Lebe lieber unperfekt

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Lebe lieber unperfekt
Foto: Thinkstock

Psycho-Tipps für ein entspannteres Leben

Auf der Suche nach dem Traumkörper, Traumjob und Traummann? Das ist ganz schön anstrengend. Wir verraten Ihnen, warum Improvisieren das neue Verbessern ist. Und Durchschlängeln viel leichter zum Ziel führt.

Gefühl des Scheiterns

Jeder kennt diese drängenden Gedanken. Sie beginnen mit: „Ich müsste dringend.“ Für das Ende des Satzes gibt es zig Varianten: Etwa Diät halten, mich im Job mehr engagieren , mehr Zeit für den Liebsten haben, mehr Sport machen, kurz gefasst: „Ich müsste dringend besser sein.“ Kaum gedacht und dann ist es da auch schon wieder, das bedrückende Gefühl des Scheiterns und die hämmernde Message im Kopf: „Ich bin eine Niete.“

Die besten Strategien aus der Perfektionismusfalle sehen Sie in der Galerie (8 Bilder):

Und dann soll man locker darüberstehen, dass die ohnehin so schöne Kollegin befördert wird oder die Freundin um die Welt tourt ? Obendrein sieht man auf Facebook jeden Tag, dass sich andere attraktiver, erfolgreicher darstellen. Das macht es nicht besser.

Fehlt nur noch, dass die Eltern das Monatsgehalt als „mickrig“ einstufen oder die Freundin besorgt fragt, ob man zugenommen habe. Im Internet lauern Motivationsseminare, im Buchladen Selbstverbesserungsratgeber. Und alles zusammen hat nur eine Botschaft: Du musst perfekter werden! Streng dich an! Aber ist es wirklich das, was glücklich macht?

Der Traum vom Wunsch-Ich

Eigentlich wissen wir es ganz genau: Das perfekte Leben gibt es nicht. Warum wollen wir uns trotzdem ständig optimieren? Streben nach dem cooleren Job, suchen den Bilderbuchmann, mühen uns um drei Kilo weniger? Irgendwie könnte alles noch einen Tick besser sein. Glauben wir. Das ist aber in erster Linie eins: wahnsinnig anstrengend.

Schuld ist eine ziemlich unrealistische Vorstellung: das „Wunsch-Ich“, erklärt Rebecca Niazi-Shahabi in ihrem Bestseller „Ich bleib so scheiße wie ich bin“. Dieses Wunsch-Ich verdirbt uns die Gegenwart, es macht unzufrieden. Niazi-Shahabi rät: „Hören Sie auf, sich das Märchen von Ihrem besseren Selbst einzureden.“ Der erste Schritt: den Blick auf die Dinge lenken, die gut laufen. Statt einer Mängelliste eine Erfolgsbilanz ziehen.

Vom Finden der Liebe

Auch die Liebe steht unter Verbesserungsdruck . Daran arbeiten alle möglichen Küchenpsychologen. Die Partnersuche ist längst zu einen psychologischen Drahtseilakt geworden . Schon bevor wir mit der Suche beginnen, bauen wir uns die erste hohe Anspruchshürde auf: Wer eine gute Beziehung will, muss erst einmal mit sich selbst glücklich werden, heißt ein Klischee.

Expertin Niazi-Shahabi hält das für Quatsch: „Diese paradoxe Prüfung bringt uns einen Haufen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle ein – aber keinen Partner“, kritisiert sie. Vor lauter Hindernissen, die wir überwinden müssen auf dem Weg zur echten Liebe, vergessen wir das Wichtigste: Unser aller Bedürfnis, geliebt zu werden. Jetzt. Bedingungslos.

Liebe ist Zufall

„Leider können wir das nicht immer von unseren Mitmenschen bekommen. Und weil wir diese schlichte Wahrheit nicht ertragen, verkomplizieren wir die Zusammenhänge“, sagt Niazi-Shahabi. Also suchen wir nach Ursachen, die es gar nicht gibt, gehen zum Psychologen, versuchen, uns im Meditationskurs zu finden oder im Fitnessstudio zu verschönern. Dabei ist vielleicht der Richtige im Moment nur nicht vorbeigekommen. Denn Liebe hat ja auch immer etwas mit Zufall zu tun.

