Depressionen Lebenskrisen: Warum es wichtig ist, WIE wir sie meistern

Wer unter einer Lebenskrise und Depressionen leidet, braucht schnelle Hilfe.
Wer unter einer Lebenskrise und Depressionen leidet, braucht schnelle Hilfe.
Foto: iStock

Wie kann ich schwere Lebenskrisen überstehen? Wie kann ich weitermachen, wenn das Leben sich plötzlich bleischwer anfühlt und irgendwie nichts mehr geht? Wer unter Depressionen leidet und in einer Lebenskrise steckt, braucht schnelle Hilfe. Gesa Schramme hat dafür die Selbsthilfe-App humly entwickelt. Hier berichtet sie davon, wie die Tiefen ihres Lebens sie dazu gebracht haben.

»Oft habe ich mich gefragt: Wie soll ich das alles bewältigen?«

"In der Regel stehe ich morgens auf und freue mich darauf, in den Tag zu starten. Aber es gab in der Vergangenheit und gibt auch heute immer wieder Phasen, in denen das ganz anders ist. Phasen, in denen ich mich vor lauter Herausforderungen und Verpflichtungen am liebsten im Bett verkriechen, die Augen schließen und einfach warten würde, bis der innere Sturm vorbeigezogen ist. Wir alle geraten in unserem Leben immer wieder in Situationen, in denen wir das Gefühl haben, dass die Dinge außer Kontrolle geraten. Dass uns alles über den Kopf wächst und unser Leben wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Die Frage ist dann: Wie soll ich das alles bewältigen, was kann ich tun, um mich da wieder rauszuarbeiten und vor allem wie?

Gesa Schramme ist Mit-Gründerin der Selbsthilfe-App humly.
Gesa Schramme ist Mit-Gründerin der Selbsthilfe-App humly.

Ich selbst wurde mit diesen Fragen schon früh konfrontiert: Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hannover. Meine Kindheit bestand daraus, über Felder zu laufen und Grashüpfer zu fangen – alles schien in bester Ordnung. Als ich 13 war, starb mein Vater. Mit seinem Tod endete auch meine Kindheit. In meiner Familie wurde lange nicht darüber geredet. Heute ist es anders. Wir reden darüber. Das war für uns alle ein Lernprozess. Der Verlust meines Vaters war die erste große Krise in meinem Leben, aber natürlich blieb es nicht die einzige.

»Ich habe mir eingeredet, ich müsse stark sein«

Mit Mitte zwanzig zog ich nach Berlin und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse: Neues Leben, neue Stadt und auf einmal leitete ich in einem großen Unternehmen ein Team von fünfzehn Mitarbeitern. Das war für mich damals viel Verantwortung. Dann ein schwerer Krankheitsfall in meinem engsten Familienkreis. Ich habe mir eingeredet, ich müsse mich zusammenreißen und stark sein, aber irgendwie war ich total überfordert. Während dieser Zeit bin ich definitiv an meine Grenzen gekommen und zum Teil auch darüber hinausgegangen. Letztlich habe ich es geschafft, die Notbremse zu ziehen. Aber ich weiß, dass viele diesen Moment nicht abpassen. Dass sie einfach weitermachen – sei es, um ihr Gesicht nicht zu verlieren oder um den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Ich glaube, dass das die größte Hürde ist: Offen damit umzugehen, dass es Phasen im Leben gibt, in denen man eben nicht gut funktioniert und dass man gegebenenfalls sogar Hilfe braucht, um aus der Krise herauszukommen. Und plötzlich taucht wieder die Frage auf: Wie?

Genau da liegt meines Erachtens das Problem: Man weiß oft gar nicht, wie man diese Dinge, die einen meist unangekündigt überrollen, in den Griff bekommen soll und was man tun kann, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Die meisten von uns haben es ja nicht gelernt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und natürlich geht es hier meistens nur um Schadensbegrenzung. Und so verschreiben Ärzte fleißig Antidepressiva oder sonstige Tabletten, um uns von unseren psychischen Leiden zu befreien.

