AchtsamkeitMentales Entrümpeln! Wie du dein Leben nicht mit Leuten und Dingen vergeudest, auf die du keine Lust hast

Mentaler Druck entsteht auch durch zu hohe Anforderungen an sich selbst.
Alles zu viel? Mentaler Druck entsteht auch durch zu hohe Anforderungen an sich selbst.
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Bist du gestresst und überarbeitet? Enttäuscht vom Leben? Hast du es satt, allen zu gefallen, statt an dich selbst zu denken? Dann ist es Zeit für dich, zu sagen: Sorry, but not sorry!

Hör auf, dich zu entschuldigen. Vergiss die Meinung der anderen. Mach dich frei von ungeliebten Verpflichtungen, Scham und Schuld. Beschäftige dich lieber mit Leuten und Dingen, die dich glücklich machen.

Wie das funktioniert, verrät hier die Buch-Autorin Sarah Knight, die mit über 40 ihren Job schmiss und seither sehr viel glücklicher als freie Lektorin und Autorin lebt, anhand eines Beispiels von ihrer Hochzeits-Planung:

Schluss mit den ewigen Pflichten!

"Ich wurde als Jasagerin geboren. Sie vielleicht auch. Als selbsternannte überehrgeizige Perfektionistin lud ich mir seit meiner Kindheit und Jugend so ziemlich jede Verpflichtung auf, die mir über den Weg lief. Ich nahm unzählige Projekte in Angriff, legte reihenweise standardisierte Tests ab, um die Anerkennung meiner Familie, meiner Freunde, ja sogar entfernter Bekannter zu erringen. Ich gab mich mit Leuten ab, die ich nicht mochte, um großherzig zu wirken; ich erledigte Jobs, die unter meiner Würde waren, um die Fleißige zu sein; ich aß Sachen, die ich eklig fand, um nicht unhöflich zu erscheinen. Kurzum: Ich zog mir jeden Schuh an, sagte zu jedem Mist ja. Und das viel zu lange.

So kann man auf Dauer nicht leben. Als ich das erste Mal jemanden traf, dem solcherlei Dinge am Arsch vorbeigingen, war ich Anfang zwanzig. Nennen wir diese Person Jeff. Jeff war Inhaber eines erfolgreichen Unternehmens und hatte einen großen Freundeskreis. Und er tat nie etwas, was er nicht wollte. Trotzdem wurde er von allen respektiert und geschätzt. Sie hätten niemals von ihm erwarten dürfen, dass er zur Tanzaufführung Ihres Sprösslings in den Kindergarten kommt oder den Zieleinlauf bei Ihrem siebzehnten 5-Kilometer-Rennen bejubelt. Aber das machte nichts, denn so war er einfach, verstehen Sie, was ich meine? Er war ein vollkommen netter, geselliger und angesehener Mann, obwohl er nur die Dinge tat, die ihm wirklich am Herzen lagen – eine enge Beziehung zu seinen Kindern pflegen, Golf spielen, jeden Abend Jeopardy im Fernsehen schauen. Und der ganze Rest?

Auf. Den. Gab. Er. Einen. Scheiß.

Er wirkte immer ausgeglichen und – nun ja: glücklich. Hm, dachte ich oft, nachdem ich Zeit mit ihm verbracht hatte. Ich wünschte, ich könnte mehr so sein wie Jeff. Später, mit Mitte zwanzig, hatte ich einen Nachbarn, der in der Wohnung unter mir wohnte und ein absoluter Alptraum war. Aus unerfindlichen Gründen war es mir so wichtig, was dieser Nachbar über mich dachte, dass ich mich ständig seinen vollkommen absurden Forderungen beugte. (Einmal überredete er eine Bekannte von mir dazu, in hochhackigen Schuhen in meiner Wohnung umherzuspazieren, während ich mit ihm zusammen ein Stockwerk tiefer auf seinem Sofa saß und ihren Schritten lauschte. Ich hörte zwar nichts, pflichtete ihm aber dennoch artig bei, dass es »schon ein bisschen laut« sei.)