Oder sie wird durch viel zu hohe Ansprüche verhindert. Die befeuert etwa das Internet, indem es uns die Illusion von der unendlichen Auswahl vorgaukelt. Hinter jedem weiteren Profil könnte jemand stecken, der noch besser zu einem passt. Niazi-Shahabi kritisiert, dass in der virtuellen Welt die Liebe zu einem „knallharten Geschäft“ verkomme.

„Niemand ist mehr zufrieden, weil er seinen Partner ständig mit einem anderen potenziellen Partner vergleicht.“ Ihr Tipp: nicht zu viele Kandidaten prüfen, lieber wenige und die dann genauer. Und vielleicht entpuppt sich ja auch der Durchschnittsmann als der Richtige. Man müsste eben genauer hinsehen und so der Liebe eine realistische Chance geben.

Der falsche Ehrgeiz

Es zieht sich wie ein roter Faden durch unser Berufsleben: Schon in der Schule wurden wir darauf getrimmt, an unseren Schwächen zu arbeiten. Unsere Stärken vernachlässigen wir dabei. So wird das, was wir am besten können, am wenigsten gefördert. Kein Wunder, wenn wir uns schließlich falsche Ziele stecken und ungeliebte Arbeit tun.

„Seien Sie Weltmeister in einer Sache, statt Regionalliga in vielen Disziplinen“, rät Führungskräfte-Coach Dorothee Echter. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Talente und blenden Sie Defizite aus. Wer Niederlagen für Pech hält und gute Ergebnisse seinem Können zuschreibt, ist ohnehin erfolgreicher im Job . Mit drei Fragen finden Sie heraus, ob Sie falscher Ehrgeiz antreibt:

Drei wichtige Fragen

Was ist mein wahres Ziel? Was wollen Sie mit Ihren Anstrengungen erreichen? Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Manchmal ist ein hochgestecktes Ziel schlicht Selbstbetrug. Ein Vorsatz wie: ‚Ich höre mit dem Rauchen auf, wenn ich zehn Kilo abgenommen habe‘, schiebt das Ziel in eine ferne, nahezu unerreichbare Zukunft und schützt vor Enttäuschungen.

Mache ich wirklich mein Ding? Arbeite ich mehr, weil es andere von mir erwarten? Möchte ich meinen Eltern oder dem Partner etwas beweisen? Sobald Sie vor allem den anderen gefallen möchten, sollten Sie dringend etwas ändern.

Was mache ich, wenn ich mein Ziel erreicht habe? Alter Spruch, aber er stimmt: Der Weg ist das Ziel. Wenn das, was Sie tun, Spaß macht, ist das Ergebnis nicht mehr so wichtig. Außerdem finden sie bestimmt ein neues Ziel.

Durchwursteln verspricht Erfolg

Früher galt der konkrete Lebensplan als erstrebenswert, heute empfehlen internationale Psychologen, Soziologen und Wirtschaftsexperten einstimmig das „muddling through“, das Durchwursteln also. Der Trend kommt aus den USA und seine Vertreter plädieren dafür, sich viele Optionen offenzuhalten, statt stur einen Weg zu verfolgen, egal ob im Privaten oder im Beruflichen.

Dadurch ergeben sich viel mehr Zwischenlösungen oder man stößt auf Alternativen, die vielleicht sogar noch besser sind als das eigentliche Ziel. „Die Kunst des Durchschlängelns besteht darin, das Beste aus dem zu machen, was man hat, ohne zu vergessen, wohin man will“, erklärt die Psychologin Dr. Ilona Bürgel. Menschen, die sich durchschlängeln, sind immer offen für Neues und fürchten nicht den Wandel.

