Mythos Mutterkuchen: So nutzen Eltern die Plazenta

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In der Schwangerschaft wird das Baby über die Plazenta ernährt.
Foto: Thinkstock

Um kein Detail der Geburt ranken sich so viele Mythen wie um die Plazenta. Dass viele Eltern den Mutterkuchen mit nach Hause nehmen, ist fast nichts Besonderes mehr. Der Brauch einen "Lebensbaum" auf das alte Gewebe zu pflanzen, ist weit verbreitet. Aber auch das spirituelle Essen der Plazenta scheint immer weiter um sich zu greifen. Natürlich oder widerlich?

Die Plazenta besteht aus mütterlichem und embryonalem Gewebe. Rund 500 Gramm schwer und 20 Zentimeter groß ist der Mutterkuchen im Durchschnitt. In Form und Konsistenz ähnelt sie der Leber. Ihre Funktion ist allerdings eine andere. Während das Baby im Uterus reift, wird es über die Plazenta ernährt. In jeder Phase der Schwangerschaft hat der Mutterkuchen spezielle Aufgaben und reift mit dem Kind. Eine besondere Funktion ist die Plazentaschranke. Sie sorgt dafür, dass das Baby vor Keimen und Viren geschützt ist, in dem diese von der Plazenta abgefangen werden.

Der Gedanke, dass, wenn das Kind erst mal draußen ist, alles vorbei ist, ist weit verbreitet. Doch auch die Plazenta, Teile der Nabelschnur und die Eihäute müssen noch "geboren" werden. Das geht manchmal sogar mit erneuten Wehen und Schmerzen einher. Viele Völker sehen in der Nachgeburt den seelischen Zwilling des Babys und beerdigen diesen nach der Geburt sogar.

Grundsätzlich ist der Mutterkuchen genießbar. Ihm wird sogar eine regenerierende Funktion für die Mutter nachgesagt. Dennoch: Die Plazenta filtert viele Schadstoffe, kann grau sein oder durch Löcher zersetzt. Diesen Schritt zu wagen und den Mutterkuchen zu essen, kann selbst für sehr naturverbundene Eltern hart sein.

Unglaublich, aber es gibt sogar Plazenta-Kochbücher. Dort wird erklärt, wie man Mutterkuchen-Carpaccio oder Lasagne aus der Plazenta macht. Durchaus nur etwas für Hartgesottene. Ebenfalls eine schwierige Vorstellung: In Foren kursieren Gerüchte darüber, dass Plazenta in roher Form durchaus wohlschmeckend für die Mutter sein soll.

In den 60er Jahren wurden oftmals Cremes aus Mutterkuchen hergestellt. Einschlägige Namen wie Hormocenta oder noch eindeutiger Placentubex standen in jedem Badezimmerschrank. Man hoffte damals an die positive Wirkung der Hormone im Mutterkuchen. Durch die Verbreitung von Aids verschwand auch die Plazentaverwendung in der Pharma- und Kosmetikbranche. Heute ist die Nutzung des Mutterkuchens für Globoli weit verbreitet. Aus dem Gewebe werden kleine homöopathisch Kügelchen hergestellt, die die Mutter stärken sollen.

Grundsätzlich ist es in Deutschland erlaubt, die Plazenta mit nach Hause zu nehmen und nach eigenen Wünschen zu nutzen. Kritiker bezeichnen das Essen der Plazenta allerdings als Kannibalismus. Letztendlich ist es den Eltern selbst überlassen, wie sie das Gewebe nutzen möchten. Jeder kann hier seine eigenen Grenzen ausleben.

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