Leben, Lieben, Vergessen: Alzheimer mit 40

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So schön und vital sah Yvonne Herber im Jahr 2004 aus. Sechs Jahre nach dieser Aufnahme erhielt sie die Diagnose Alzheimer.
Foto: privat

Tapfere Liebe: Wie ein Mann seine Frau bis zum Ende begleitet

Hans Jürgen Herber schildert, wie Alzheimer seine Frau verändert hat

Liebe kann manchmal bedeuten, dass wir die Menschen, die uns am wichtigsten sind, in ihren dunkelsten Momenten begleiten und unterstützen müssen. Manchmal werden diese Menschen uns durch eine Krankheit genommen. So wie hier: Hans Jürgen Herber aus Frankfurt hat seine Ehefrau Yvonne an die Krankheit Alzheimer verloren. Yvonne erkrankte, da war sie gerade 40 Jahre alt. Ausgelöst wurde die Krankheit durch einen seltenen Gendefekt. Die Diagnose erhielt sie 2010, im Februar 2015 starb sie.

Hans Herber hat seinen Weg mit Yvonne in einem Buch aufgeschrieben: Der lange Abschied . Von ihrer ersten Begegnung über die verzweifelten Momente von Hilflosigkeit in den schlimmsten Phasen der Krankheit bis hin zum plötzlichen Tod beschreibt er, was die Angehörigen erleben, wenn der Alzheimer das Gehirn eines Menschen zerstört.

Yvonne und Hans Herber haben zusammen ein Kind bekommen, ein Haus gebaut, ein kurzes gemeinsames Leben voller Freude, begleitet von vielen Freunden erlebt. Dieses Buch ist für Hans Herber ein weiterer Schritt auf dem Weg des Abschiednehmens von einem Menschen, der viel zu früh gehen musste.

Wir möchten hier einige Passagen aus dem Buch vorstellen …

Liebe

Hans Herber erzählt ...

"Die standesamtliche Hochzeit zelebrieren wir ganz klassisch im barocken Bolongpalast in Höchst, danach geht es in voller Besetzung zurück zu unserem Haus in der Herrenwiese. Jeder, der in unserem Umkreis, in unser aller Leben je eine Rolle gespielt hat, ist eingeladen: die alte Clique, Schulfreunde, Verwandte, Freunde, Weggefährten und -gefährtinnen. Und fast alle kommen! Es wird ein geniales Fest, eine unvergessene Party.

Irgendwann, es sind vielleicht ein, zwei Jahre ins Land gegangen und Yvonne geht es ausgezeichnet, regt sich in mir doch ganz deutlich der Wunsch nach einem Kind . Ich bin Anfang dreißig, ich fühle mich erwachsen und angekommen in meinem eigenen Leben. Und ich habe die richtige Frau an meiner Seite…

Der Moment, in dem ich Marc als kleines, frischgeborenes Wesen in den Arm gelegt bekomme – ein zierliches, blutverschmiertes Bündel Mensch -, dieser Moment ist der wohl bewegendste in meinem Leben.

Erste Anzeichen

Gerade als ich wieder in der Spur bin und der Familie insgeheim meine Treue schwöre, dreht sich der Wind und bläst aus einer ganz anderen Richtung: mein alltägliches Leben mit Yvonne läuft nicht mehr rund, es beginnt zu haken und zu klappern wie ein rostiges Getriebe. Diesmal ist es nicht das Fehlen von Zärtlichkeit und Lust, guten Worten und Zusammenhalt. Alles ist gut, alles ist noch oder wieder da; im Grunde fehlt es unserer Beziehung an nichts. Nur bei Yvonne scheint sich langsam, aber sicher etwas Unerklärliches zu verändern.

Der Schreibtisch zu Hause ist Yvonnes Hoheitsgebiet, aber er gerät mehr und mehr außer Kontrolle; vollgetürmt mit Unerledigtem aller Art stapeln sich dort Rechnungen, Behördenkram, Versicherungsschreiben. Vieles bleibt unerledigt. Mitunter sitzt Yvonne abwesend dort, spielt am PC und schläft darüber ein. Das Chaos im heimischen Büro und auf dem Schreibtisch im Besonderen entwickelt sich zum neuralgischen Punkt zwischen uns. Ich verliere langsam die Nerven, das Vertrauen in ihr Engagement. Zahlungsaufforderungen und Mahnungen sind an der Tagesordnung, das Finanzamt droht. Ich fange an, wegen allem nachzufragen, alles nachzukontrollieren. Yvonne reagiert zunehmend gereizter – und scheint immer fahriger zu werden.

