Kinder, Liebe & Karriere: Geht alles gar nicht!

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Das Leben als Familie in Deutschland ist stressig ohne Ende.
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Wie Väter und Mütter in Deutschland verzweifeln

Jeden Tag verzweifeln in Deutschland Mütter und Väter unter dem Druck, der auf ihnen lastet. Kinder, Job, Beziehung, Haushalt - all die Anforderungen machen uns fertig.

Heinrich Wefing, Jahrgang 1965, und Marc Brost, Jahrgang 1971, sind beide überzeugte Väter - und verzweifelt. Warum? Sie fühlen sich zerrissen zwischen Job, Kindern und Beziehung. Sie haben ständig das Gefühl nirgendwo genug zu tun. Im Job erwartet man noch ein paar mehr Überstunden, die Kinder wollen sie so gerne so viel mehr sehen und die Partnerin kommt für ihr Gefühl auch ständig zu kurz.

Fotos: Rowohlt Verlag / Anatol Kotte

Mit diesem dauernden Gefühl von Hetze und Nie-genug-getan sind Brost und Wefing nicht allein. Viele Väter und Mütter in Deutschland haben tagtäglich das Gefühl, zwischen all den Anforderungen zermalmt zu werden, wie eine kleine Ameise zwischen schweren Mahlsteinen.

Marc Brost und Heinrich Wefing, die beide als Journalisten für die Zeitung "Die Zeit" schreiben, haben darum beschlossen, die Sicht der Männer auf unser stressiges Familienleben aufzuzeigen. Sie haben dutzende Väter interviewt, haben die politische Lage analysiert und ihre eigenen Erfahrungen aufgeschrieben. Ergebnis ist das Buch: " Geht alles gar nicht - Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können ".

Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus dem Buch und anschließend die Vorschläge von Heinrich Wefing dazu, was wir, die Politik und die Wirtschaft tun könnten, um unser aller Familienleben weniger angespannt zu gestalten.

"Sind wir gerne Väter?

Ja, absolut, von ganzem Herzen.

Arbeiten wir gerne in unserem Beruf?

Ja, leidenschaftlich gerne.

Und, geht beides zusammen?

Die übliche Antwort lautet: Ja, klar. Manchmal hakt es ein bisschen, manchmal sind alle ein bisschen erschöpft – Vater, Mutter, Kinder. «Urlaubsreif» nennen wir das. Aber im Großen und Ganzen gibt es kein Problem. Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es auch, irgendwie.

Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle. Wir sind permanent müde, haben Ringe unter den Augen, schlafen schlecht. Wir sind ständig nervös, wie gehetztes Wild. Wenn wir morgens aufwachen, fällt uns sofort ein, was wir alles schaffen müssen. Wenn wir abends ins Bett fallen, wissen wir, dass wir wieder nur die Hälfte von dem erledigt haben, was eigentlich anlag.

Wir trinken unseren Kaffee im Gehen, wir essen im Stehen. Und wenn wir nach Hause kommen, nach einer Dienstreise, einem turbulenten Meeting, einer Brüllerei am Telefon, sind wir abgekämpft und angespannt. In unserem Kopf tobt noch der Tag, beschäftigen uns all die Dinge, die wir gesagt und getan haben. Dann braucht es nur ein Wort, nur eine falsche Bemerkung – und es gibt Streit.

Wir haben nie genug Zeit

Es geht einfach nicht zusammen. Wir haben nie genug Zeit für unsere Kinder. Wir haben nie genug Zeit für unsere Partner. Und wir haben nie genug Zeit für unseren Job. Es gibt kein Modell, das funktioniert, nirgends. Für Mütter nicht und für Väter ebenso wenig. Davon handelt unser Buch.

Klingt das frustriert? Womöglich. Aber wir sind gar nicht frustriert. Sondern verärgert. Wir ärgern uns darüber, dass uns permanent suggeriert wird, alles ließe sich mit allem vereinbaren, es sei nur eine Frage der Organisation. Dieses Bild begegnet uns überall. Wir meinen damit nicht die Hochglanzillusion der Margarinewerbung. Wir reden nicht von den Aufnahmen perfekter Familien, einer schönen Frau mit kernigem Mann im Kaschmirpullover und hübschen Kindern, allesamt lachend, auf einem Sofa in einem lichtdurchfluteten Raum, wie an einem ewigen Sonntag. Wir wissen schon, dass uns da etwas vorgemacht wird.

Nein, wir ärgern uns über eine Politik, die hartnäckig behauptet, mit wenigen Monaten Elternzeit und ein paar Kita-Plätzen mehr lasse sich Deutschland in ein Familienparadies verwandeln. Und wir ärgern uns darüber, dass diese Politik vorwiegend von Menschen betrieben wird, die entweder selbst keine Kinder haben oder achtzig Stunden die Woche ackern, auf Adrenalin surfen und selbst nie genug Zeit für ihre Familie haben.

Wir ärgern uns über Wirtschaftslobbyisten, die uns weismachen wollen, flexiblere Arbeitszeiten seien das Zaubermittel, um alle Probleme zu lösen – und dabei ganz andere Interessen verfolgen.

Und, klar, wir ärgern uns auch über uns selbst: dar­ über, dass wir den widerstreitenden Anforderungen nicht gerecht werden. Und darüber, dass wir deswegen fast ständig ein schlechtes Gewissen haben. Und weil wir uns viel zu häufig ärgern, denken wir, dass irgendwann Schluss sein muss mit dieser Vereinbarkeitslüge.

