Liebesbriefe vom Ghostwriter

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Laura Nunziante selbst hat noch nie einen Liebesbrief bekommen. Oder einen in eigener Sache geschrieben. Doch die Ghostwriterin tut es für andere Menschen.
Foto: Tetra Images/Corbis

Die Gefühle der anderen: Laura Nunziante ist eine Ghostwriterin für Liebesbriefe

Bewegende Worte treffend auf Papier zu bringen, ist eine wahre Kunst. Und zwar eine, mit der Laura Nunziante ihr Geld verdient. Als Ghostwriterin für Liebesbriefe.

"Marlene", steht da in schwarzen Buchstaben auf dem Bildschirm. Ohne "Liebe", ohne "Meine". Nur der schlichte Name. Das ist Laura Nunziante wichtig, um die Ernsthaftigkeit ihres Briefs zu unterstreichen. Erst nach dem Absatz und einem tiefen Atemzug schreibt sie weiter: "Vermutlich kommt dieser Brief für dich äußerst überraschend, aber erst heute traue ich mich, über meine Gefühle zu sprechen, dir die Gründe zu nennen, warum ich damals so abweisend war".

Ihre Gedanken fasst die 27-Jährige dabei genauso klar und geordnet in Worte, wie die Bücher auf dem Schreibtisch in der Ecke des Schlafzimmers in Reih und Glied stehen. Doch es ist nicht ihre eigene Geschichte, die Nunziante in die Tastatur ihres Laptops tippt. Die freiberufliche Autorin schreibt Liebesbriefe im Auftrag. 70 Euro berechnet sie pro Seite. Ein bis drei braucht sie, um zu sagen, was gesagt werden soll.

Laura Nunziante, 27, schreibt zwei Liebesbriefe pro Woche - für die Textagentur "Feine Reime". Und sucht nach einem Verlag für ihren ersten Liebesroman. Foto: privat.

Meist sind es Männer, die sich an Laura Nunziante wenden. Oft in der Hoffnung, eine (fast) verlorene Liebe doch noch zurückzugewinnen - oder aber, um sich ein letztes Mal von ihr zu verabschieden. "Briefe für Frischverliebte schreibe ich eher selten. Die meisten Aufträge bekomme ich, wenn es Probleme oder Kummer in einer Beziehung gibt und sich die Menschen daran erinnern, wie wundervoll klassische Liebesbriefe sind." Das Talent, so einfühlsam mit Sprache umzugehen, dass man die Gefühle anderer in bewegende Worte fassen kann, hat Laura Nunziante während ihres Studiums "Kreatives Schreiben" in London perfektioniert. Auch von großen Literaten und Briefeschreibern wie Franz Kafka lässt sie sich immer wieder inspirieren. Dennoch ist Nunziante Realistin: "Meine Liebesbriefe können natürlich nur im ersten Moment etwas auslösen - aber niemals die Beziehung retten."

"Die Art, wie du die Welt siehst, wie du erzählst und wie deine Stimme warm und weich wird, wenn sie sich erklären will - das alles brauche ich in meinem Leben ...", beginnt die zweite Seite des Briefes an Marlene. Die Stimme, die Nunziante beschreibt, hat sie selbst nie gehört. Aber Marlenes Ex-Freund hat sie ihr eindringlich beschrieben.

Bis zu einer Stunde spricht Nunziante mit ihren Auftraggebern. Um ihre Geschichte zu erfahren und die Beziehung zu verstehen. "Es ist auch sehr wichtig, herauszuhören, wie die Menschen am Telefon sprechen, um den Brief authentisch schreiben zu können. Was benutzen sie für Füllwörter? Wie lang sind ihre Sätze?", erklärt Nunziante. Nur so gelingt ihr am Ende die perfekte Illusion - schließlich soll die Empfängerin des Briefs keinen Zweifel haben, dass die Worte echt - und von ihm - sind.

"Man muss aber aufpassen, dass es am Ende ein Job bleibt. Auch wenn mich einige Geschichten berühren." Wie die tragische Situation einer Frau, die sich in ihren Schwager verliebte. Oder die Geschichte eines Mannes, der noch nach Jahren an einer verlorenen Jugendliebe hing.

"Marlene, die Wahrheit ist: Ich vermisse dich. Bei dir fühle ich mich wie der Mensch, der ich wirklich bin. Jens", beendet Nunziante diesen Brief. Ohne Ich liebe dich. "Das zu schreiben, wäre faul. Denn eigentlich soll der Brief genau das bereits gesagt haben", erklärt sie. Ob Jens seine Marlene zurück gewinnt, wird Nunziante nie erfahren. "Das ist okay, ich konzentriere mich lieber auf meine eigene Beziehung." Ihrem Freund Benny hat sie übrigens noch nie einen Brief geschrieben. "Aber ich würde so gerne mal selbst einen bekommen."

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