Offen für Überraschungen

Ihre Flexibilität verhindert, dass sie sich selbst fertigmachen, wenn etwas nicht strikt nach Plan läuft. Bestes Beispiel sind die aktuellen Serienfrauen , die Heldinnen des „muddling through“ im TV. „Das alte Soap-Märchen vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan ist heute nicht mehr gefragt“, erklärt Niazi-Shahabi. Der durchgestylte, geradlinige Typ, der gnadenlos seinen Weg geht, ist out.

Eher fühlen wir uns mit Sitcom-Figuren wie Jess aus „New Girl“ verbunden, die lässt kein Fettnäpfchen aus und will erklärtermaßen gar nicht perfekt sein. Sie ist offen für jede Überraschung und Veränderung im Leben. Dabei weiß sie zwar nicht immer so ganz genau, wohin sie will. Hat aber auf jeden Fall eines: jede Menge Spaß.

„Fragen sie sich: Wofür lebe ich?“

Dr. Rebekka Reinhard ist Philosophin und Autorin des Bestsellers „Die Sinn-Diät“ über Wege zur Gelassenheit

JOY: Warum schlittern wir Frauen immer wieder in die Perfektionismusfalle?

Dr. Rebekka Reinhard: Im Gegensatz zu den Männern glauben wir Frauen, dass wir mehr geliebt und anerkannt werden, wenn wir überall perfekt sind. Das Problem ist nur: Perfektion ist ein Ideal, keine Realität. Es gibt keine Frau, die perfekte Mutter, perfekte Karrieristin und perfekte Köchin in einem ist – und dafür auch noch perfekt geliebt wird.

Wollen wir mit diesem Selbstoptimierungsdrang eigentlich uns selbst oder vielmehr unserer Umwelt gerecht werden?

Es ist eine Mischung aus beidem. Selbstoptimierung hilft, uns von Selbstzweifeln abzulenken, und verschafft uns den Eindruck, wir seien auf dem Weg zu einem glücklichen, gelingenden Leben. Aber je mehr wir um uns selbst kreisen, desto unglücklicher werden wir – und desto mehr gehen wir auch unserer Umwelt auf die Nerven.

Menschen mit Ecken und Kanten, die auch mal Schwächen zeigen, sind uns nachweislich sympathischer als Perfektionisten. Weshalb wollen wir selbst aber krampfhaft nicht so sein?

Wir leben ständig im Ungewissen. Weder der Job noch der Partner sind für immer sicher. Perfektionswahn ist immer auch der Versuch, Ängste in den Griff zu bekommen. Wer sich zum Beispiel mit viel Sport die perfekte Figur erkämpft hat, erlebt das befriedigende Gefühl der Kontrolle.

Wie könnte man denn gelassener mit seinen Schwächen umgehen?

Das beste philosophische „Heilmittel“ gegen übersteigerten Perfektionismus besteht darin, sich ab und zu zu fragen: „Wofür lebe ich?“ Wenn Sie das tun, werden Sie schnell merken, dass es weitaus Wichtigeres als das allseitige Optimum gibt. Vielmehr kommt es darauf an, die eigene Liebesfähigkeit sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln, als mit verkniffenem Mund durch die Gegend zu laufen. Davon bekommt man sowieso nur Falten!

Frauen zwischen 25 und 35 verspüren jede Menge Druck. Man muss sich im Job etablieren, den Mann fürs Leben finden und die Kinderfrage klären. Wie finde ich ein Ventil für diese Überforderung?

Prioritäten setzen! Nicht an den eigenen Gedanken, Vorstellungen und Wünschen kleben bleiben, sondern sich dem widmen, worauf es wirklich ankommt. Und das ist: Für eine Sache Verantwortung übernehmen – und dazu stehen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich (ehrenamtlich) zu engagieren, Gutes zu tun. Diese Art von Engagement bewirkt fast immer einen heilsamen Perspektivwechsel – und plötzlich ist klar, was man tun „muss“ und was nicht.

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