Leben mit Asthma - auf die Kontrolle kommt es an

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Foto: djd (deutsche journalisten dienste)

Experten-Interview

Der WUNDERWEIB-Experte für Pneumologie und Allergologie: Prof. Dr. med. Winfried Randerath

Prof. Dr. med. Winfried Randerath ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Bethanien, Klinik für Pneumologie und Allergologie in Solingen. Außerdem ist er Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für Pneumologie an der Universität Witten/Herdecke.

Im großen WUNDERWEIB-Interview erläutert der Experte, worauf es bei einem Leben mit Asthma genau ankommt und erklärt, wie wichtig eine gute und regelmäßige Kontrolle von Asthma und Asthma-Symptomen ist.

Immer mehr Menschen klagen über Heuschnupfen. Die sogenannte allergische Rhinitis ist die am häufigsten auftretende Allergie. Woran liegt das und wer ist betroffen?

Prof. Randerath: Von Allergien kann jeder betroffen sein. Allerdings ist das Risiko höher, wenn in der Familie bereits Allergien vorliegen. Auch unser westlicher Lebensstil, bei dem Kinder häufig in einer sterilen Umgebung aufwachsen und kaum Kontakt zu Tieren haben, und die in unseren Breitengraden üblichen intensiven hygienischen Maßnahmen begünstigen die Entwicklung von Allergien. Durch weltweite Reisen eingeschleppte neue Pflanzen wie beispielsweise Ambrosia spielen ebenso eine Rolle wie der Klimawandel, der die Pollensaison früher beginnen und länger andauern lässt.

Untersuchungen zeigen, dass ein bislang unterschätzter Zusammenhang zwischen Heuschnupfen und Asthma besteht. Worauf beruht dieses Zusammenspiel?

Prof. Randerath: Man geht heute davon aus, dass Asthma und Heuschnupfen unterschiedliche Erscheinungsformen derselben Atemwegserkrankung sind, die lange Zeit getrennt betrachtet wurden. Für die Nase war der HNO-Arzt, für die Bronchien der Lungenfacharzt zuständig. Doch heute weiß man: Obwohl beim Heuschnupfen die oberen und beim Asthma die unteren Atemwege betroffen sind, liegen beiden Erkrankungen die gleichen entzündlichen Prozesse zugrunde. Aus einem Heuschnupfen kann sich ein Asthma entwickeln. Daher sollte man sich auch bei einem scheinbar harmlosen Heuschnupfen von einem Allergologen untersuchen lassen.

Woran merken Patienten, ob sie Heuschnupfen oder Asthma-Symptome haben?

Prof. Randerath: Die klassische allergische Rhinokonjunktivitis (Heuschnupfen) geht in bestimmten Monaten mit Symptomen wie juckenden Augen, laufender Nase und Niesreiz einher. Asthma dagegen ist eine chronische Erkrankung, bei der in der Regel ganzjährig Symptome auftreten, die sich bei vielen Patienten allerdings in Allergiemonaten verstärken können. Die Begleiterscheinungen sind Atemnot und Husten. Häufig treten Atembeschwerden in der Nacht auf, wenn die Atemwege enger gestellt sind als tagsüber.

Wie kann man vermeiden, dass sich aus Heuschnupfen Asthma entwickelt?

Prof. Randerath: Ob sich das wirklich vermeiden lässt, ist nicht sicher geklärt. Wichtig ist jedoch, den Heuschnupfen frühzeitig und richtig zu behandeln.

Was kann passieren, wenn Asthma nicht wirksam behandelt wird?

Prof. Randerath: Wird Asthma auf lange Sicht nicht wirksam behandelt, kann es zu dauerhaften Einschränkungen der Lungenfunktion kommen. Ein Teil des Lungengewebes verliert seine Funktionsfähigkeit und eine sogenannte chronisch obstruktive Bronchitis bildet sich aus, die die Atemwege permanent verengt und die Leistungsfähigkeit einschränkt.

Wie wird Asthma behandelt? Behandelt man das ganze Jahr über oder nur im akuten Anfall?

Prof. Randerath: Eine Grundregel lautet: Die Asthmabehandlung darf sich niemals auf die Behandlung der akuten Atemnot alleine beschränken. Heutzutage gibt es eine breite Palette von Medikamenten, mit denen sich die Erkrankung häufig so gut kontrollieren lässt, dass die Betroffenen kaum Einschränkungen im Alltag haben. Die Behandlung sollte immer aus zwei Komponenten bestehen: Aus einem sogenannten "Reliever" - einem Notfallmedikament, das eine akute Atemnot schnell beseitigen kann - und einem "Controller", der die Entzündung in den Atemwegen langfristig unterdrückt. Der Reliever ist ein Wirkstoff, der die Bronchien erweitert und die Verkrampfung löst. Entzündungshemmende Medikamente, wie z. B. kortisonhaltige Substanzen und sogenannte Leukotrien-Antagonisten, bekämpfen langfristig die Entzündung in den Atemwegen und tragen so dazu bei, die Beschwerden dauerhaft unter Kontrolle zu bekommen.