Irgendwann müssen wir anfangen zu reden. Manche mögen profitieren vom Schweigen und Herumdrucksen, für manche mag es bequemer sein, sich an den gesellschaftlichen Illusionen festzuklammern. Uns Vätern und Müttern ist damit nicht geholfen und auch nicht unseren Kindern. Deshalb werden wir die Ursachen der permanenten Überlastung beschreiben und deren teils dramatische Folgen, für Männer wie Frauen und für die Gesellschaft insgesamt. Wir werden erklären, warum über die Vereinbarkeitslüge so hartnäckig geschwiegen wird. Wir werden das Versagen einer Familienpolitik analysieren, die Jahr für Jahr mehr als 200 Milliarden Euro für Programme ausgibt, die erkennbar nichts bewirken, und die Modelle und Positionen propagiert, die das Problem eher weiter verschärfen.

Und wir skizzieren ein paar Ideen, wie wir mit der ständigen Überforderung besser umgehen können, als Väter und Mütter, als Paare und als Gesellschaft. Das Entscheidende dabei ist, davon sind wir überzeugt, überhaupt ins Gespräch zu kommen..." zur vollständigen Leseprobe

Sollen wir noch Kinder bekommen? Sechs Fragen an Heinrich Wefing

Herr Wefing, Sie und Ihr Kollege Marc Brost haben 10 deutsche Väter zu ihrem Familienleben befragt – wie geht es diesen Männern?

Heinrich Wefing: Diese Väter versuchen alle, auf ganz unterschiedliche Weise, Familie, Partnerschaft und Job unter einen Hut zu bekommen. Sie rackern sich ab, sie geben ihr Bestes, sie sind nicht unglücklich, aber sie spüren alle, wie verdammt schwer das ist. Manche trifft es härter, manche werden krank oder die Beziehung geht in die Brüche, manche sehen vor allem, wie unzufrieden ihre Partnerinnen sind. Alle lieben ihre Kinder, alle arbeiten auch gern, keiner hat ein Modell, wie es richtig gut funktioniert. Aber vielleicht das wichtigste: alle waren sehr froh, endlich mal darüber reden zu können.

Und wie geht es ihren Frauen und Kindern?

Heinrich Wefing: Auch das ist natürlich ziemlich unterschiedlich. Den Kindern, das war unser Eindruck, geht es vielleicht noch am besten. Denn noch nie haben ja auch Väter so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht wie heute. Viele Frauen haben mehr zu tragen: Stress , ständige Erschöpfung, das Gefühl, nichts richtig zu machen, und Reizbarkeit. Der Frust, beruflich nicht voranzukommen, weil sie für die Kinder zurückgesteckt haben. Alles keine Überlebenssorgen, aber häufig doch echte Lebenssorgen.

Was für Veränderungen wünschen Sie sich konkret für Familien in Deutschland?

Heinrich Wefing: Wir haben nicht die eine Lösung für alle, die gibt es wohl auch nicht. Eine Alleinerziehende steht vor ganz anderen Problemen als eine Doppelverdiener-Familie in Schichtarbeit. Wichtig ist aber, dass sich alle gemeinsam, Frauen und Männer, Väter und Mütter, Politiker und Unternehmer, klar machen, dass wir in einer Situation des Umbruchs der Familien leben, dass alle Familien vor Belastungen stehen, die ziemlich einzigartig sind in der Geschichte. Und wir würden uns wünschen, dass auch Wirtschaft und Politik nicht nur versuchen, die Arbeitszeit für Familien insgesamt zu erhöhen, sondern den Stress zu verringern.

Was erwarten Sie von der deutschen Politik?

Heinrich Wefing: Von der Politik wünschen wir uns, dass sie in der Familienpolitik größer denkt, mutiger, auch radikaler. Es genügt nicht, mehr Kitas zu bauen und ein Elterngeld Plus einzuführen. Beides ist klasse, macht aber Deutschland noch nicht zum Familienparadies. Man sollte, nur zum Beispiel, mal über eine Grundsicherung für Kinder diskutieren. Und darüber, wie wir unsere Biographien, auch unsere Karrieremuster so organisieren, dass sich nicht alles zwischen 30 und 50 ballt, sondern entzerrt wird. Mit Auszeiten, mit Fortbildungsmöglichkeiten, mit weniger starren Regeln für Ein- und Ausstieg in vielen Berufen. Wenn es gelingen würde, die rush hour des Lebens ein wenig zu entschleunigen, dann wäre schon viel erreicht.

Und wie könnte die Wirtschaft den Familien helfen?

Heinrich Wefing: Da gibt es ziemlich viel zu tun. Um nur ein paar Punkte zu nennen: Es muss klar werden, dass Flexibilität Geld kostet, aber gut angelegtes Geld ist. Es muss Schluss damit sein, dass ständige Präsenz als Ausweis von Leistung und Engagement gilt. Und es muss sich die Einsicht durchsetzen, dass es durchaus möglich ist, auch Führungskräfte in Teilzeit zu beschäftigen. Zum Glück gibt es ja mittlerweile in vielen Betrieben gute Beispiele, was geht: Die reichen von der Betriebs-Kita über Sabbaticals und reduzierte Arbeitszeiten bis zu den Unternehmen, deren Kantinen anbieten, das Abendessen für die ganze Familie mit nach Hause zu nehmen. Anderswo wird auch Führungskräften eine Vier-Tages-Woche angeboten - mit dem Ergebnis, dass die Produktivität nicht sinkt, sondern steigt.

Würden Sie einem jungen Paar mit Ihrer heutigen Erfahrung empfehlen, Kinder zu bekommen?

Heinrich Wefing: Ja, unbedingt. Da zögern wir keine Sekunde. Deshalb haben wir das erste Kapitel im Buch auch „Väterglück“ genannt und geschrieben, dass uns in unserem Leben wahrscheinlich noch nie etwas Besseres passiert ist als die Geburt unserer Kinder.

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