Mythos Übergewicht: Das gesunde Pfündchen mehr

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Leichtes Übergewicht soll nach aktuellen Studien sogar gesund sein. Was ist an den Erkenntnissen dran?
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Neue Studien klären auf

Kennen Sie das auch? Besonders im Sommer, der Jahreszeit der figurbetonten Kleidung, meldet sich bei jeder Kugel Eis das schlechte Gewissen. „Na, hast Du Dir das auch gut überlegt? Sitzt das Kleid von letztem Jahr nicht ein bisschen stramm?“ – flüstert es uns ins Ohr. Und dann gibt es Knäckebrot statt Kuchen. Doch spätestens nach einer Woche Diät ist es oft soweit: Wir kapitulieren vor der Lust auf Süßes oder Herzhaftes und beißen voller Genuss in ein Stück Pizza oder ein Hefeteilchen.

Häufig wird das als mangelnde Selbstbeherrschung belächelt. Was nicht nur unfair ist, sondern auch falsch – erklärt Professor Achim Peters. In seinem neuen Buch „Mythos Übergewicht. Warum dicke Menschen länger leben“ belegt der Hirnforscher, dass es erstens nicht an fehlendem Willen liegt, wenn wir leckerem Essen nicht widerstehen können – und zweitens, dass Übergewicht gesünder ist als bisher angenommen wurde.

 

Sind mollige Menschen im Vorteil?

Zuerst fiel es Medizinern auf der Intensivstation auf: Ob bei Nierenstörungen, Schlaganfall, Hirnblutung oder Krebs – mollige Patienten hatten im Schnitt bessere Überlebenschancen. Aber: Das gilt bis zu einem Taillenumfang von 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern! Auch Professor Peters ist der Ansicht, dass die positiven Aspekte des geringen Übergewichts bei weitem die negativen schlagen.

Dazu verglich er die Daten aus mehr als 50 Studien und kam zu folgendem Ergebnis: Fülligere Menschen leiden seltener unter Bluthochdruck, Depressionen, Muskelschwäche und Osteoporose. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, sinkt. Warum ist das so? Mollige sind, so der Forscher, besser gegen Stress geschützt – und der sei ein schlimmerer Krankmacher als ein paar Kilo zu viel.

Minuspunkte sieht der Wissenschaftler nur in der eingeschränkten Beweglichkeit und bei Gelenkerkrankungen. Kaum zu glauben?

 

„Atemlose Stresstypen“ bleiben schlank

Nicht, wenn man sich die Begründung ansieht: Ist das Stress-Hormon Kortisol dauerhaft erhöht, kann dies den Körper regelrecht vergiften. Die Folge: Wir altern schneller, Muskel-, Knochen- und Bindegewebe bauen ab, das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Zumindest wenn wir zu den Menschen gehören, die trotz Stress schlank bleiben.

Wissenschaftler nennen diese die „atemlosen“ Stress-Typen. Sie haben ein sehr empfindliches Stress-System. Daher stehen sie bei Belastungen innerlich immer „unter Strom“, nämlich dem Einfluss von Kortisol – mit entsprechend negativen Folgen.

Ganz anders reagiert der Körper von Menschen, die in nervigen Zeiten Pfunde zulegen: Sie werden die „ausgeglichenen“ Stress-Typen genannt. Ihr Körper ist in der Lage „runterzufahren“ und die schädlichen Hormone zu verringern. Der Preis hierfür: eine Gewichtszunahme. Denn das Gehirn dieses Typs muss zusätzlich mit Zucker versorgt werden, besonders in belastenden Situationen. Folglich wird mehr gegessen.

 

Besser auf die Hüften, als aufs Herz

Das Problem: Leider gelangt von den aufgenommenen Kalorien nur ein geringer Teil in das energiehungrige Gehirn – der Rest landet auf den Hüften. Und mag dies auch nicht dem (heutigen) Schönheitsideal entsprechen – es ist weitaus gesünder, als wenn der Körper dauerhaft unter den schädlichen Stress-Hormonen steht. Diese sind ein zusätzlicher Stressfaktor, die den Kortisolspiegel weiter erhöhen. Deswegen ist Hungern sogar gefährlich.

 

Und was passiert bei Diäten?

Durch den dauerhaften Mangel an Nahrung wird das Gehirn nicht richtig mit Energie versorgt. In dieser „Notsituation“ fährt es die weniger wichtigen Funktionen herunter, um Energie zu sparen. Das führt zu Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und Unlust – und löst so zusätzlichen Stress aus. Ein ewiger Kreislauf!

Auch die Ärzte der Adipositas-Ambulanz am Leipziger Uniklinikum sehen Diäten kritisch. Sofern die Patienten gesund sind, machen Diäten keinen Sinn, sind sie überzeugt. Die einzige Ausnahme: wenn jemand sehr unter seinen Gelenkproblemen leidet. Am besten ist es also, sein Gewicht zu akzeptieren, statt vermeintlichen Schönheitsidealen nachzueifern.

 

Stress abbauen mit Bewegung

Wer trotzdem abnehmen möchte, dem bleibt nur ein gesunder Weg: Stress abbauen – damit das Gehirn nicht mehr so viel nach „Extra-Kalorien“ verlangt. Ein guter Weg ist leichter Sport, z.B. zügiges Spazieren gehen, Schwimmen oder Rad fahren. 75 Minuten davon pro Woche schützen vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Studien belegen zudem, dass übergewichtige Sportler drei Jahre länger leben als schlanke Bewegungsmuffel.

 

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