KrebsKrankenschwester erkrankt selbst an Krebs und entschuldigt sich bei ihren Patienten

Seit Lindsay Norris selbst an Krebs erkrankt ist, bereut sie, wie wenig sie ihre Patienten vorher verstanden hat.
Seit Lindsay Norris selbst an Krebs erkrankt ist, bereut sie, wie wenig sie ihre Patienten vorher verstanden hat.
Foto: herecomesthesun927.com

An jeden Krebs-Patienten, um den ich mich jemals gekümmert habe – es tut mir leid, ich habe es nicht verstanden …

Als die Krankenschwester Lindsay Norris die Diagnose Krebs erhielt, konnte sie es nicht glauben, sie fühlte sich völlig taub und tief schockiert. Doch sie gab die Hoffnung nicht auf. Die junge Mutter und Ehefrau arbeitet als Krankenschwester auf einer Krebsstation in Kansas in den USA. Tag für Tag kümmert sie sich um Krebs-Patienten – doch erst jetzt begreift sie tatsächlich, wie es diesen Menschen geht, die jeden Tag aufs neu verzweifelt hoffen, dass ihr Leben gerettet werden kann. Plötzlich hat sie das Gefühl, ihren Patienten nicht ausreichend gerecht geworden zu sein. Schließlich schreibt Lindsay ihre reuevollen Gedanken auf ihrem privaten Krebs-Blog auf, in dem sie jeden Behandlungsschritt öffentlich dokumentiert:

An jeden Krebs-Patienten, um den ich mich jemals gekümmert habe – es tut mir leid, ich habe es nicht verstanden …

Dieser Gedanke liegt schwer auf meinem Herzen, seit ich selbst die Diagnose Krebs erhalten habe. Fast mein ganzes Erwachsenenleben arbeite ich schon als Krankenschwester auf der Krebsstation. Ich meinte immer stolz darauf sein zu können, wie gut ich eine Verbindung zu meinen Patienten aufbauen konnte und wie sehr ich ihnen dabei half, mit dem Krebs und allem, was nach der Diagnose folgt, umzugehen. Ich dachte wirklich, ich würde sie verstehen – ich dachte, ich würde verstehen, was es bedeutet, diese Reise anzutreten.

Doch das war nicht so. Nichts habe ich verstanden.

Ich habe nicht verstanden, was es bedeutet, all diese Worte zu hören. Ich war in zahllosen Arzt-Gesprächen und musste unzähligen Menschen von meinem Krebs erzählen, doch selbst die Person zu sein, über die der Arzt spricht, fühlt sich surreal an. Du versuchst, seinen Worten zu fogen, jedes Detail zu verstehen, ganz aufmerksam zu sein, aber innerlich willst du nur irgendwie Haltung bewahren und dann so schnell wie möglich raus aus diesem Zimmer, ganz weit weg.

Lindsay hat den Kampf gegen den Krebs aufgenommen!
Lindsay hat den Kampf gegen den Krebs aufgenommen!
Foto: herecomesthesun927.com

Vielleicht bist du nach Hause gegangen und zusammengebrochen unter dem Gewicht der Worte, die du gerade gehört hast. Vielleicht hast du stundenlang still dagesessen, nicht fähig es zu glauben – bis du weitermachen musstest, so tun als wäre alles in Ordnung, vielleicht im Büro, weil du nicht wolltest, dass jeder Kollege erfährt, was du selbst noch gar nicht richtig verstanden hast. Du wusstest vielleicht nicht, was du überhaupt tun sollst, während deine Gedanken immer dunkel wurden.

Dieser Tag war der Schlimmste. Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie schwer das Warten ist. Es ist wirklich der schlimmste Teil. All die Untersuchungen haben so ewig gedauert. Die Biopsien, die Blutabnahmen, die Scans … besonders die Scans waren schlimm.

