Leder im Wohnbereich

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Foto: Rolf Benz

Das Naturmaterial ist stark gefragt

Leder muss sich nicht verstellen: Mal gibt sich das Naturmaterial glatt und geschmeidig, dann zeigt es seine raue, wilde Seite. Seit Urzeiten begleitet den Menschen gegerbte Tierhaut.

Anziehend ist es: Leder. Wohl niemand, der in einem Möbelgeschäft vor einem schönen Ledersofa steht, wird der Versuchung widerstehen können, seine Hand über die Oberfläche gleiten zu lassen. Fest, glatt und geschmeidig, lädt es zum Berühren geradezu ein. Der typische Lederduft schmeichelt der Nase, während die Augen das Naturmaterial nach kleinen Unregelmäßigkeiten absuchen. Keine Frage: Leder spricht die Sinne an. Gleichzeitig ist es unglaublich vielseitig und wandelbar. Während die gegerbten Tierhäute im Wohnbereich als besonders edel, zeitlos und elegant gelten, stehen sie in der Kleidung für etwas ganz anderes: Die schwarzen Lederjacken von Rockern etwa symbolisieren Rebellion und Nonkonformität, krachlederne Trachtenjoppen und -hosen dagegen Tradition und konservative Werte.

Wie wird eigentlich aus Häuten echtes Leder? Details finden Sie in der Materialkunde .

Neben Stein, Holz und Wolle gilt Leder als eines der ältesten von Menschen genutzten Materialien überhaupt. Schon die Urmenschen sollen sich mit den Fellen und Häuten erlegter Tiere gewärmt und geschützt haben. Archäologen fanden Werkzeuge, die vermuten lassen, dass die Anfänge der Gerberei in der Steinzeit liegen. Weil die Häute unbehandelt schnell verwesten, musste eine Methode gefunden werden, um sie haltbar zu machen. Rauch, Fette oder Extrakte aus Baumrinden waren die ersten bekannten Gerbmittel. Ausgrabungen in Ägypten förderten eine 5.000 Jahre alte Gerbereiwerkstatt samt Lederund Hautstücken zu Tage. Und den Sarkophag eines reichen Ägypters, der auf 2850 bis 2700 vor unserer Zeitrechnung datiert wurde, schmücken Szenen mit Gerbern bei der Arbeit.

Zur Zeit des Römischen Reichs wurden neue, bessere Wege zum Konservieren von Leder entwickelt: Das wurde für Alltagsgegenstände und die Ausrüstung der Legionäre verwendet, die u. a. Sandalen und lederne Kappen trugen. Der Weltreisende Marco Polo (ca. 1254 – 1324) berichtete von einem chinesischen Fürsten, der vergoldete Lederkleider trug und sich in einer mit Löwenleder überzogenen Sänfte tragen ließ.

Im Mittelalter wurde die Gerberei zu einem Handwerksberuf. Allerdings galt das Gewerbe als anrüchig, und zwar im ursprünglichen Sinn des Wortes: Da sich bei der Verarbeitung der faulenden Häute ein unerträglicher Gestank entwickelte, wurden Gerbereien oft vor die Stadttore verbannt.

Wie ungemein mühsam die Arbeit der Gerber einst war, davon gibt Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ einen Eindruck. Grenouille, die mörderische Hauptfigur des Buches, wird als kleiner Junge an eine Gerberei verkauft. Er „entfleischte die bestialisch stinkenden Häute, wässerte, enthaarte, kälkte, ätzte, walkte sie, strich sie mit Beizkot ein, spaltete Holz, entrindete Birken und Eiben, stieg hinab in die von beißendem Dunst erfüllten Lohgruben, schichtete (...) Häute und Rinden übereinander, streute zerquetschte Galläpfel aus, überdeckte den entsetzlichen Scheiterhaufen mit Eibenzweigen und Erde. Jahre später musste er ihn dann wieder ausbuddeln und die zu gegerbtem Leder mumifizierten Hautleichen aus ihrem Grab holen.“

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts kamen auf die so beschriebene Art und Weise überwiegend pflanzliche Rohstoffe zum Einsatz. Erst als 1858 die gerbende Wirkung des sauren Minerals Chromsalz entdeckt wurde, konnte die industrielle Massenproduktion von Leder beginnen. Günstig ist der Rohstoff seitdem zwar nicht geworden – dafür ist seine Herstellung noch immer zu aufwendig –, er wurde aber für immer mehr Menschen erschwinglich. Und einsetzbar scheint er fast überall. Lederschuhe und -jacken zu tragen, ist heute selbstverständlich, ebenso wie Taschen, Gürtel, Handschuhe und viele andere Accessoires. Ein guter Fußball ist natürlich aus Leder, genau wie Sättel und Geschirre.

Auch im Wohnbereich beschränkt sich das Angebot längst nicht auf Sofas und Sessel. Stühle und Liegen bekommen vermehrt wieder Sitzflächen aus dem strapazierfähigen Material, Hocker werden damit bezogen, es veredelt Bilderrahmen, Schachteln und Zeitschriftenständer, sogar Kissen und Bettüberwürfe aus weichem Veloursleder gibt es. Einzig die prunkvoll von Hand bemalten und vergoldeten Ledertapeten, die bis ins 18. Jahrhundert die Wände von Palästen und Häusern reicher Kaufmannsfamilien schmückten, kann man heute nur noch im Museum bewundern. Tipp: Besuchen Sie doch mal das Ledermuseum: www.ledermuseum.de .

Auch wenn immer neue, pflegeleichtere Kunststoffe und Materialien entwickelt werden, scheint Leder unersetzlich zu bleiben. Vielleicht ist seine Individualität der Grund: Jedes Tier, jede Haut ist anders und zeigt ganz einzigartige Merkmale, die jedes Ledermöbel zum ausdrucksstarken Einzelstück machen.

Trendforscher fanden zudem heraus, dass Menschen in Zeiten der wirtschaftlichen Krise dazu neigen, sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, um es sich dort gemütlich zu machen. „Homing“ nennen Soziologen dieses derzeit wieder zu beobachtende Phänomen, von dem die Möbelbranche profi tieren könnte. Statt Autos oder Reisen leisten sich viele lieber ein schönes Möbelstück wie ein Ledersofa, das sie ein Leben lang begleitet.

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