Mobbing macht stark

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Mobbingopfer? Dafür ist Lizzie zu stark!
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Wie eine Frau durch Mobbing stark wird

Am 13. März ist Lizzie Velásquez 26 Jahre alt geworden. Dass sie diesen Tag überhaupt erlebt, zeugt von Stärke. Denn vor knapp zehn Jahren haben ihr tausende Mobber den Tod gewünscht.

Kinder können grausam sein. Diese Erfahrung hat Elizabeth Ann Velásquez, wie Lizzie mit bürgerlichem Namen heißt, von klein auf gemacht. Ob im Kindergarten, in der Schule oder auf der Straße: Überall wird sie ausgeschlossen, beleidigt, gemobbt. Diejenigen, die sie nicht runter machten, bemitleideten sie.

Mit 17 Jahren, als das Leben Gleichaltriger sich hauptsächlich um schicke Frisuren, hippe Kleidung und hübsches Make-Up dreht, entdeckt Lizzie ein Video auf YouTube mit dem Titel „Die hässlichste Frau der Welt“. Was sie vor dem Anklicken noch nicht weiß: Dieses Video wird nicht nur ihr Leben verändern, sondern auch viele Menschen stärken, die je gemobbt wurden.

Als sich Lizzie Velásquez das Video ansieht, ist sie sprachlos. Im Video zu sehen: sie selbst. Es wurde zahlreich kommentiert: Sie sei ein Monster, man solle sie verbrennen, foltern, sie solle sich das Leben nehmen, sich erschießen. Sogar ihre Eltern wurden an den Pranger gestellt: Ein User fragt, warum sie das hässliche Kind nicht abgetrieben hätten.

Was die Mobber nicht wussten: Lizzie leidet seit ihrer Geburt an einer seltenen Krankheit – wie Ärzte zumindest vermuten. Wissen tun sie es nicht. Die vorläufige Diagnose lautet jedoch: Neonatales Progeroides Syndrom, kurz NPS. Weltweit gibt es nur zwei weitere Menschen, die an dieser unheilbaren Krankheit mit ähnlichen Symptomen leiden.

Lizzie ist 1,60 Meter klein und zerbrechlich, verfügt weder über Muskelmasse noch über Fettgewebe. Sie kann nicht zunehmen, wiegt nur 29 Kilogramm. Ihr BMI liegt bei 10,9 – der BMI eines gesunden Menschen dagegen zwischen 20 und 25. Lizzies Haut ist dünn, sie altert schneller, ist faltig. Auf dem rechten Auge ist Lizzie blind, auf dem Linken sieht sie nur schlecht.

Oft sind Menschen mit dieser Krankheit auch geistig zurückgeblieben. Lizzie nicht. Im Gegenteil: Die Texanerin ging auf’s College, studierte Kommunikationswissenschaften und schrieb nebenbei drei Bücher, darunter den Ratgeber „Sei schön, sei du selbst“ und die Autobiographie „Lizzie Beautiful“. Der (vorläufige) Höhepunkt: Ein Dokumentarfilm über sie mit dem Titel „A Brave Heart: The Lizzie Velasquez Story“ – am Samstag feierte der Film Premiere in Lizzies Heimatstadt Austin, Texas.

Doch wie schaffte es Lizzie, trotz Mobbing so stark zu bleiben? "Wird ein Kind wiederholt ausgegrenzt, beleidigt und abgewertet, kann dies zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls führen. Die Opfer beginnen zu verinnerlichen, was über sie gesagt wird und diese Art negativer Gedanken begünstigen die Entstehung von Angsterkrankungen und Depressionen", sagt Gerd Schulte-Körne von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in Berlin gegenüber welt.de. Mobbing-Opfer werden oft ängstlich, unsicher und einsam.

Auch Lizzie ließ das Mobbing zunächst nicht kalt. "Ich habe nächtelang geweint, als ich das Video sah - als Teenager dachte ich, mein Leben sei jetzt vorbei", sagt Lizzie gegenüber BBC. "Ich konnte mit niemandem darüber reden, ich war so schockiert", erinnert sie sich. Aber sie gab ihr Leben nicht auf.

Zu verdanken hat es Lizzie hauptsächlich der Erziehung ihrer Eltern: Von klein auf wurde sie in der Schule gehänselt – ihre Eltern munterten sie jeden Tag erneut dazu auf, positiv zu denken, den Kopf nicht hängen zu lassen. So ging sie durchs Leben: Immer lächelnd, mit erhobenem Haupt, freundlich zu jedem. Neun Jahre nach dem You-Tube-Video hat sie sogar der Person verziehen, die es veröffentlicht hat. „Ich weiß ja nicht, was diese Person im Leben durchstehen musste“, begründet Lizzie ihre Güte. „Mein Leben ist oft hart – aber vielleicht hat dieser Mensch noch ein viel härteres Leben als ich.“

Zudem brachte sie dieses Video auf die Idee, einen eigenen You-Tube-Channel zu produzieren. Um den Millionen Menschen, die sich das Video über die ‚Hässlichste Frau der Welt‘ ansahen, zu zeigen, wer sich hinter diesem Äußeren verbirgt. Und um zu zeigen, dass jeder selbstbewusst sein und sich in seiner Haut wohlfühlen kann – ganz gleich wie er aussieht.

Seitdem schauen Millionen Menschen zu der kleinen Frau auf. Auf Twitter, Facebook und Instagram hat sie unzählige Follower, zudem betreibt sie ihre eigene Webseite, wo sie Menschen motiviert, sich durch Mobbing nicht unterkriegen zu lassen. Viele schrieben ihr, dass sie ihnen Mut mache. Zusammen mit Tina Meier, einer Frau, dessen Tochter sich das Leben nahm, weil sie gemobbt wurde, kämpft sie nun für ein ‚Anti-Mobbing-Gesetz‘.

Eines Tages wurde die Filmproduzentin Sara Hirsh Bordo auf sie aufmerksam. Bis Juni 2014 hatte sie per Crowdfunding 180.000 Dollar gesammelt - von Menschen rund um den Globus – um einen Dokumentarfilm über Lizzie zu drehen. Der Film soll zeigen, dass Mobbing nicht nur Opfer, sondern auch Helden hervorbringen kann.

„Ich erzähle darin nicht meine Geschichte. Ich erzähle die Geschichte von jedem“, sagt Lizzie in der Filmvorschau. Lizzie ist aus all den Mobbing-Attacken stärker hervorgegangen. Mit ihr haben sich auch die Kommentare unter den Internetvideos geändert. Ein User schreibt: „Danke, Lizzie, du bist die Definition von wahrer Schönheit, Inspiration und Mut.“

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