Du hast immer versucht, positiv an all die Diagnose-Untersuchungen heranzugehen, doch an diesem Punkt wusstest du noch nicht, womit du es zu tun hattest, und die Unwissenheit war grauenvoll. Zu wissen, dass der Krebs da ist, und zu wissen, dass es nichts gibt, was du dagegen tun kannst – man fühlt sich so schrecklich hilflos. Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich wusste nicht, wie furchtbar es ist, den Leuten von der schlechten Nachricht zu erzählen. Du weißt nicht, was du sagen solltest. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Niemand weiß, was er sagen soll – trotzdem war es eine Erleichterung als die Worte schließlich kamen.

 

Vielleicht war es überwältigend, all die besorgten Anrufe und Nachrichten zu beantworten – und sich daran zu gewöhnen, dass viele Menschen von dieser so persönlichen Angelegenheit wissen, dass das schmutzige Geheimnis raus ist und schließlich die große Unterstützung startet.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie wichtig jedes Wort für dich war, das ich als Krankenschwester zu dir gesagt habe. Dass du es tausend Mal in deinem Kopf wiederholt hast. Hat sie das so gemeint oder so …. Wie oft du dich gefragt hast, ob du mich richtig verstanden hast. Du hast mich erneut gerufen, um noch einmal zu fragen, um sicher zu gehen. Und du hast mich wieder gerufen, wenn Freunde irgendwelche Vorschläge zu Krebs-Therapien gemacht haben. Du hast auch die anderen Krankenschwestern gefragt, um zu sehen, ob sie das Gleiche antworten. Ich möchte, dass du weißt, dass wir Krankenschwester immer wieder gerne all deine Fragen beantworten, auch tausend Mal, so lange, bis für dich keine Zweifel mehr bestehen.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Mir war nicht klar, wie oft du im Internet nach Antworten gesucht hast. Ich hatte dir geraten es nicht zu tun. Natürlich hast du es trotzdem getan – ich habe es auch getan als ich erkrankt bin. Man sucht nach Informationen, nach Hoffnung, nach Geschichten, die Mut machen. Es ist unmöglich, nicht danach zu suchen.

Jetzt habe ich mir vorgenommen, dir dabei zu helfen, verlässliche Informationen zu finden. Ich werde dir erklären, auf Quellen du vertrauen kannst. Ich werde dir mehr Informationen geben, weil ich jetzt weiß, wie sehr du nach diesen Informationen hungerst, Es einfach nicht realistisch, davon auszugehen, dass du genug Willenskraft haben wirst, um nicht selbst danach zu suchen.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, was es bedeutet, ständig die mitleidigen Blicke zu sehen. Wenn du auf der Arbeit den Flur runtergehst oder wenn jemand Neues von deiner Krankheit erfährt. Du hast dich schnell an deine Standard-Antwort auf Wie geht‘s-dir-Fragen gewöhnt: „Alles ganz ok, ein bisschen müde, aber es wird schon.“ Versteh mich nicht falsch. Du bist bestimmt dankbar für all die lieb gemeinten Worte und gute Wünsche – doch es dauert eine Weile, bis man sich an das Mitleid gewöhnt.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie seltsam es sich anfühlt so tapfer“ genannt zu werden. Man kriegt es so soft zu hören. Klar, man kommt irgendwie zurecht und macht weiter, aber es ist ja nicht so als hätte man eine Wahl. Ich kriege all diese Behandlungen weil es sein muss – das lässt mich nicht gerade wie eine Heldin fühlen.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie verrückt einen diese Diagnose macht. Es gibt dir das Gefühl nicht mehr klar denken zu können. Besonders wenn du mit all den Nebeneffekten der Chemo umgehen musst, selbst wenn du von ihnen allen in einem Buch gelesen hast, fragst du dich immer noch, ob das so sein muss, ob die Chemo so funktioniert, wie sie soll. Ob es Kopfschmerzen sind, eine wunder Hals oder einfach nur eine Erkältung – du fragst dich immer, was es zu bedeuten hat, ob der Krebs weniger geworden ist oder schlimmer.