Der Kerl hatte ein paar Schrauben locker, das stand völlig außer Zweifel – wieso also kümmerte es mich, ob er mich leiden konnte oder nicht? Rückblickend hätte ich spätestens dann auf Mr Rosenbergs Ansichten scheißen sollen, als er meine Mitbewohnerin zum ersten Mal beschuldigte, im Schlafzimmer über seinem »exzessive Körperertüchtigung zu betreiben« – und das obwohl besagte Mitbewohnerin zu der Zeit seit über zwei Wochen auf Europareise war.

Als ich auf die dreißig zuging, verlobte ich mich und begann unsere Hochzeit zu planen – ein Vorgang, der es von einem verlangt, dass man ungeheuer viele Dinge ungeheuer wichtig nimmt: Budget, Location, Catering, das Kleid, die Fotos, die Blumen, die Band, die Gästeliste, die Einladungskarten (Formulierung und Papierstärke), das selbstverfasste Gelöbnis, die Torte und alles andere – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Viele dieser Dinge waren mir tatsächlich wichtig, aber einige eben auch nicht. Trotzdem machte ich mir brav über alles Gedanken, weil ich es nicht besser wusste. Irgendwann war ich so gestresst, dass Worte wie »Zufriedenheit « und »Glück« für mich jegliche Bedeutung verloren hatten.

Als der große Tag näher rückte, bekam ich Migräne, hatte ständig Magenschmerzen und einen Hautausschlag, der so rosarot war wie die floralen Details an meinem Kleid. War es, rückblickend betrachtet, nicht pure Zeitverschwendung gewesen, mit meinem Mann darüber zu streiten, ob wir auf dem Hochzeitsempfang »Brown Eyed Girl« spielen sollten? Jap. War es wirklich nötig gewesen, persönlich jedes einzelne der Hors d’oeuvres auszuwählen, die auf der Feier herumgereicht werden sollten, zumal ich am Ende sowieso keine Gelegenheit hatte, auch nur eins davon zu essen, weil sie serviert wurden, während wir die Hochzeitsfotos machten? Nö.

Dennoch – und hier begann sich das Blatt langsam, ganz langsam zu wenden – konnte ich einen kleinen Sieg feiern. Mag sein, dass mir die Gästeliste wichtig war (denn das Budget war mir definitiv wichtig), aber wissen Sie, was mir total am Arsch vorbeiging? Die Sitzordnung! Ich hatte einfach entschieden, dass unsere Hochzeitsgäste vernunftbegabte Erwachsene waren, die keine fremde Hilfe benötigten, um sich einen Stuhl zu suchen, auf dem sie sitzen konnten, während sie sich auf meine Kosten satt aßen, betranken und von einem Unterhaltungsprogramm berieseln ließen.

Durch diese Entscheidung sparte ich Stunden – vielleicht ein Dutzend oder mehr –, in denen ich andernfalls über dem Saalplan gebrütet und Tanten, Onkel sowie Begleitpersonen den Perlen auf einem Abakus gleich hin- und hergeschoben hätte. Triumph! Nach der Hochzeit war ich mit meinen Kräften völlig am Ende. Ich hatte mein Limit erreicht. Doch zugleich hatte ich in Gestalt der nichtvorhandenen Sitzordnung auch den flüchtigen Blick auf einen Silberstreif am Horizont erhascht.

Eigentlich hätte mir die Sitzordnung wichtig sein sollen – aber statt dieses Gefühl der Verpflichtung über meine eigenen Bedürfnisse zu stellen, hatte ich kurzerhand beschlossen, darauf zu scheißen und den Dingen – beziehungsweise den Hinterteilen meiner Gäste – freien Lauf zu lassen. Und hat sich irgendjemand bei der Braut darüber beschwert? Nein."

Not sorry! Sarah Knight hat ein Buch über mentales Entrümpeln geschrieben.

Die ganze Kunst des mentalen Entrümpelns erklärt Sarah Knight in ihrem Ratgeber "Not Sorry! Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben" (Ullstein Verlag | ISBN 978-3-86493-046-1).
Foto: George Townley

 

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