Julia Timoschenko: Die Frau hinter der eisernen Maske

julia timoschenko
Julia Timoschenko: selbstbewusste Kämpferin
Foto: laboratory8

Kämpferin, Angeklagte, Mutter

Julia Timoschenko (51) ist nicht erst seit ihrer Verhaftung und den daraus folgenden Protesten eine der schillerndsten Figuren der internationalen Politik. Nur äußerlich klein und zierlich beweist die Ausnahmepolitikerin in ihrem unerbittlichen Kampf Stärke und Selbstbewusstsein.

Unternehmerin, Kämpferin in der Orangenen Revolution, Ministerpräsidentin der Ukraine, Oppositionsführerin - Julia Timoschenko hat eine beeindruckende Karriere vorzuweisen. Doch dem amtierenden Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, war sie stets ein Dorn im Auge. Seit August 2011 sitzt Julia Timoschenko im Gefängnis. Sie soll Erdgas-Verträge mit Russland zum Nachteil der Ukraine geschlossen haben; die EU vermutet, dass die Inhaftierung ausschließlich politisch motiviert ist. Die Haftbedingungen seien unzumutbar, klagt Timoschenko - überall an ihrem Körper waren große Blutergüsse zu sehen. Sie trat trotz eines Rückenleidens aus Protest in einen zweiwöchigen Hungerstreik, bis sie von deutschen Ärzten untersucht wurde. Julia Timoschenkos Gesundheitszustand ist nach wie vor schlecht. Eine deutsche Ärztin erklärte nun, dass der Bandscheibenvorfall möglicherweise nicht vollständig heilbar sei. Die 51-Jährige benötige eine Schmerztherapie, so Physiotherapeutin Anett Reißhauer. Timoschenkos Haftbedingungen führten zu europaweiten Protesten, so verweigerten viele Politiker, unter anderem Angela Merkel , die Vorrunden-Spiele der Europameisterschaft in der Ukraine zu besuchen.

Dmitri Popov (49) und Ilia Milstein (51), zwei in München lebende russische Journalisten, haben in vielen persönlichen Gesprächen mit Julia Timoschenko ihre beeindruckende Lebensgeschichte in dem Buch „Julia Timoschenko - Die autorisierte Biographie“ festgehalten, das am 14. Juni erscheint.

WUNDERWEIB sprach mit Dmitri Popov und erfuhr, wer hinter der Eisernen Lady der Ukraine steckt.

Herr Popov, können Sie Julia Timoschenko mit drei Begriffen beschreiben?

Dmitri Popov: "Stark, furchtlos, gute Schauspielerin. Und charismatisch, wenn ich auch vier Begriffe nennen darf."

Und wie sieht sie sich selbst?

"Sie spielt verschiedene Rollen. Der Zopf, ihre „Kostüme“, sie nimmt all diese Rollen sehr ernst und ist Regisseurin ihres eigenen Lebens. Je nach Lebensphase variiert ihr Selbstbild."

Wie viel von der echten Julia Timoschenko steckt hinter ihren Rollen?

"Es sind zwar Masken, die sie sich aufsetzt, aber all diese Masken kommen aus ihr selbst. Julia Timoschenko ist eine Mischung aus all ihren Rollen."

Woher nimmt Julia Timoschenko die Kraft, trotz gesundheitlicher Probleme und massiver Widerstände weiterzukämpfen?

"Gerade diese Widerstände geben ihr Kraft. Sie ist immer am stärksten, wenn sie am Boden liegt. Insofern war ihre Inhaftierung nicht nur unmenschlich, sondern auch politisch eine Fehlentscheidung von Präsident Janukowitsch – denn jetzt wird Julia Timoschenko erst recht kämpfen, stärker denn je."

Was treibt sie an, wieso opfert sie sich so auf?

"Sie sieht ihr Leben als politische Mission. Sie hat das Gefühl, auserwählt zu sein."

Wie sieht diese Mission aus?

"Sie kämpft für eine neue, unabhängige Ukraine und für eine bessere Rolle der Frau in der Gesellschaft. Zudem nimmt Julia Timoschenko die Welt sehr personifiziert wahr. Victor Janukowitsch ist in ihren Augen ein Krimineller, der gestoppt werden muss."