Es gibt eine Impftablette gegen Heuschnupfen - kann man damit auch Asthma vorbeugen?

Prof. Randerath: Bislang gehen die Expertenmeinungen, wie die Impftablette überhaupt zu bewerten ist, noch weit auseinander. Die Hyposensibilisierung durch eine Spritzenbehandlung unter die Haut, eine sogenannte subkutane Anwendung, hat sich hingegen sehr gut bewährt. Wenn eine gute Diagnosestellung vorausgeht, ist sie sehr wirksam und kann möglicherweise auch das Risiko für die Entwicklung von Asthma senken.

Was ist ein Leukotrien-Antagonist und wie wirkt er?

Prof. Randerath: Der Leukotrien-Antagonist Montelukast blockiert bestimmte Botenstoffe der asthmatischen Entzündung, die sogenannten Leukotriene, und sorgt dafür, dass diese keinen Schaden mehr anrichten können. So wird die Entzündung eingedämmt. Das Medikament wird bei Asthma einmal täglich als Tablette zusätzlich zur Kortison-Dauertherapie eingesetzt und kann eine Verbesserung der Asthmabeschwerden und eine Reduzierung der Kortisondosis ermöglichen. Bei Patienten, die unter einem Belastungsasthma leiden, kann die alleinige Behandlung mit einem Leukotrien-Antagonisten ausreichend sein.

Viele Medikamente gegen Heuschnupfen machen müde - mit welchen Nebenwirkungen muss man bei der Asthmabehandlung rechnen?

Prof. Randerath: Müdigkeit gehört nicht zu den gängigen Nebenwirkungen der Asthmamedikamente. Bei entzündungshemmenden Kortisonsprays muss man auf die richtige Anwendung achten. Heiserkeit, Pilzbefall im Mund und Reizungen im Halsbereich sind mögliche, aber meist vermeidbare Begleiterscheinungen. Bei Leukotrien-Antagonisten wurden keine nennenswerten Nebenwirkungen festgestellt. Brochienerweiternde Notfallsprays können zu Herzrasen, innerer Unruhe, Herzrhythmusstörungen und erhöhtem Blutdruck führen, vor allem wenn sie zu hoch dosiert werden.

Nicht selten sind schon Kinder von Asthma betroffen. Kann Asthma im Kindesalter auch wieder verschwinden?

Prof. Randerath: Asthma sollte auch im Kindesalter ernst genommen und entsprechend behandelt werden. Natürlich gibt es unterschiedlich schwere Verlaufsformen. Im Kleinkindalter besteht eine gewisse Aussicht, dass das Asthma wieder verschwindet. Viele Kinder behalten die Beschwerden jedoch bei. Mitunter ist ein Rückgang in der Pubertät zu beobachten, allerdings kann die Erkrankung zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückkehren. In diesen Fällen muss man von beschwerdefreien Intervallen ausgehen, die von Patienten immer wieder beschrieben werden. Die Bereitschaft der Bronchien, überempfindlich zu reagieren und eine Entzündung zu entwickeln, bleibt jedoch lebenslang erhalten.

Häufig wird Asthma durch Sport schlimmer. Sollte man besser darauf verzichten? Oder gibt es Sportarten, die für Asthmatiker gut geeignet sind?

Prof. Randerath: Werden Asthmasymptome durch Sport ausgelöst, ist das praktisch immer ein deutliches Anzeichen für eine unzureichende Behandlung. Daher ist eine antientzündliche Dauertherapie auch hier die angemessene Therapie. Auf keinen Fall sollte deshalb auf körperliche Aktivität verzichtet werden. Ein bronchienerweiterndes Spray, das ca. 10-15 Minuten vor dem Sport angewendet werden sollte, kann Asthmaanfälle verhindern. Bei Kindern, die ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgeben, ist das in aller Regel jedoch keine praktikable Lösung - diese benötigen einen umfassenden Schutz. Dauerhaft über 24 Stunden schützt z. B. der Leukotrien-Antagonist Montelukast. Bei der Wahl der Sportart sind Wintersportarten, bei denen die Atemwege kalter Luft ausgesetzt werden, ebenso wie Schwimmen in stark gechlortem Wasser, das die Entzündung der Schleimhäute begünstigen kann, weniger zu empfehlen.

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