Jobwechsel

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Gehen oder bleiben

Es gibt Menschen, die immer genau zu wissen scheinen, was sie wollen. Die schnell und dennoch nie leichtfertig Entscheidungen treffen und dabei nie auf die Idee kommen würden, einen einmal getroffenen Entschluss zu revidieren. Diese Menschen würden, was die Verwirklichung ihrer beruflichen Träume angeht, ohne mit der Wimper zu zucken den Jobwechsel einläuten - koste es, was es wolle. Weil sie sich ihres eigenen Willens, ihrer Fähigkeiten und Ansprüche sicher sind. Ich fand solche Menschen immer ein bisschen unheimlich - weil ich selbst ganz anders bin.

In der Planung meiner Zukunft war ich schon immer unentschieden. Als Kind wollte ich erst Sportlehrerin werden, dann Tänzerin, dann Musical-Star und schlussendlich Ärztin, doch die Noten waren dafür nicht ausreichend. Auch Physiotherapeutin war im Gespräch - doch damals schienen mir die Aufnahmeprüfungen zu schwer und die zu erwartende Bezahlung zu gering. Nach einem halbherzig gewählten geisteswissenschaftlichen Studium landete ich schließlich als Beraterin in einer Hamburger PR-Agentur. Eine augenscheinlich gute Wahl, denn ich war ein kommunikatives Feuerwerk, konnte gut mit Menschen umgehen, und die Bezahlung war meinen Ansprüchen angemessen.

Wie dumm wäre es gewesen, das Jobangebot nach dem Examen auszuschlagen. Ich stieg ein ins Berufsleben, arbeitete mich hoch. Ich schien wirklich gut zu sein, lebte meine kommunikativen Talente aus, verhandelte mit Kunden und Medien in der ganzen Welt, arbeitete viel und genoss einen recht hohen Lebensstandard. In meiner Freizeit trieb ich zum Ausgleich viel Sport - ich ging dreimal die Woche joggen, im Sommer zum Klettern in die Berge, im Winter zum Snowboarden. Ich hatte mich, was meine Berufswahl anging, offensichtlich richtig entschieden.

"Brich etwas einmal Begonnenes nur dann ab, wenn du weißt, dass das, was danach kommt, mit Sicherheit besser wird."

Und doch kam es irgendwann, das Gefühl der Unzufriedenheit - das Gefühl, dass etwas fehlte. Die eine oder andere Kleinigkeit hatte mich schon immer genervt: Das Stillsitzen im Büro, das Nonsens-Gerede der Kollegen, das Gefühl, nach getaner Arbeit oft zu erschöpft für eine kurze Jogging-Runde zu sein, und vor allem: Die Verpflichtung, Inhalte und Produkte anzupreisen, hinter denen ich persönlich überhaupt nicht stand. Konnten die attraktive Bezahlung, meine teure Hamburger Wohnung und der exklusive Urlaub zwischendurch das Gefühl aufwiegen, meine Zeit zu verschwenden und mein eigenes Wesen, meine Einstellungen und Überzeugungen zum Ausverkauf anzubieten?

Und doch war der Gedanke an einen Jobwechsel, den viel gerühmten "Ausstieg", den Beginn von etwas ganz Neuem noch recht weit weg. Denn was war die Alternative? Ein Leben als Physiotherapeutin, die doch sicherlich jeden Cent umdrehen musste? Also ging alles weiter wie bisher, getreu dem Lebensmotto meiner Mutter: "Brich etwas einmal Begonnenes nur dann ab, wenn du weißt, dass das, was danach kommt, mit Sicherheit besser wird."

In den Monaten darauf wurde der innere Zwiespalt zunehmend unerträglich. Was wollte ich denn, was war mir wichtig? Ich wollte mit Menschen zu tun haben, helfen, etwas Sinnvolles tun, meinen geliebten Sport weiter ausüben, andere Menschen dafür begeistern. Doch dafür einen sicheren Job aufgeben, eine zeit-, kosten- und lernintensive Ausbildung beginnen und alles bisher Erreichte einfach so aufgeben? Meine teure Wohnung und der gewohnte Luxus würden dann der Vergangenheit angehören. Das ging auf gar keinen Fall. Oder doch?

