Liebe dich selbst – sonst liebst du keinen

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Wie Selbstrespekt unsere Liebe stärken kann.
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Wie uns schlechte Gedanken die Liebe verderben

"Ich bin ja so blöd..." Bei der Suche nach Liebe sind wir selbst unsere größten Feinde. Wie wir uns durch negative Gedanken jede Chance auf Liebe nehmen, verrät hier der Buchautor Martin Wehrle.

In seinem neuen Buch „Sei einzig, nicht artig“ fordert der Buchautor Martin Wehrle die Leser auf, zu sich selbst zu stehen. Wer sich selbst respektiere, bekomme dafür eine fürstliche Belohnung: ein stimmiges Leben – und den Respekt anderer...

Unsere Gedanken sind die Grundmelodie unseres Lebens

„Ich könnte mir in den Hintern beißen!“, „Warum habe ich dummes Ding bloß nicht …“, „Ich bin ja so blöd“: Eine Flut von Selbstanklagen sprudelt aus unserem Kopf, wenn wir unseren Gedanken lauschen. Innere Monologe, Silent Speech genannt, sind die Grundmelodie unseres Lebens.

Von der Art, wie wir über uns selbst denken, hängt es ab, wie andere über uns denken. Innere Stimmen erzeugen ein Echo in der Welt. Je weniger Selbstrespekt wir uns entgegenbringen, desto weniger respektieren uns andere.

Wie wir mit unseren Gedanken unsere Beziehungen zerstören

Nehmen Sie den Ehemann, der bitter beklagt, dass seine Frau ihn nicht mehr liebt und nur noch mit Gleichgültigkeit straft. Aber wie sehr liebt er sich selbst? Wie viel Aufmerksamkeit schenkt er seinen Herzenswünschen? Grollt er nicht pausenlos mit sich selbst, warum er dieses getan und jenes gelassen hat? Tut er nicht immer wieder Dinge, während er denkt: „Warum machst du das bloß?!“ Und wie kann er, der lieblos mit sich umgeht und seinen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit zollt, von seiner Frau das Gegenteil erwarten?

Nehmen Sie den Manager, der bitter beklagt, dass seine Mitarbeiter „einfach Weicheier sind, die bei jeder Überstunde losheulen und nach der Gewerkschaft rufen“. Aber wie behandelt er das „Weichei“, den Verletzlichen, in sich selbst? Kann es sein, dass er dessen Hilferufe unterdrückt und dafür in der Außenwelt hört? Dass er mit seinem Vorwurf an die Mitarbeiter letztlich sich selbst meint, weil er sich die Grenzen seiner eigenen Kraft nicht eingesteht? Und wie kann er, der sich selbst für schwach hält, die Schwäche seiner Mitarbeiter kritisieren – ohne deren Respekt zu verwirken?

Wir werden so behandelt, wie wir selbst uns sehen

Es gilt das Resonanz-Prinzip: Wir schauen in die Welt, aber sehen uns selbst. Und je nachdem, wie wir uns sehen und behandeln, werden wir gesehen und behandelt. Wer sich selbst für wertlos hält, wie der Ehemann, zieht Entwertungen durch andere an.

Wer seine eigene Schwäche leugnet, wie der Manager, wird genau an diese Schwäche erinnert – zum Beispiel durch Vorgesetzte, die ihn mit Arbeit überhäufen. Und je intensiver Menschen ihre Selbstsuche verdrängen, desto mehr rücken sie ihre Unvollkommenheit ins Scheinwerferlicht.

4 Fragen für mehr Selbstrespekt

Einzigartigkeit basiert auf Selbstrespekt. Und Selbstrespekt fängt an mit einem Blick nach innen, mit Bewusstheit. Folgende Fragen helfen dabei:

● Wann kritisiere ich an anderen, was mir heimlich an mir selbst missfällt, zum Beispiel Lieblosigkeit, Unordnung, Geiz, Faulheit, Egoismus oder mangelnde Charakterstärke?

