Jesper Juul: Was Eltern von Wölfen lernen können

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„Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden"

Eltern befinden sich heutzutage in einer Führungskrise! Das ist die Meinung des dänische Familientherapeut Jesper Juul. In seinem neuen Ratgeber "Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie" ermutigt er Eltern dazu, sich bei der Erziehung an tierischen Vorbildern zu orientieren – und die Logik dahinter erscheint plausibel.

Kinder brauchen in der heutigen Zeit eine klare Führung. Nur so sind sie für die Anforderungen der heutigen Gesellschaft gewappnet und können eine Persönlichkeit mit einem gesunden Selbstwertgefühl ausbilden. Ein autoritärer Patriarchenstil ist dafür genauso wenig geeignet wie eine übertriebene Fürsorge in der Erziehung.

Aber was hat es mit der Theorie auf sich, dass Eltern von wilden Wölfen lernen können, wie sie ihre Kinder erziehen sollen? Im Grunde ist es ganz einfach: Für das Überleben von Rudeltieren ist ein verlässliches Leittier, welches für den Zusammenhalt der Gruppe sorgt, ungemein wichtig. Schwächelt ein solches Tier oder sendet keine eindeutige Signale, sorgt das für Unruhe im Rudel. Im nächsten Schritt werden andere Mitglieder der Gruppe versuchen, die Führung an sich zu reißen. Genau das Gleiche passiert, wenn Kinder anfangen ihren Eltern im Alltag auf der Nase herumzutanzen.

Wie Eltern in die Rolle des Leitwolfs schlüpfen

Die Positionierung als Leitwolf in der Familie ist für Eltern ein anstrengendes Unterfangen und mit sehr viel – manchmal auch schmerzhafter - Selbstreflexion verbunden. Juuls Grundprinzip lautet: Eltern sollten eine ‚gleichwürdige‘ Beziehung zu ihren Kindern pflegen. Das ist nicht zu verwechseln mit ‚gleichberechtigt‘, denn das können Kinder aufgrund mangelnder Lebenserfahrung nie sein. Basis einer guten Führung und einer, gesunden, vertrauensvollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern sind nach Jesper Juul:

  • persönliche Autorität
  • persönliche Verantwortung
  • Authentizität
  • Selbstwertgefühl
  • Bereitschaft von den Kindern zu lernen

Authentisch bleiben

Viele Männer und Frauen spielen eine Rolle, sobald sie Kinder bekommen, findet der Familientherapeut. Entweder äußert sich das in übermäßiger Strenge oder aber in einem säuselnden Tonfall, der über viele Jahre Bestand in der Kommunikation mit dem Kind hat. Eltern zeigen sich ihrem Sprössling gegenüber nicht so, wie sie wirklich sind. Über kurz oder lang wird das Kind dieses Verhalten durchschauen und die Eltern als Vorbilder in Frage stellen. Eine respekt- und vertrauensvolle Beziehung beruht laut Jesper Juul auf Authentizität, die gegenüber dem Kind und sich selbst zur Liebe an den Tag gelegt wird.

Keine Aufopferung

Wer seine eigenen Bedürfnisse in der Beziehung zu seinem Kind immer wieder zurückstellt, tut ihm damit keinen Gefallen. Selbstaufopferung ist kein Liebesbeweis, sondern führt schnell zu Unzufriedenheit, die sich negativ auf das Beziehungsgeflecht in der Familie auswirkt. Für ein harmonisches Familienleben ist es wichtig, dass Eltern dazu in der Lage sind ihre eigenen Grenzen zu erkennen und sie ihrem Kind gegenüber zu formulieren, anstatt immer nur ihren Kindern Grenzen zu setzen.

Gelegentliche Zurückweisung

Viele Eltern kennen diese Situation sehr gut: Jeden Abend kommt es zu einem Kampf, um den Zeitpunkt des zu Bett gehen. Mama und Papa wünschen sich am Abend Zeit als Paar, wollen aber auch nicht, dass sich ihr Kind abgelehnt fühlt. In dieser Situation müssen sich Eltern entscheiden, was ihnen wichtiger ist: Gemeinsame Zeit mit dem Kind oder zu zweit als Paar. Fällt die Wahl auf die Zweisamkeit muss eine deutliche Ansage gemacht werden. Das heißt, dass das „ich möchte“ gerne auch durch ein bestimmtes „ich will“ ersetzt werden kann.

Führung nicht mit Macht gleichsetzen

Juuls knüpft seine Ansätze zur Führung in der Familie an einen breiten gesellschaftlichen Kontext. Autoritäre Familienführung verliert aufgrund neuer Strukturen in Politik und Arbeitswelt, aber auch wegen der Emanzipation der Frau und dem neuen Selbstverständnis von Vätern immer mehr an Bedeutung. Eltern fällt es in diesem Kontext schwer, den richtigen Weg zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung zu finden. Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, nicht in veraltete Erziehungsmuster zu verfallen, so wie beispielsweise die Erziehung mittels Belohnung und Bestrafung. Juuls sieht darin die gezielte Manipulation des Kindes.

Verwöhnte Söhne und nette Töchter

Alte Rollenmuster sind - auch wenn wir in modernen zeiten leben - noch lange nicht überwunden. Das zeigt sich sowohl in Beziehungen als auch in der Erziehung der Kinder. Besonders Mütter verwöhnen, bedienen und bewundern ihre Söhne oft zu sehr und erziehen sie so zu Männern, die sie für ihre Töchter niemals wollen würden. Ihre Töchter wiederum sollten Mütter zu selbstbewussten Frauen erziehen, die nicht das "Nette-Mädchen-von-Nebenan-Motto" bedienen.

Die Vision für eine bessere Gesellschaft

Jesper Juul hat eine Vision für die Gesellschaft: Wenn sich in den Familien eine bessere Führungskultur etabliert, lassen sich die Lebensbedingungen für alle verbessern. Für Eltern gilt seiner Meinung nach das Gleiche wie für Manager und Politiker: Führung darf niemals mit Macht verwechselt werden!

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