Diese Unwissenheit, wie man aus emotionalen Tiefs wieder herausfindet, ist mir aber nicht nur durch meine eigene Situation bewusst geworden. Auch bei Anderen habe ich das oft beobachtet – vor allem im Job: Konflikten am Arbeitsplatz oder auch der hohen Arbeitsbelastung, der man phasenweise ausgesetzt ist, kann man nur selten entfliehen. Allerdings kann man seine Einstellung dazu und den Umgang damit beeinflussen – leicht gesagt. Was mir damals immer mehr auffiel war, dass es oft gar nicht daran liegt, sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Im Gegenteil: Viele meiner Kollegen waren sehr reflektiert. Ich glaube, dass die meisten merken, wenn sie auf ein Burnout zusteuern. Oder an Schlafstörungen leiden, weil sich das Rädchen im Kopf auch nach Feierabend immer weiter dreht. Leider ignorieren wir diese Warnsignale häufig. Wir machen einfach weiter. Alles andere gilt als Schwäche. Das ist ja das Dilemma. Man versucht durchzuhalten, weil die anderen es ja auch irgendwie schaffen. Irgendwie. Bis gar nichts mehr geht. Dass das „irgendwie“ keine Option sein kann und dass es sogar oft der Grund dafür ist, dass sich Menschen lange Zeit quälen oder sogar psychisch krank werden, hat mich lange beschäftigt. - Nur wie kann man das lösen?

Wenn man seinen Körper stärken will, geht man beispielsweise ins Fitnessstudio. Man bekommt klare Anweisungen: Diese Übung für ist gut für den Rücken, diese für den Bauch. Das Prinzip lässt sich natürlich auch auf unser Innenleben übertragen – nur ist das nicht ganz so einfach. Vor allem weil es hierzu kaum professionelle Anleitungen gibt – und wenn, dann meist nur im Praxisraum von Therapeuten. Leider haben wir in Deutschland die Situation, dass gerade dann, wenn es akut ist, mehrere Monate vergehen können, eh man einen Therapieplatz bekommt. Diese Erkenntnis war letztlich der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich gemeinsam mit drei Bekannten humly gegründet und eine psychologische Selbsthilfe-App entwickelt habe. Uns war klar: In einer Zeit, in der wir fast alle mobil unterwegs sind und unser Smartphone ständig bei uns haben, können wir psychologische Hilfe doch für jedermann zugänglich machen – auch außerhalb einer regulären Therapie. Wir haben uns also mit erfahrenen Psychologen der LMU in München zusammengesetzt und einen digitalen Psychologie-Ratgeber entwickelt.

So sieht die Selbsthilfe-App humly aus.
So sieht die Selbsthilfe-App humly aus.
 

Natürlich geht es bei uns oft darum, zuzuhören. Unsere Coaches – alle ausgebildete Psychologen – sind nicht nur telefonisch, sondern auch per Chat erreichbar, wenn man Hilfe braucht – egal, wo man gerade ist. Aber es geht nicht nur ums Zuhören. Es geht genauso darum, eine fachkundige Informationsquelle zu schaffen und Betroffenen Übungen zur Selbsthilfe an die Hand zu geben. Das Schönste für mich ist, wenn ich höre, dass die Übungen jemandem helfen wieder Freude zu empfinden, besser zu schlafen oder auch eine Paniksituation besser bewältigen zu können.

Heute weiß ich, dass man sich nicht allein durch Krisen kämpfen muss, sondern dass man mit Hilfe zur Selbsthilfe lernen kann, sie leichter zu bewältigen. Und irgendwann tritt dieser Lerneffekt ein und man begreift: „Hey, ich kann selbst was für mein Wohlbefinden tun und ich weiß auch wie.“ Allein dieses Wissen kann einem viel Kraft und Selbstsicherheit geben. Deswegen ist es in meinen Augen nicht nur wichtig, dass man aus Krisen wieder herauskommt, sondern vor allem wie."

Anmerkung der Redaktion:

Bei der Selbsthilfe-App humly handelt es sich um ein kostenpflichtiges Angebot. Zum Kennenlernen kann die App eine Woche lang kostenfrei genutzt werden. Diese beinhaltet neben dem einführenden Selbsttest und personalisierten Übungen auch ein Kennenlern-Telefonat mit dem persönlichen Coach sowie einen möglichen Austausch per Chat. Im Anschluss kann zwischen zwei Versionen der Selbsthilfe gewählt werden: der begleiteten i.H.v. 49 Euro und der unbegleiteten Version i.H.v. 9 Euro. Begleitet bedeutet, dass ein persönlicher Coach beim Bearbeiten der Übungen unterstützt, Feedback gibt und als Ansprechpartner zur Verfüfgung steht. In der unbegleiteten Version wird der personalisierte Übungsplan ohne die Unterstützung des Coaches durchgeführt.

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