● Wann werfe ich meinen Mitmenschen Sätze in der Du-Form an den Kopf, die ich sonst heimlich über mich selbst denke: „Ich halte einfach zu wenig aus!“, „Ich muss mehr schaffen!“ oder „Ich bin eine Heulsuse!“?

● Kann es sein, dass ich meinen inneren Krieg nach außen verlege, um selbst nicht verletzt zu werden? Wenn ja: Wer hat mir diesen Krieg erklärt? Wann – zum Beispiel in der Erziehung – fing es an, dass ich mich nicht mehr mögen konnte, wie ich bin, und ich mir den Selbstrespekt versagte?

● Angenommen, ich könnte Frieden schließen mit mir selbst und liebevoll über mich denken, auch über meine (kleinen und größeren) Schwächen – kann es sein, dass dieser Selbstrespekt als Echo mehr Respekt von außen brächte? Solchen, der mir als Individuum gilt – und nicht nur meinem Wohlverhalten?

Versöhnung mit dem eigenen Ich

Natürlich können Sie die Welt verändern, es ist ganz einfach: Verändern Sie sich selbst! Wenn Sie anders (über sich) denken, anders sprechen und anders auftreten, werden Sie auch andere Reaktionen erzeugen – so wie jeder Zug, den Sie auf einem Schachbrett machen, einen anderen Gegenzug erzeugt.

Sobald der Ehemann ausstrahlt, dass er sich selbst annimmt und wertschätzt, erhöht er die Chance, von seiner Frau Achtung und Wertschätzung zu erhalten – oder festzustellen, dass es für ihn die falsche Frau ist.

Diese Versöhnung mit dem eigenen Ich gelingt umso leichter, je mehr Sie sich eingestehen, dass jedes Gefühl in Ihnen ein nützliches Gefühl ist, auch Hass, auch Traurigkeit, auch Ohnmacht. Wie es die Nacht braucht, damit wir die Helligkeit des Tages erkennen, so braucht es den Hass, um die Liebe zu erkennen; die Traurigkeit, um die Fröhlichkeit zu erkennen; die Ohnmacht, um die Macht zu erkennen. Das eine bedingt das andere. Kein Pol ist gut, kein Pol ist schlecht; jeder Pol ist notwendig.

Warum wir unser Glück verdienen wollen

Angenommen, Sie hätten die Chance, sich an eine „Glücksmaschine“ anschließen zu lassen, die Sie rund um die Uhr mit Glück erfüllt, bis an Ihr Lebensende. Würden Sie sich darauf einlassen? Als der amerikanische Philosoph Robert Nozick diese Chance in einem Gedankenexperiment anbot, winkten die meisten Menschen ab. Offenbar hat das willkürliche Glück für uns keinen Wert. Wir wollen unser Glück verdienen, sprich Phasen mit weniger Glück überwinden. Wir ahnen die Bedeutung der Polarität.

Geben Sie allen Anteilen Ihrer Persönlichkeit Raum, auch den oft verdrängten, den Schatten. Dann fühlen sie sich ernst genommen, agieren nicht mehr als Heckenschützen und schalten sich konstruktiv in den inneren Dialog ein. Denn es gibt viele Situationen, in denen zum Beispiel die Wut ein höchst nützliches Gefühl ist, etwa um Angriffe abzuwehren.

Auf dieser Basis entwickeln sich aus der Anklage „Ich könnte mir in den Hintern beißen!“ Fragen zur Selbstklärung: „Ich spüre, dass ich unzufrieden mit mir selbst bin. Woher kommt das, welchen inneren Anteil habe ich verletzt? Welchen Anspruch stellt er? Stammt diese Forderung aus der fernen Vergangenheit, oder entspricht sie meiner jetzigen Persönlichkeit? Was davon kann ich akzeptieren? Wozu sage ich Nein?“ Indem Sie alles, was in Ihnen ist, mit Respekt betrachten, werden Sie Frieden mit sich selbst schließen – und mehr Respekt von außen ernten.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch „Sei einzig, nicht artig – Wie Sie nie mehr Ja sagen, wenn Sie Nein sagen wollen“ (Mosaik, 2015).

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