Ich hoffe so sehr, dass du dich nicht zu sehr vor den Kopf gestoßen fühltest, wenn du mich als Krankenschwester wegen solcher Symptome befragt hast und ich nur sagte, du solltest dir keine Sorgen machen. Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, warum du immer so skeptisch warst. Immer hast du dich gefragt, ob wir irgendetwas über deine Diagnose wissen, das du nicht weißt. Wir sprachen mit dir über Prozentzahlen und Statistiken, dass jeder Krebs anders ist … aber gibt es vielleicht noch mehr zu wissen? Gibt es etwas, was sie dir nicht sagen, was sie glauben, du könntest es nicht ertragen?

Rational betrachtet kenne ich die Antwort auf diese Frage und doch frage ich mich dasselbe.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie verwirrend all die Optionen tatsächlich sind. Immer wieder mussten dich vor die Wahl stellen, diese Behandlung oder jene? Ich habe mein Bestes gegeben, um dir die Optionen zu erklären, doch mehr Optionen bedeuteten meist nur mehr Verwirrung. Du wolltest in deine Behandlung involviert sein, doch oft war der Stress der Entscheidungen trotzdem zu viel.

Du hast um meinen Rat gebettelt, mich gefragt, was ich an deiner Stelle tun würde. Was habe ich diese Frage gehasst! Jetzt verstehe ich sie.

Ich habe nicht verstanden, wie hart es sein kann, Hilfe anzunehmen. Besonders von den Müttern. Diese Hilfe warst du einfach nicht gewöhnt, doch jetzt brauchtest du sie. Du hast dich nicht getraut zuzugeben, dass du nicht wüsstest, wie durch die ersten Monate hättest kommen sollen, ohne all das Essen, die Grußkarten, die Unterstützung und all die andere Hilfe. Du fühltest dich gedemütigt von dieser Welle der Unterstützung und hofftest nur, dass du umgekehrt das Gleiche für sie getan hättest. Du fragst dich noch immer, ob du oft genug Danke gesagt hast und ob du eine Möglichkeit verpasst hast, etwas zurückzugeben.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe die Stimmungsschwankungen nicht verstanden. An einem Tag fühlst du dich so stark, als könntest du jedes Problem lösen, die ganze Welt erobern. Und ohne ersichtlichen Grund bist du am nächsten Tag sicher, dass deine Geschichte eine von denen sein wird, die nicht gut enden. Deine Stimmungen wechseln ohne Vorwarnung. Absolut alles kann einen Wechsel auslösen.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie viel Zeit deines Lebens dir der Krebs nimmt. Ich habe immer Phrasen benutzt wie „Krebs ist wie ein zweiter Vollzeitjob“ oder „Das Leben hört nicht auf weil du Krebs hast“, wenn ich dich darauf vorbereiten wollte, was auf dich zukommt. Jetzt verstehe ich, wie leer diese Phrasen waren.

Der Krebs hat alles an sich gerissen, du hattest keine Chance mehr, Dinge zu tun, die du liebst. Du musstest Pläne canceln, du hast bei Dingen gefehlt, die dir wichtig waren. Der Krebs war einfach nirgendwo eingeplant – allein schon das sorgt für ganz viel Trauer.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie seltsam es ist, wenn dein Körper sich so schnell verändert. Du hast vor dem Spiegel gestanden und dich selbst voller Unglauben angesehen. Vielleicht war es eine starke Schwellung, vielleicht waren es Narben, vielleicht waren es ausgefallene Haare, vielleicht verloren Kilos, die schmolzen, obwohl du so viel wie irgend möglich gegessen hast.

