirigent vor allem mit seinen eigenen Zielen beschäftigt! Mir war immer klar, dass ich nicht so sein will. Wärme und Menschlichkeit sind mir sehr wichtig und ich habe als Kleinkind früh gemerkt, dass Dirigenten als Familienväter schwierig sind. Sie sind nur mit der Musik und den Konzerten beschäftigt - die waren alles. Ich versuche es daher, Zuhause nicht so zu machen. Zuhause soll sich nicht alles um Jean-Philippe drehen. Ich möchte mir die Menschlichkeit bewahren. Mein Vater war sich dem damals gewiss nicht bewusst, aber ich finde, als Vater sollte man sich dessen sehr bewusst sein!

Deine Vater André sen. (†72) war ein gefeierter Dirigent, leitete das Limburger Symphonie-Orchester, das Gewandhausorchester Leipzig. Was war er für ein Mann, für ein Vater? André nannte ihn „sehr autoritär“.

Jean-Philippe Rieu: Es war eine andere Zeit und er stammt aus einer anderen Generation. Damals waren die Menschen strenger, ernster und die Erziehung ein andere. Geprägt von Tabus, von Verboten, von Zwängen. Er war ein außergewöhnlicher Musiker, musikalisch sehr sensibel und liebevoll. Das größte Problem war aber, dass er wenig Raum für andere, für uns Kinder ließ. Wir kamen nicht an ihn heran.

Wie war euer Verhältnis, beruflich und privat? Ihr habt ja auch viele Jahre gemeinsam gearbeitet.

Jean-Philippe Rieu: Seit meinem zwölften Geburtstag habe ich im Orchester meines Vaters musiziert, als Pianist und Dirigent bei vielen Produktionen mitgewirkt. Wir kommunizierten sehr intim über Musik. Da brauchten wir keine Worte. Wir haben uns damals ohne Worte über Musik ganz verstanden. Aber ohne Worte gibt es in der Welt, wo Sprache die Musik ist, keine Kommunikation.... Wir sprachen also über nichts, was wirklich mit dem Leben zu tun hat. Nur über die Musik. Das Teilen der Gefühle gab es nicht bei uns. Ich musste also viel selbst entdecken und früh meinen eigenen Weg gehen.

Machst du als Vater bei deinen Söhnen viel anders?

Jean-Philippe Rieu: Das hoffe ich. Ich hoffe, dass ich das Vatersein erfülle, in dem ich unseren Kindern die Möglichkeit gebe, sich in Freiheit und Liebe entwickeln zu können. Dass sie Ihre Selbstständigkeit entdecken können und dass diese wachsen kann in Wärme. Daneben liebe ich es, mit unseren Kindern gemeinsam zu kochen, Zeit zu verbringen – bei meinem Vater war das undenkbar. Mein Vater sah uns Kinder zwar, aber er hatte einfach keine Zeit für uns. Ich bin sehr glücklich, dass ich da jetzt liebevoll über reden kann.

Du schreibst von dem schmalen Grat zwischen nichts und etwas. Und gerade André würde den besonders kennen...

Jean-Philippe Rieu: Wir hatten zusammen eine wilde Zeit. Es gab zum Beispiel eine nächtliche Autofahrt, bei der wir uns fast tot gefahren haben. Mit Absicht haben André (damals 18) und ich die Spannung gesucht und sind so nah an die Grenze gegangen, dass wir fast darüber hinaus geschossen wären. Wir suchten unbewusst die Grenzen und es gab neue Entdeckungen. Einfach aber tiefgehend... In unserem Camel-Zigaretten-Urlaub arbeitete André ein Dorf weiter auch noch einige Zeit als Tankwart. Zu seiner Überraschung entdeckte er dort, dass er einfach nur durch Freundlichkeit zu den Kunden mehr Trinkgeld als der mürrische Eigentümer erhielt, der ohne Interesse für seine Kunden die Tanks füllte. Von diesen Einnahmen feierten wir.

War das eure engste Phase?