Diagnose

Die erste Vermutung, dass Yvonne einfach nur einen Burnout hat, begleitet von einer Depression und vorübergehenden kognitiven Leistungseinbußen erscheint auch den behandelnden Ärzten irgendwann als unbefriedigend; Zwar schlagen die Antidepressiva an und auch Yvonnes Vitalität meldet sich schrittweise zurück, doch die immer noch vorhandenen Störungen der Merkfähigkeiten geben den Medizinern Rätsel auf …

Als der behandelnde Arzt und die neue Diagnose mitteilt, sind wir auf einiges gefasst, aber nicht auf das; Yvonne ist sprachlos und geschockt: Alzheimer . Was wir für eine Senke hielten, ist in Wahrheit ein schwarzes Loch ohne Boden. Es ist der Schrecken schlechthin.

Krankheit

Manchmal, wenn wir als Erwachsene zusammensitzen, reden und intensiver bei einem Thema verweilen, kann man mitunter bei Yvonne eine Veränderung feststellen. Es ist – wie schon im letzten Italienurlaub – eine Art stummer Rückzug, ein Insichkehren bei ihr zu beobachten. Yvonne schweigt, klinkt sich aus dem Gespräch aus, wahrscheinlich verliert sie einfach die inhaltliche Orientierung, der „rote Faden“ reißt ab. Sie weiß ab irgendeinem Punkt offensichtlich nicht mehr, wovon wir eigentlich reden.

Dann folgt der zweite Akt des Dramas, eine ihrer Suchphasen: Wie manisch beginnt sie, Schubladen und Schränke aufzureißen und durchzuwühlen auf der fieberhaften Fahndung nach einem verlorenen Gegenstand: einer Bürste, einem Foto, einem Lippenstift. Es hat etwas Verzweifeltes – oft habe ich den Eindruck, sie sucht um des Suchens willen, nach irgendetwas Imaginärem. Je länger Yvonne sucht, umso hektischer und zielloser wird das ganze Tun, das „Objekt“ bleibt unauffindbar und die ganze Aktion endet vorhersagbar in Tränen und Verzweiflung.

Tod

Gegen Ende des Jahres 2012 verschlechtert sich Yvonnes Zustand dramatisch. Mit einem Mal ist das Wissen, dass Alzheimer unheilbar ist, dass Yvonne sterben wird an dieser rätselhaften Krankheit, keine Theorie aus dem Lehrbuch, keine trockene Diagnose mehr: Die Hilflosigkeit, in die Yvonne jetzt abrutscht, ihre geistige Abwesenheit, körperliche Schwäche und der völlige Kontrollverlust auch über die einfachsten motorischen Fähigkeiten wie Essen, Kauen und Schlucken sind eklatant.

Yvonnes Tod kommt ohne jede Ankündigung und überrascht uns alle. Sie stirbt am 20. Januar 2015, vermutlich in den frühen Morgenstunden. Als ich von ihrem Tod erfahre, fühlt es sich an, wie ein trockener Schlag. Als würde mir jemand einen Holzstab auf dem Schädel zerschlagen – und noch bevor du benommen in den Sessel sinkst, hast du diesen kurzen, tauben Moment von schmerzfreier Verwunderung …"

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Die ganze Geschichte von Yvonne und Hans Jürgen Herber ist in diesem Buch zu lesen: Der lange Abschied - Als meine Frau mit 40 an Alzheimer erkrankte

Hans Jürgen Herber erzählt darin mutig und mit entwaffnender Offenheit, was es bedeutet, seine junge Frau und die Mutter seines Sohnes nach und nach an Alzheimer zu verlieren. Er beschreibt eine Beziehungsreise, die berühren, aber auch irritieren oder gar provozieren mag. Vielleicht macht sie auch Mut, nach ungewöhnlichen Lösungen zu suchen.

ISBN: 978-3-8436-0625-7 | Patmos Verlag

Weiterlesen:

Berührende Video-Dokumentation über eine Ehe nach der Diagnose Alzheimer

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