Der Gedanke an einen beruflichen Wechsel blieb. Erst im Hintergrund, als Traum, der sich doch sowieso nicht verwirklichen ließ - dann, als ich in der Agentur sehnsüchtig auf den Feierabend wartete, etwas konkreter. Ich besuchte Reha-Einrichtungen und sprach mit den dortigen Physiotherapeuten. Die Geduld, mit der sie geschundene Muskeln trainierten, verletzte Gliedmaßen pflegten und ihr anatomisches Wissen gekonnt in der Praxis anwandten, faszinierte mich noch mehr als in der Schulzeit. War es das also doch? Ich erkundigte mich nach Schulen, Kostenplänen und der unwahrscheinlichen Möglichkeit, die Ausbildung nebenher machen zu können.

Ging natürlich nicht. Also hopp oder top, alle Sicherheiten aufgeben und rein ins Abenteuer? Ich besprach mich mit Freunden, Kollegen, auch einen Berufsberater suchte ich auf. Er war es, der versuchte, das sicherheitsbestrebte Motto meiner Mutter zu entschärfen: "Ob die Alternative, die Sie wählen, besser sein wird als der Job, den Sie jetzt haben, werden Sie erst wissen, wenn Sie es ausprobiert haben. Ein bisschen Wagemut müssen Sie schon aufbringen."

Er brachte mich auf die Idee einer zeitlich beschränkten Freistellung von meinem Job, in der ich testen konnte, ob der Traum vom Job als Physiotherapeutin nur eine Seifenblase war oder tatsächlich das, was ich wollte. Das war die Idee: Eine Auszeit, ein Herantasten an meine Bedürfnisse - und das, ohne das mir so wichtige Sicherheitsnetz und die Möglichkeit einer Rückkehr ins Altbekannte komplett aufgeben zu müssen. Die letzten Schritte waren schnell getan. Die Agentur ließ mich mit Option auf eine Rückkehr ziehen. Die Aufnahmeprüfungen für die Physiotherapeuten-Schule schaffte ich ebenfalls. Das Schulgeld konnte ich von meinem Ersparten bezahlen und - wenn ich mich etwas einschränkte - die drei Jahre Ausbildung durch mein erarbeitetes Polster finanzieren. Das Abenteuer "neues Leben" konnte beginnen.

"Ob die Alternative, die Sie wählen, besser sein wird als der Job, den Sie jetzt haben, werden Sie erst wissen, wenn Sie es ausprobiert haben. Ein bisschen Wagemut müssen Sie schon aufbringen."

Heute, ein dreiviertel Jahr später, sitze ich in meiner Hamburger Wohnung. Vor mir liegt ein Stapel Lehrbücher, die bis nächste Woche durchgeackert werden müssen. An einen luxuriösen Urlaub ist nicht zu denken. Ich lerne nach dem bis nachmittags dauernden Unterricht bis nachts, zum Joggen komme ich - ebenso wie in Agenturzeiten - nur selten. Und doch hat sich etwas ganz Entscheidendes geändert: Ich bin glücklich. Meine Ausbildung stellt mich zufrieden, ich freue mich auf die stressigen Unterrichtszeiten - und habe tatsächlich das Gefühl, dass meine Entscheidung richtig gewesen sein könnte.

Ob ich mir wie die eingangs beschriebenen Menschen meines Entschlusses sicher bin, dass mir die Agentur nicht doch irgendwann fehlen könnte, der teure Urlaub, das abwechslungsreiche Unterwegssein in der ganzen Welt? Nein, keineswegs. Aber ich habe gelernt, mein Sicherheitsdenken aufzugeben, mich auf Unbekanntes einzulassen und Risiken einzugehen, um meinen Träumen näher zu kommen. Alleine für dieses Gefühl hat es sich gelohnt.