Jean-Philippe Rieu: Das kann man so sagen. Wir haben damals sehr viel zusammen gemacht. Ohne unsere Eltern die Freiheit entdeckt, monatelang in Frankreich gelebt und dort Feste gefeiert, getrunken, geraucht, mit Freundinnen Spaß gehabt. Wir drei Brüder haben ohne Eltern in der Dordogne das Leben und die Freiheit in großen Zügen genossen. Wie eine natürliche Fortsetzung haben meine Frau und ich in der Dordogne den weiteren Weg zu der "Entdeckung der Freiheit" gefunden. Heute leben wir einige Zeit im Jahr noch immer dort.

Du hast aber auch sechs Jahre intensiv mit André zusammengearbeitet. Ihr habt gemeinsam komponiert und du hast sechs CDs mitproduziert sowie zwölf große Fernsehmusikfilme und DVDs produziert...

Jean-Philippe Rieu: Und auch da waren wir zumindest anfangs sehr eng. Es war fast so wie damals, als wir noch wilde Jungs in Frankreich waren. Wir waren sehr erfolgreich, doch Geld war nie mein Antrieb, ich wollte mit meinem Bruder etwas bewegen, etwas schaffen. Dass ist noch immer mein Ziel: meine Kompositionen, mein Klavierspiel, meine Texte und Gemälde, meine Filme und alles, was ich tue sind der Ausdruck meiner ständigen Suche nach Ehrlichkeit, Reinheit und Liebe.

Doch das Gefühl der Vertrautheit hielt nicht an?

Jean-Philippe Rieu: Nein. Es war der Punkt gekommen, an dem sich unsere Wege trennen mussten. Unsere Leben sind verschiedene Wege gegangen. Es hat nicht mehr gepasst.

2004 habt ihr euch entschlossen, beruflich getrennte Wege zu gehen. Deshalb?

Jean-Philippe Rieu: Ich habe entdeckt, dass ich alle sieben Jahre einen Sprung in meinem Leben habe und so war es auch damals. Erst war alles superfantastisch, wir haben toll zusammengearbeitet, unsere Produktionen waren bombastisch. Doch dann wiederholte sich alles. Ich hatte einfach genug. Mein Bruder und ich hatten uns auseinandergelebt. Wir haben alles zusammen gemacht, so viel gemeinsam erlebt, aber es hat bei uns nicht mehr gepasst.

Wie ist dein Verhältnis zu André? Auch da wird ja viel geschrieben... Ihr habt angeblich keinen Kontakt, er ruft auch eure Mutter nicht an...

Jean-Philippe Rieu: Wir haben wenig Kontakt, sind selten zusammen. Mit der Familie, meiner Frau Marga zum Beispiel, sind wir immer mal wieder zusammen. Wir feiern Feste, besuchen ihre Mutter. Die Familie meiner Frau ist ein viel schöneres Vorbild für unsere Kinder als unsere Familie, finde ich. Denn wir sind viel weniger zusammen, haben kaum Kontakt, eigentlich nie.

Versuchst du denn noch, Kontakt herzustellen?

Jean-Philippe Rieu: Ohne Krampf. Ich habe es anfangs wirklich sehr versucht, aber mittlerweile nicht mehr. Es ist einfach so wie es ist bei uns. Der Weg geht wie er geht. Dieses Gefühl in Wärme und Liebe loslassen zu können, empfinde ich auch als eine große Entdeckung der Freiheit.

Hast du unter deinem berühmten Bruder gelitten?

Jean-Philippe Rieu: Ach weißt du, anfangs war ich der Sohn von André Rieu, dem weltberühmten Dirigenten. Dann war ich der Bruder von André Rieu , dem berühmten Geiger. Natürlich war ich stolz, aber durch meine Kinder hat sich viel verändert. Ich war da auf einmal "der Vater von Jean-Paul Rieu". Das hat mich sehr stolz gemacht. Es ist wieder ein Prozess, mich selbst zu finden. Die positive Bedeutung der Dinge zu finden, den Mann zu finden, den Familienvater

Dein Lebensmotto...

Jean-Philippe Rieu: Alles auf deinem Weg hat eine positive Bedeutung in Liebe. Jedes Ende ist ein Beginn, jeder Beginn kann jetzt beginnen.