Wie steht Julia Timoschenko zur EM?

"Sie hat viel dafür getan, damit die EM in ihrem Land realisiert werden kann, sie möchte erreichen, dass die Ukraine sich öffnet. Nun hofft sie, dass die EM eine Bühne ist, auf der die Missstände des Landes für den Rest der Welt sichtbar werden. Einen Boykott lehnt sie ab, da durch den Sport viele Länder dazu gezwungen werden, auch politisch Stellung zu nehmen."

Julia Timoschenko wirkt immer hart, durchsetzungsstark und selbstbewusst. Hat sie auch eine weiche Seite?

"Ja. Zum einen wenn es um ihre Tochter geht, dann ist sie Mutter mit Herz und Seele. Gerade als Präsident Leonid Kutschma gegen sie vorging, wurde das deutlich: Sie schickte ihre Tochter mit 14 nach England in ein Internat, um sie zu schützen und ihr die bestmögliche internationale Schul- und Universitätsausbildung zu bieten. Zum anderen gibt es Momente, in denen sie vor dem Spiegel sitzt, ganz allein, und merkt, dass die Zeit vergeht. Ihr größtes Kapital, ihre Schönheit, währt nicht ewig. Das kann sie nur schwer akzeptieren."

Kann sie diese Schwäche zulassen?

"Nein, niemals. Das entspräche nicht ihrem Selbstbild."

Sie sagen, ihr größtes Kapital ist ihre Schönheit. Wieso?

"Sie setzt ihre weiblichen Reize in Politik und Wirtschaft ein. In ihren Augen ist es absolut akzeptabel, dass die Frauen auch mit ganz anderen Mitteln erfolgreich werden als Männer. Bei Gesprächen mit Gazprom-Chef Wjachirew trug sie beispielsweise Minirock und hochhackige Stiefel. Für Millionen Anhängern in der Ukraine ist sie eine Art Über-Frau – Geliebte, Tochter, Mutter – oder, wenn sie wollen, ‚Wunderweib’. Sie ist Verführerin, auch in der Politik."

Wie würden Sie das Verhältnis von Julia Timoschenko und ihrer Tochter Jewgenija charakterisieren?

"Julia Timoschenko ist ein großes Vorbild für ihre Tochter. Doch gerade das macht es auch schwer für Jewgenija, ein normales Leben zu führen. Beim Kampf für ihre Mutter scheiterte ihr eigenes Ehe- und Familienleben. Nach und nach merkt man, wie sie ihrer Mutter immer ähnlicher wird, sie scheint ebenso leidenschaftlich und stark zu sein. Darauf ist Julia Timoschenko mit Sicherheit stolz."

Die Politikerin ist in einem Frauenhaushalt aufgewachsen. Inwiefern hat sie das geprägt?

"Es ist immer zu lesen, dass Julia Timoschenko schon in ihrer Kindheit männliche und burschikose Züge hatte. Sie spielte lieber Fußball als mit Puppen. Ob das daher rührt, dass sie zu Hause den männlichen Part übernommen hat, lässt sich nur mutmaßen. Viel wichtiger sind meiner Meinung nach die wirtschaftlich schwierigen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen ist. Ihre Mutter hat nie viel verdient, Julia Timoschenko wollte ein besseres Leben. Mit 18 zog sie bereits von zu Hause aus und wurde früh erwachsen und selbstständig."

Was ist Julia Timoschenkos größter Wunsch?

"Im Moment will sie raus aus dem Gefängnis und nach Hause. Als Siegerin. Und dann natürlich zurück an die Macht."

Was fasziniert Sie an der „Eisernen Lady“?

"Ihre gesamte Lebensgeschichte. Julia Timoschenko wird nie müde, weiterzumachen. Es gibt bei ihr nie einen Endpunkt, nur immer wieder neue Anfänge. Manches bleibt bis heute unklar, beispielsweise ihre Kämpfe in der Zeit blutiger Mafie-Kriege in der Ukraine der wilden 90er Jahren – und wie sie diese überlebt hat. Ich bin sicher: Wir werden noch viel von Julia Timoschenko hören. Die Fortsetzung unserer Biografie ist dann in den Nachrichten zu sehen und zu lesen.""

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