Es ist hart – deine Identität ist so viel mehr mit deinem Aussehen verknüpft als du es dir eingestehen magst und all diese Veränderungen macht dir überdeutlich klar, wogegen du ankämpfst. Du wolltest dich einfach nur wie du selbst fühlen.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie weh es tut, ausgeschlossen zu werden. Plötzlich luden dich die Leute nicht mehr ein. Sie trauten sich nicht mehr, mit dir über alltägliche Probleme zu sprechen. Sie verhielten sich anders dir gegenüber und das hat dich verletzt. Du machst ihnen nicht wirklich Vorwürfe – du hast dich ähnlich verhalten, wenn andere traumatische Ereignisse erlebten – und du wolltest ja tatsächlich nicht auf einen Drink ausgehen. Und trotzdem sehntest du dich nach Normalität.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, wie schuldig man sich fühlt. Besonders die, die verheiratet sind. Es kommt dir so unfair vor, dass dein Ehepartner so viel Mühe auf sich nehmen mussL; dich aufbauen, dir helfen ruhig zu bleiben, zuhause das doppelte Pensum an Arbeit stemmen.

Du hast verstanden, dass jeder bei der Hochzeit verspricht „in Gesundheit und Krankheit – und doch dachtest du, dass dein Partner das nicht verdient hat. Du warst so dankbar, wenn dein Partner sagte „Geh und ruh dich aus, ich spiele mit den Kindern“ – und doch konntest du nicht anders, als zu denken „Ist das ein Ausblick auf ihre Zukunft ohne mich?“, als du sie im Nebenzimmer spielen hörtest.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Ich habe nicht verstanden, dass es niemals endet. Niemals. Ich habe dir immer gesagt, dass Krebs nur eine Phase deines Lebens sein wird, so wie die Schulzeit oder ähnliches. Es fühlt sich ewig an, wenn du drin steckst, aber dann ist es vorbei und wird nur noch zu einer Erinnerung. Es tut mir leid, ich wollte nichts kleinreden. Krebs ist keine Phase. Ja, die Behandlungen sidn Phasen und irgendwann werden sie abgeschlossen sein, doch der Krebs wird dich verändert haben. Die Sorgen hören niemals auf, die Angst davor, dass er zurückkommen könnte, die Angst davor, dass es doch noch ein böses Ende gibt. Und Zeit ist von jetzt an so kostbar.

Es tut mir leid. Ich habe es nicht verstanden.

Lindsay vertraut darauf, dass sie wieder gesund werden wird.
Lindsay vertraut darauf, dass sie wieder gesund werden wird.
Foto: herecomesthesun927.com

Ich muss gestehen, ich hatte vielleicht einen etwas leichteren Start als du. Ich verstehe die medizinische Sprache, ich kenne die richtigen Leute, ich arbeite, wo mein Krebs behandelt wird – es ist komfortabler für mich. Ich habe so viele Menschen wie dich hier durchmarschieren sehen, mit einem tapferen Gesicht und Entschlossenheit – ohne irgendetwas über deinen Krebs zu wissen, außer, dass du ihn nie haben wolltest.

Du warst immer meine Inspiration, mein Antrieb und ich liebe jeden einzelnen von euch. Nichts macht mich glücklicher als euch zu sehen, wenn ihre eure Ziele erreicht und euch langsam wieder zusammensetzen könnt. Ich liebe es, wenn wir Briefe oder Besuche bekommen, von jenen von euch, die schon ein paar Jahre raus sind und denen es gut geht – das ist Balsam für die Seelen von Krankenschwestern der Krebsstation.

Auch wenn wir Gesundheits-Arbeiter nicht wirklich wissen, wie es ist, du zu sein (ok, wir), es ist ok. Niemand weiß das. Ich hoffe einfach, dass ich dir trotzdem ein wenig Hoffnung geben konnte und Kraft, um die Krebs-Behandlung durchzustehen. Selbst wenn ich es nicht verstanden habe.

Alles Liebe,
Lindsay
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Liebe Lindsay, wir wünschen Dir von Herzen, dass du den Krebs besiegen kannst und dich bald wieder ganz gesund um deine Patienten kümmern kannst!

Teile diese starken Brief, wenn auch du jemanden kennst, der mit dem Krebs kämpft und etwas Mut und Hoffnung gebrauchen könnte!

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